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„Für Ernst - mein Freund“

Erinnerungen an Pierre Brice „Für Ernst - mein Freund“

Ernst Reher sitzt im Wintergarten seines Hauses in der Kreutzkampsiedlung in Bad Segeberg und hat ein Fotoalbum auf dem Tisch liegen. Am Vormittag hat er erfahren, dass Pierre Brice gestorben ist.

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Pierre Brice bot Karl-May-Chef-Sheriff Ernst Reher vor mehreren tausend Zuschauern das „Du“ an. Der Geschäftsführer war gerührt.

Bad Segeberg. So verblüfft wie an jenem Spätsommertag im Jahr 1999 war Ernst Reher selten. Da stand er vor mehreren tausend Zuschauern im Freilichttheater am Kalkberg, wurde als Geschäftsführer der Karl-May-Spiele verabschiedet – und plötzlich wandte sich Regisseur Pierre Brice mit treuherzigem Blick an ihn: „Isch 'eiße Pjäär - darf isch ,Ernst’ sagän?“ Wenige Sekunden später umarmten sich die Männer herzlich. Das Publikum war außer Rand und Band.

 16 Jahre später. In einem Fotoalbum sind die Bilder jenes denkwürdigen Spätsommertages verewigt. Noch immer kann Reher nicht fassen, dass ihm Brice damals das Du angeboten hat und ihm später in seine Biografie die Widmung „Für Ernst - mein Freund“ schrieb. Reher sucht nach Worten. „Wissen Sie, ich war doch nur ein kleiner Verwaltungsbeamter und er dieser berühmte Schauspieler...“

 Der Lebensweg der beiden Männer, jeweils 1929 geboren, hatte sich Anfang der 1980er Jahre erstmals gekreuzt. Brice gastierte damals mit einem Karl-May-Stück in der Wiener Stadthalle. Reher war mit dem damaligen Bürgermeister Uwe Menke in die Donau-Metropole geflogen, um auszuloten, ob sich der berühmte Franzose ein Engagement am Kalkberg vorstellen könne. Konnte er – aber es gingen noch einige Jahre ins Land. Vorerst hatten die Karl-May-Festspiele in Elspe Vorrang.

 „Er war kein schwieriger Verhandlungspartner“, schildert Reher und blättert durch das Album. Dass der Leinwand-Star von 1988 bis 1991 in Bad Segeberg ritt, sei von großer Bedeutung für die Spiele gewesen. „Wir haben damit eine ganz neue Zuschauerschicht erschlossen.“ Und nicht nur das: Auch so manch bekannter Schauspieler ließ sich nun, da quasi Winnetou persönlich in Bad Segeberg aufgetreten war, von einer Mitwirkung überzeugen.

 Im Umgang mit den Fans, die ihn am Kalkberg zeitweise regelrecht belagerten, war Brice eher scheu und zurückhaltend. Wenn er etwa im Kellerstudio von Tontechniker Dietmar Dembiany an der Lübecker Landstraße zu Gast war, durfte das niemand wissen. Seinen Wagen parkte Brice in der Garage und spazierte dann in aller Ruhe inkognito durch die Kreutzkampsiedlung.

 Gleich im ersten Jahr war er gemeinsam mit Ehefrau Hella Gast bei Ernst Reher zu Hause. „Meiner Frau hat er zur Begrüßung die Hand geküsst“, erzählt Reher schmunzelnd. „Sie sagte daraufhin: Jetzt werde ich mir acht Wochen die Hände nicht waschen.“

 Bei seiner offiziellen Präsentation hatte der berühmte Franzose mit einem plattdeutschen Spruch für Aufsehen gesorgt: „Ick freu mi up zu all!“ Wie lange Brice in Bad Segeberg bleiben würde, wusste damals niemand. „Er hatte immer Jahresverträge.“

 Auf der Hinterbühne des Freilichttheaters richtete sich Brice einen Wohnwagen behaglich ein und genoss dort nach den Vorstellungen gern mal ein Glas Rotwein. Solch einen guten Tropfen genehmigte er sich aber nur außerhalb der Arbeit. Vor und während der Vorstellungen war jegliches Feuerwasser für ihn tabu. Gern saß er im mittlerweile geschlossenen Restaurant „La Scaletta“ und genoss die italienische Küche.

 1988 wurde „Winnetou, der Apache“ gespielt, ein von Brice verfasstes Fantasiestück, das es bei Karl May nicht gibt. 1989 wollte er „Winnetou und das Geheimnis des Feuerberges“ auf die Bühne bringen – jenes Stück, mit dem er einst in Wien aufgetreten war. Doch diesmal legte die Kalkberg GmbH ihr Veto ein. Es müsse ein echter Karl-May-Titel her. „Wir sagten ihm: Das muss Karl May bleiben“, berichtet Reher, „das darf kein Etikettenschwindel werden.“ Brice strickte sein Textbuch zum „Schatz im Silbersee“ um.

 Nach „Winnetous letzter Kampf“ im Sommer 1990 wollte der Altstar eigentlich aufhören. Winnetou war gestorben – aber es stand die 40. Saison der Karl-May-Spiele vor der Tür und die Fans forderten Brice’ Rückkehr. „Auch wir haben gekämpft“, sagt Reher. Der Star ließ sich erweichen.

 Fast wäre die Premiere 1991 von „Winnetou – das Vermächtnis“ jedoch ausgefallen, weil der kleine Braunbär „Charly“ herzhaft in Brices rechte Hand gebissen und sich die Wunde entzündet hatte. „Das war alles sehr fraglich“, sagt Reher. Glücklicherweise habe Brice dann doch auftreten können. In der Vorstellung spielte er sogar mit dem quirligen Bären und drohte scherzhaft: „Nicht noch einmal, du blöder Affe...“

 Ärger habe es mit Brice fast nie gegeben, erinnert sich Reher. Nur ein einziges Mal habe es zwischen dem Star und dem Intendanten Peter Hick derart gekracht, dass beide im Rathaus bei Bürgermeister Jörg Nehter antreten mussten. Reher: „Die kamen aber schnell wieder miteinander aus.“

 Brice wurde laut Reher gut bezahlt und am Gewinn beteiligt, aber die Kalkberg GmbH habe durch den immensen Erfolg die finanziellen Grundlagen für dringend notwendige Investitionen in den Folgejahren legen können. Der Umbau der Hinterbühne wegen des Naturschutzes, ein neues Tonsystem – all das hätte man sich ohne das Finanzpolster aus den Pierre-Brice-Jahren nur schwer leisten können.

 In der Saison 1999, in der Brice als Regisseur am Kalkberg arbeitete, brannte wenige Tage nach der Premiere fast das gesamte Bühnenbild ab. Brice inszenierte das Stück innerhalb von 44 Stunden (!) streckenweise neu. „Der hat sich über Nacht hingesetzt und vieles neu geschrieben“, schildert Reher. Mit Hilfe von 50 Männern des Panzergrenadierbataillons 182, das damals noch in Bad Segeberg stationiert war, wurde ein provisorisches Bühnenbild errichtet. „Ich liebe die Soldaten!“, schwärmte Brice, als die nächste Vorstellung planmäßig beginnen konnte.

 Nach 1999 sah Reher seinen Freund Pierre nur noch ein einziges Mal wieder: im Kleinen Theater am Markt in Wahlstedt, wo er bei einer Tournee gastierte. Ernst Reher klappt das Fotoalbum zu. „Es war eine schöne Zeit mit ihm.“

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