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Kleinkind 40 Stunden sich selbst überlassen

Bewährungsstrafe Kleinkind 40 Stunden sich selbst überlassen

Eine 31-jährige Mutter, die ihre kleine Tochter fast zwei Tage unversorgt allein ließ, ist zu einer Bewährungsstrafe und zu einer Therapie verurteilt worden. Das Amtsgericht Bad Segeberg sprach die geständige Frau am Donnerstag der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht schuldig.

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Die Richterin sprach die Mutter der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht schuldig.

Quelle: dpa

Bad Segeberg. „Wir reden hier von 40 Stunden – das sind fast zwei volle Tage!“ In eindringlichen Worten erinnerte Amtsrichterin Dr. Clivia von Dewitz am Donnerstag daran, wie lange eine Bad Segeberger Mutter (31) ihre knapp 17 Monate alte Tochter allein und ohne jegliche Versorgung in der Wohnung gelassen hatte. Für diese Tat wurde die Frau zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Das jämmerliche Schreien des Kindes hatte an einem Dienstagabend im November 2014 eine Nachbarin in einem Mehrfamilienhaus im Ortsteil Klein Niendorf beunruhigt. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte: Die Mutter des Kindes war zu einem Freund nach Hamburg aufgebrochen und hatte das Kleinkind ohne Nahrung und Wasser sich selbst überlassen.

Als das verzweifelte Gebrüll die ganze Nacht und einen Teil des folgenden Tages andauerte, alarmierte die Nachbarin das Segeberger Jugendamt. Die Behörde befand den Anruf aber für nicht präzise genug, wie Amtsleiter Manfred Stankat später einräumen musste – und unternahm nichts.

Das Kleinkind, das im Gitterbett in seinem Urin stand, schrie auch in der Nacht zu Donnerstag weiter. Am folgenden Vormittag rief die Nachbarin erneut beim Jugendamt an. Diesmal schauten zwei Mitarbeiter an der Wohnung vorbei und klingelten. Als niemand öffnete, gingen sie wieder. Das Kind hatte in diesem Moment gerade Ruhe gegeben. Als das Geschrei wenig später erneut einsetzte, wählte die Nachbarin den Notruf und ließ die Polizei kommen. Die Beamten holten die Feuerwehr hinzu. Wehrführer Mark Zielinski stieg gegen 15 Uhr durch ein Fenster in die Wohnung und ließ die Krankenwagenbesatzung hinein. Das Kind stand verheult im Gitterbett. „Das sind Bilder, die will niemand sehen“, sagte der hartgesottene Brandschützer. Im Laufe des Tages kam die Mutter, die vier Wochen zuvor in Hamburg wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden war, und fand ein ausgetauschtes Türschloss vor.

Oberstaatsanwalt Axel Bieler aus Kiel warf ihr eine Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht vor. Der Strafrahmen: von der Geldstrafe bis hin zu drei Jahren Haft. Die Frau habe versäumt, von vornherein eine Versorgung des Kindes zu organisieren oder von Hamburg aus jemanden zu beauftragen, sich um die Kleine zu kümmern.

Die 31-jährige Bad Segebergerin, die von Hartz IV lebt und zwei Ausbildungen (Friseurin und Pferdepflegerin) abgebrochen hat, sagte im Gerichtssaal unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Grundsätzlich legte sie dabei ein Geständnis ab, schob ihre Abwesenheit aber auf eine Zwangslage, die von Verteidigerin Tina Julke mit nebulösen Andeutungen aufgegriffen wurde. Es habe sich um eine „Bedrohungslage“ gehandelt, die Handlungen der Frau seien von „Angst und Panik“ bestimmt gewesen. „Sie ist nicht nach Hamburg gefahren, um Party zu machen.“ Weder Staatsanwalt noch Richterin schenkten der Geschichte Glauben, weder in Bielers Plädoyer noch in der Urteilsbegründung spielten die angeblichen Geschehnisse eine Rolle.

Die Verteidigerin warb unterdessen um Verständnis für die Mutter. „Ihr Herzblatt ist nicht mehr da. Das Kind wurde ihr im übertragenen Sinne aus den Armen gerissen. Die schlimmste Strafe hat sie also schon bekommen.“ Das Mädchen lebt mittlerweile in einer Pflegefamilie und entwickelt sich prächtig.

Eine Untersuchung im Krankenhaus hatte damals ergeben, dass das Kind allgemein in einem guten Zustand war, jedoch Anzeichen einer Austrocknung zeigte. Wäre es noch einen Tag länger allein geblieben, hätte die Sache tödlich enden können. „Sie war kein verwahrlostes Kind, das von der Mutter irgendwo abgelegt oder verlassen worden ist“, sagte der Staatsanwalt.

Richterin von Dewitz, die psychische Spätfolgen bei dem Mädchen befürchtet, verurteilte die Mutter neben der Freiheitsstrafe auch zu 50 psychologischen Therapiestunden. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie eine stabile Beziehung aufbauen können – zuerst zu sich selbst. Dann kann alles Andere folgen.“ Die 31-Jährige hat einen neuen Lebensgefährten und einen Job in Aussicht.

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