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Bedenken bei Gas-Autos

Ein Jahr nach dem Unfall in Rohlstorf Bedenken bei Gas-Autos

Ein Jahr liegt der schwere Verkehrsunfall mit Explosion eines gasbetriebenen Autos bei Rohlstorf zurück. Ein Fachmann erhebt jetzt schwere Vorwürfe: Etliche Gasautos seien vermutlich unsicher, behauptet er.

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Auch ein Jahr nach dem schlimmen Unfall bei Rohlstorf sind noch einige Fragen ungeklärt.

Quelle: Archiv

Kreis Segeberg. Und die zehn Feuerwehrleute aus Rohlstorf und Krems II, die beim Löscheinsatz verletzt worden waren, hätten sich falsch verhalten, geht die Kritik weiter.

 Damals, am 15. August 2014, war ein Mann auf einer Landstraße in Rohlstorf schwer verunglückt. Ein Gutachten der Dekra ergab später: Nach dem Unfall liefen Bremsflüssigkeit und Getriebeöl aus; sie entzündeten sich an heißen Bauteilen des Motors. Das Auto fing Feuer. Der Gastank sei zwar korrekt eingebaut gewesen, doch das Überdruckventil wegen einer Ablagerung verstopft. Die Folge: Der Tank explodierte. Zehn Feuerwehrleute aus Rohlstorf und Krems II wurden verletzt. Ungeschützte Hände und Gesichter verbrannten. Die Retter mussten in Kliniken behandelt werden und trugen Hautschäden davon.

 Im April 2015 gab das Kraftfahrtbundesamt (KBA) eine Warnung heraus: Das im Unfallauto verbaute BRC Multiventil Europa1 darf in anderen Fahrzeugen nicht weiter genutzt werden und muss ausgetauscht werden. „Es wurde festgestellt, dass die Sicherheits- beziehungsweise Überdruckventile dieser Multiventile aufgrund von Alterung möglicherweise nicht ausreichend funktionieren.“ Der Typ Europa2 sei aber nicht betroffen. Das KBA riet den Autofahrern, sich wegen des Austauschs an den Generalimporteur in Deutschland, die Firma Gasdrive in Althengstett (Baden-Württemberg), zu wenden.

 Gasdrive-Geschäftsführer Florian Melber erhielt rund 120 Austausch-Anfragen aus Deutschland. „Viele Autos waren mit diesem Ventil nicht unterwegs.“ Die Teile würden im Original von einer Firma in Italien hergestellt. Melber hält das Ventil Europa1, entgegen der KBA-Warnung, für sicher. Er habe die ausgebauten Altventile kontrollieren lassen. Sie seien alle gut erhalten gewesen. „Alterungen waren kein Thema. Sie sahen aus wie neu, waren nicht spröde.“ Bei dem Unfall in Rohlstorf sei - für ihn unerklärlich - ein Kautschukteil ins Ventil hineingeraten.

 Spätere Tests des KBA mit dem kritisierten Ventiltyp hält er für „völligen Blödsinn“. Die Versuchsanordnung sei von Grund auf falsch gewesen. Dass das KBA die Ventile zurückgerufen habe, könne er aber wiederum verstehen. Das KBA habe nach dem Unfall ja etwas tun müssen.

 Das Problem sieht Melber an anderer Stelle, bei Autos, die nachträglich mit Gasbetrieb ausgerüstet werden. Leider seien auf dem internationalen Markt Ventile für Gasautos erhältlich, die schlechtere Qualität hätten. Sie kosteten nur 20 bis 30 Euro statt knapp 100 Euro für gute.

 Außerdem würden viele Kfz-Werkstätten Gastanks verbauen, ohne das Handwerk richtig zu beherrschen, so Melber: „80 Prozent der Einbauten sind Pfusch.“ Und nicht zuletzt sei die Endabnahme nach dem Umbau durch technische Prüfer oft mangelhaft: „Die gucken da nicht genau hin.“

 Auch den Freiwilligen Feuerwehren aus Rohlstorf und Krems II macht Melber Vorwürfe. „Sie haben fahrlässig gelöscht, ohne Schutzkleidung und ohne genügend Abstand einzuhalten.“

 Stephan Immen, Pressesprecher des Kraftfahrtbundesamtes (KBA), möchte die Kritik von Gasdrive nicht kommentieren. Er betont aber, der Ventiltest des KBA sei korrekt verlaufen. Einen weiteren Verkehrsunfall mit einem Gasauto wie bei Rohlstorf habe es nicht wieder gegeben. Auf Deutschlands Straßen fahren rund eine halbe Million Autos mit Flüssiggasbetrieb. Wie viele Autos nachträglich mit Gasantrieb ausgerüstet wurden, wisse das KBA nicht. Für Nachrüstteile gebe es internationale oder EU-Standards. Die Kfz-Werkstätten, so Immen, wüssten in der Regel, welche geeignet seien.

 Beim Einbau eines Gasantriebs können durchaus Fehler gemacht werden, sagt Christian Hieff, Pressesprecher des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) in Hamburg. Und auch in einem anderen Punkt gibt er dem Gasdrive-Geschäftsführer Melber tendenziell Recht: „Nicht immer wird bei der Hauptuntersuchung genau kontrolliert.“

 Der TÜV-Nord wollte zu Prüfungen bei umgerüsteten Gasautos nichts sagen. Das sei, so ein Sprecher, eine komplizierte Materie. Die Warnung des KBA vor dem Ventiltyp Europa1 hält Hieff dagegen für seriös.

 Bewegt hat der Unfall auch den Kreisfeuerwehrverband. Kreiswehrführer Holger Gebauer räumt ein, dass Wagen und Einsatzkräfte bei den Rettungsarbeiten in Rohlstorf etwas zu dicht am brennenden Auto waren, aber Schutzkleidung getragen hätten. Allerdings sei von Experten zuvor auch immer gesagt worden, Gasautos könnten nicht explodieren. Außerdem hätten die Funker keine Handschuhe getragen, weil sie sonst die Geräte nicht hätten bedienen können. Die Feuerwehrleute hätten sich so verhalten, wie es alle in Deutschland getan hätten, meint Gebauer. Nach dieser neuen Erfahrung sei zusammen mit der Unfallkasse aber die Einsatztaktik verändert worden. Es wird mehr Abstand zu brennenden Autos gehalten. Und Feuerwehrleute nähern sich nur noch in voller Schutzkleidung dem Feuer, sagt Gebauer. Sicherheit werde großgeschrieben.

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Ein Artikel von
Gerrit Sponholz
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