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Als Flüchtling Singen gelernt

Bad Bramstedt Als Flüchtling Singen gelernt

„Am Brunnen vor dem Tore“ gehört zu Gert Utschakowskis Lieblingsliedern. Das hat er schon 1946 im dänischen Flüchtlingslager gesungen – und singt es heute noch mit 85 Jahren im Bad Bramstedter Männerchor. „Ich singe weiter so lange mein Gehör noch gut funktioniert“, sagt der Mann, der kürzlich für seine 70-jährige Mitgliedschaft in verschiedenen Chören geehrt wurde.

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Gert Utschakowski hat ein Repertoire von etwa 150 Liedern während seiner langjährigen Chorzeit angesammelt.

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Gert Utschkowskis Chor-Karriere hat zwar einen traurigen Hintergrund, doch es war vor allem das Singen in der Gemeinschaft, das ihm half, die Jahre als Kriegsflüchtling zu überstehen. 1930 in Ostpreußen (Fischhausen) geboren, musste er Anfang 1945 mit seiner Mutter und sechs Geschwistern aus seiner Heimat fliehen. Sein Vater war Soldat und irgendwo in Deutschland stationiert. Nach einer beschwerlichen Flucht mit vielen Zwischenstationen, auf der sein jüngster Bruder an Diphtherie starb, landete die Familie im Juni in Kompedal, Dänemark. Dort lebten sie über ein Jahr lang in einem Flüchtlingslager mit etwa 2000 anderen Menschen.

 „Das Lager war umzingelt mit Stacheldraht, wir durften es nie verlassen“, erzählt Gert Utschakowski. Eine Schule gab es dort zwar, aber nur für Kinder bis 14 Jahre. Die älteren Jugendlichen verbrachten ihre Zeit mit körperlich harter Lagerarbeit, wie dem Bau von Baracken. Im Lager lernte Gert Utschakowski den gleichaltrigen Günther kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod im vorigen September eine innige Freundschaft verband. Wie eine normale Jugendzeit hatte es sich im Lager nicht angefühlt: „So etwas wie Pubertät hat im Lager nicht stattgefunden. Wir waren von der Flucht traumatisiert, abgestumpft und hatten keine Zukunftsperspektive.“

 Doch es gab einen Lichtblick im trüben Lageralltag: „Im Frühjahr ’46 war ich mit meinem Stimmbruch durch, da hat mich Günther dazu animiert, beim gemischten Chor „Deutscher Klang“ mitzusingen“, erzählt der 85-Jährige: „Als Kind hatte ich kein Gehör für die richtigen Töne und keinen Zugang zum Singen, aber Günther hatte schon Erfahrung im Singen und spielte auch Geige. Er hat mich ohne Druck angesteckt.“ Und so verstärkte er den „Deutschen Klang“ mit seiner Bassstimme. „Wir haben ein oder zwei mal in der Woche geprobt, so genau weiß ich das nicht mehr. Und dann haben wir kleine Konzerte im Lager gegeben. Von unserem letzten Liederabend habe ich sogar noch das Programm.“

 Von da an war es jedenfalls um Gert Utschakowski geschehen: Ein Leben ohne Chor war nicht mehr vorstellbar für ihn. Als das Lager ein Jahr später geschlossen wurde und die Flüchtlinge in eine neues im dänischen Grove umgesiedelt wurden, führte der erste Weg sofort zum dortigen „Schmekel-Chor“, benannt nach dem Chorleiter Hans Schmekel. Doch was die beiden Freunde Gert und Günther noch mehr freute, war, dass es in dem 10000-Leute großen Lager auch eine „Lageroberschule“ gab. „Wir konnten unsere Schulbildung fortsetzen, das war sehr schön.“ In den rund 14 Monaten in Grove gestalteten die beiden Freunde auch zwei Chor-Konzerte mit.

 Seit Januar 1949 lebt Gert Utschakowski nun schon in Bad Bramstedt. Dort stieg er gleich in den Kirchencchor ein. Während seines Studiums in Kiel zwischen 1951 und 54 sang er im Studentenchor. 1966 trat er dem Männerchor von 1858 bei, den er heute noch aktiv unterstützt. Zwischendrin arbeitete Utschakowski fünf Jahre bei der Post in Flensburg - auch dort fand er den Weg zum „Postchor“.

 „Die Kameradschaft im Chor ist neben dem Singen ein wesentlicher Faktor, der es so wertvoll macht“, sagt der 85-Jährige: „Und das Singen hält mich gesund.“

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