23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Die TBC-Gefahr im Blick

Fachklinik Borstel Die TBC-Gefahr im Blick

In der der Medizinischen Klinik Borstel werden täglich Flüchtlinge auf Tuberkulose untersucht. Auch werden hier aus ganz Deutschland erkrankte Asylbewerber zur Behandlung hergebracht. Eine große Gefahr, dass sich TBC aufgrund der Einwanderung vermehrt ausbreitet, besteht nach Angaben der Fachleute aber nicht.

Voriger Artikel
HSV-Coach Labbadia kommt
Nächster Artikel
Erinnerung statt Heldenpathos

Dr. Christian Herzmann sichtet die Röntgenbilder der Flüchtlinge. Auffälligkeiten findet er kaum.

Quelle: Sylvana Lublow

Sülfeld.  Jeden Wochentag gegen 13.30 Uhr hält ein Reisebus mit bis zu 50 Flüchtlingen vor der medizinischen Klinik Borstel. Hier, in der Fachklinik für Lungenerkrankungen, werden sie geröntgt, um die gefährliche Infektionskrankheit Tuberkulose auszuschließen. Seit fünf Wochen schon holt ein Bus täglich die Asylsuchenden von der Erstaufnahmeeinrichtung in Boostedt ab; bis Ende Dezember sollten dann alle 2000 Flüchtlinge untersucht worden sein.

 Wenn tausende Flüchtlinge in den Unterbringungen dicht an dicht leben, birgt das gesundheitliche Gefahren für die Menschen, wie der Ausbruch des Noro-Virus in der ehemaligen Kaserne in Boostedt kürzlich zeigte. Krankheiten oder Infektionen könnten sich dort schnell verbreiten. Zum Beispiel die Lungenkrankheit Tuberkulose (TBC). Deshalb hat die Bundesregierung auf Empfehlung des Robert-Koch-Instituts die Asylsuchenden in Deutschland zum Röntgen der Lunge verpflichtet. „Das betrifft alle Flüchtlinge ab dem vollendeten 15. Lebensjahr. Schwangere sind auch ausgeschlossen“, erklärt Pneumologe Dr. Christian Herzmann. Fast täglich sichtet der 42-Jährige mit seinen Kollegen die Röntgenbilder der Asylsuchenden und schaut nach Auffälligkeiten, die auf eine Tuberkulose hindeuten. „Das könnte zum Beispiel ein Loch in der Lunge sein oder eine Verdichtung des Lungengewebes“, erklärt der Facharzt. Bei den bislang rund 600 Untersuchten habe es erst einen verdächtigen Fall gegeben, der sich aber nicht bestätigt hatte. „Manchmal sind es auch nur Narben in der Lunge, weil der Patient schon mal TBC hatte“, so der Mediziner.

 Eine auffällige Steigerung von TBC-Fällen könne der Facharzt seit dem Flüchtlingsstrom nicht feststellen, jedenfalls nicht bei den Flüchtlingen aus Boostedt. Einen Grund zur Panik gebe es seiner Meinung nach nicht. „Syrien, wo die meisten Flüchtlinge herkommen, hatte über viele Jahre ein stabiles Gesundheitssystem. Von dort ist also keine Tuberkulose-Gefahr zu erwarten.“ Anders sieht es hingegen in Ländern in Zentralasien oder Afrika aus. „Tuberkulose ist eine Armuts-assoziierte Krankheit und tritt häufiger in Ländern mit geringem Wohlstand auf als in reichen Ländern“, so Dr. Herzmann. In Deutschland gibt es jedes Jahr 4500 Neuerkrankungen. Tuberkulose ist auf Grund der hohen Ansteckungsgefahr meldepflichtig.

 In der Medizinischen Klinik Borstel gibt es eine Infektionsstation mit 13 Betten. „Die sind nahezu alle mit Migranten belegt, die an infektiöser Tuberkulose erkrankt sind“, sagt Dr. Herzmann. Doch diese Patienten werden aus ganz Deutschland nach Borstel geschickt. Zwischen sechs Monate und zwei Jahre dauert die Behandlung einer Tuberkulose mit entsprechenden Antibiotika. Nach Hause werden die Patienten erst geschickt, wenn die TBC nachweislich nicht mehr ansteckend ist. Das bedeutet, dass die Patienten oft über Monate isoliert auf der Station bleiben müssen.

 „Auffällig ist die Zunahme der Fälle von multiresistenter Tuberkulose bei den Migranten“, sagt Veronika Büttner, Krankenhausverwaltungsleiterin. Bei diesen Fällen wirkt die Standardtherapie nicht. „Da unsere Klinik auf diese Fälle spezialisiert ist, werden sie zu uns geschickt“, so Büttner. Seit 2014 sei die Anzahl der multiresistenten Fälle gestiegen, was Büttner mit dem Flüchtlingsstrom in Verbindung bringt. „Der Aufwand für die Klinik ist dadurch sehr viel höher geworden. Wenn es mehr Patienten werden, bekommen wir ein Ressourcenproblem“, sagt die Verwaltungschefin.

 Vor allem die ambulante Nachsorge bereitet den Ärzten der Klinik in Borstel große Sorgen. „Wenn wir die Patienten mit den teuren Medikamenten wegschicken und sie in ihre Kommune kommen, ist ein anderes Gesundheitsamt für sie zuständig“, erklärt Dr. Herzmann. Dort ist aber oft die Erfahrung mit TBC gering. „Die Patienten setzen manchmal die Medikamente ab oder verändern die Dosierung. So kann die Krankheit nicht ausheilen.“ In Borstel kümmern sich deshalb die Ärzte auch darum, das soziale Umfeld ihrer ausländischen Patienten nach dem Klinikaufenthalt zu regeln. „Das ist mit viel Aufwand verbunden. Aktuell haben wir vier Fälle, bei welchen die ambulante Anschlussbehandlung nicht sicher gewährleistet ist“, sagt Dr. Herzmann.

 Der Arzt, der seit 2009 in Borstel arbeitet, engagiert sich auch über das Medizinische hinaus für die ausländischen Patienten. Da das größte Problem bei der Behandlung die Sprachbarriere ist, hat er eine kostenlose App entwickelt, in der in mehr als 20 Sprachen die wichtigsten Fakten rund um Tuberkulose erklärt werden. Die App namens „Explain TB“ spricht die Texte auch vor, für Menschen, die nicht lesen können. Erklärt wird zum Beispiel, warum geröntgt werden muss und wie wichtig die Isolation im Falle einer infektiösen Tuberkulose ist. Dr. Herzmann: „Es gibt Patienten, die aggressiv auf die monatelange Isolation reagieren, weil sie nicht zum ersten Mal eingesperrt worden und deshalb traumatisiert sind.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Aktuelle Nachrichten aus der Segeberger Zeitung
Events: Segeberg

Veranstaltungen in
Segeberg. Aktuelle
Termine, News, Infos

KSV-Liveticker!

KSV-Spielstand online
verfolgen, mit dem
KN-KSV-Liveticker

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Segeberg 2/3