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Bewährungsstrafe für Ferrari-Unfallfahrer

Prozess in Norderstedt Bewährungsstrafe für Ferrari-Unfallfahrer

In gerade mal 3,4 Sekunden ließ sich der rote Ferrari des Angeklagten auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Noch mindestens zehn km/h schneller raste der bekennende Sportwagen-Fan durch Norderstedt, als er vor anderthalb Jahren auf winterlich feuchter Straße gegen den Kleinwagen einer 57-Jährigen prallte.

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Der Angeklagte (r) wartet im Amtsgericht in Norderstedt neben Anwalt Knud Paulsen (l) auf den Prozessbeginn. Er soll mit seinem Ferrari einen tödlichen Unfall verursacht haben.

Quelle: Axel Heimken/dpa

Norderstedt. „Fast doppelt so schnell wie erlaubt“, stellte gestern Strafrichter Jan Willem Buchert fest. Das Urteil: zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung zweier Menschen. Nach dem Ergebnis des Prozesses im Norderstedter Amtsgericht hatte sich die getötete Fahrerin des Chevrolet Matiz am Mittag des 29. Dezember 2013 auf der Schleswig-Holstein-Straße brav an die vorgeschriebenen 60 km/h gehalten. Sie starb noch am Unfallort in ihrem völlig demolierten Pkw. Mit annähernd doppeltem Gewicht hatte das 570-PS-Geschoss des Angeklagten ihren Kleinwagen auf der Gegenfahrbahn getroffen und 30 Meter weit weg geschleudert, so das Gutachten des Kfz-Sachverständigen.

Der nicht vorbestrafte Geschäftsführer einer Spedition konnte sich nach dem Crash unverletzt aus dem brennenden Ferrari retten. Die Beifahrerin (59), seine langjährige Lebensgefährtin, erlag eine Stunde später in einer Klinik ihren schweren Verletzungen. Wer waren die Opfer, was bedeutet ihr Tod für ihre Familien? Die Fragen blieben während der viereinhalbstündigen Verhandlung offen. Hinterbliebene waren nicht als Nebenkläger am Prozess beteiligt.

So war es am Mittwoch einzig der Angeklagte (60), der „starke Erschütterung“ und „fortwährenden Schmerz“ für sich beanspruchte. Weil ihm möglicherweise die Stimme versage, trug einer der beiden Verteidiger seine Stellungnahme vor. Danach will der Unglücksfahrer kurz nach Einbiegen auf die Ortsumgehung zügig auf 80 bis 90 km/h beschleunigt haben, „weil die Straße frei war“. Warum sein Ferrari plötzlich nach links ausbrach, sei ihm unerklärlich. Sein Fahrzeug, sagt der Angeklagte, sei mit allen denkbaren elektronischen Assistenzsystemen ausgestattet gewesen. Seit 1993 fahre er Sportwagen, habe sich von Porsche über Maserati leistungsmäßig kontinuierlich gesteigert. Er habe zahlreiche Fahrsicherheitstrainings absolviert und sich auf Rennstrecken unvorhergesehenen Situationen gestellt.

Der 60-Jährige räumte ein, er habe sich „in einem unbedachten Moment hinreißen lassen, zu schnell zu beschleunigen“. Doch möglicherweise habe ein Marder, der sich ein Jahr zuvor im Motorraum eingenistet habe, die Elektronik der Traktionskontrolle (ASR) außer Kraft gesetzt.

Der Kfz-Sachverständige konnte dies zumindest nicht ausschließen, da die Aggregate bei dem Unfall geschmolzen waren. Doch der Richter sah die Verantwortung in allererster Linie bei dem Mann am Steuer: „Natürlich mussten sie damit rechnen, dass die Assistenzsysteme nicht greifen.“ Der Angeklagte habe schwere Schuld auf sich geladen und zwei Menschenleben auf dem Gewissen. Durch den Verlust seiner Partnerin sei er Täter und Opfer zugleich. Als Auflage für die zweijährige Bewährungszeit muss der Kaufmann, der sein monatliches Bruttoeinkommen auf 11000 Euro beziffert, 30000 Euro an Kinderhilfsorganisationen zahlen. Das Urteil nahm er mit Erleichterung an. Auch die Staatsanwältin, die neun Monate gefordert hatte, verzichtete auf Rechtsmittel.

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Immer stärker, immer schneller, immer teurer – die Faszination des Automobils als Symbol für Status, Freiheit und beherrschbare Technik ist auch in Zeiten der Energiewende ungebrochen. Das zeigt nicht nur der Extremfall des Todesfahrers von Norderstedt, dem seine Verteidiger „eine gewisse Freude an der Beschleunigung“ seines 570-PS-Ferraris zusprachen.

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