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Manche Vorurteile machen sprachlos

Flüchtlingshelfer Manche Vorurteile machen sprachlos

Rund 25 ehrenamtliche Flüchtlingshelfern aus dem Kreis Segeberg kamen in der Jugendakademie Bad Segeberg zusammen. Sie wollten lernen, wie sie auf fremdenfeindliche Äußerungen richtig reagieren können. Schnell wurde deutlich: Das Thema wühlt die Helfer auf.

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Angeregt diskutierten die rund 25 Flüchtlingshelfer in der Jugendakademie Bad Segeberg über ihre Erfahrungen mit fremdenfeindlichen Bemerkungen. Das Thema entzweit schon Familien, berichteten sie.

Quelle: Gerrit Sponholz

Kreis Segeberg. Herbert Dargel aus Bad Segeberg wurde schon als „Salafist“, also radikaler Islamist, beschimpft. Edmund Franke aus Kaltenkirchen bekam zu hören, er helfe Ausländern, „die doch kein Deutsch lernen wollen“ und denen „alles in den Hintern gesteckt“ werde.

 Als Moderatorin Annika Vajen vom Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus (Kiel) die Männer und Frauen nach ihren Erlebnissen fragte, sprudelte es nur so. „Selbst unter Freunden und beim Friseur kommen Vorurteile und Stammtischparolen. Das macht mich sprachlos“, sagte einer der Teilnehmer, von denen manche in der Zeitung nicht genannt oder abgebildet werden wollten. Selbst Familien habe das Thema schon gespalten, berichteten sie.

 Die fremdenfeindlichen Sprüche ähnelten sich: Der Staat behandele Asylbewerber besser als Einheimische, Flüchtlinge nähmen Jobs weg, sie täuschten als Besitzer teurer Handys die Armut nur vor.

 In der Gruppe entwickelte sich eine angeregte Diskussion, ob in den Vorurteilen auch ein Körnchen Wahrheit stecken könnte. Das Fazit: Nicht alle Asylbewerber sind gesetzestreu, aber die allermeisten. Manche besitzen Modehandys, aber manchmal sind es nur chinesische Billigkopien. Asylbewerber bekommen staatliche Unterstützung, aber weniger als Hartz-IV-Empfänger. Die Sozialwissenschaftlerin Vajen versuchte, die Diskussion zu steuern, und griff die selbstkritischen Aspekte auf. Die Wahrheit sei: „Wir alle wachsen in einer rassistischen Gesellschaft auf.“ Denn keiner sei frei von Vorurteilen, auch sie selbst nicht. Dieser Tatsache müsse man sich aber bewusst sein und sich die Vorurteile klar machen und sie hinterfragen.

 Wer ausländerfeindliche Parolen verbreite, drücke vielleicht auch etwas aus: Angst, Neid, Wunsch nach Anerkennung, Frustabbau, Grenzen testen, Machtfragen stellen. Außer der Sachebene spiele in solche Situationen auch immer die Beziehungsebene eine große Rolle, sagte Vajen. „Es ist gut, zwischen dem Menschen und dessen Äußerung zu unterscheiden.“

 Als Strategien empfahl sie mehrere Wege. Statt die Stammtischparole zu bewerten oder in eine harte Auseinandersetzung darüber zu gehen, sei es manchmal besser, gezielt nachzufragen, wie genau das gemeint sei, oder die eigenen Gefühle zum Thema zu äußern. Humorvolle Bemerkungen könnten die Spannung aus dem Gespräch nehmen. Auf keinen Fall: vereinfachen – und auch nicht moralisieren. „Das führt nur zur Abwehr.“

 Manchmal helfe auch, den zugeworfenen Ball aufzunehmen, riet Vajen. Wenn etwa behauptet wird, Asylbewerber nähmen Hartz-IV-Empfängern etwas weg, könne die rhetorische Gegenfrage helfen: Wenn es die Asylbewerber nicht gäbe, würde der Staat die Hartz-IV-Empfänger dann besser behandeln? Die unausgesprochene Antwort: nein.

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Ein Artikel von
Gerrit Sponholz
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