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Ein Gutsdorf im Wandel

Pronstorf Ein Gutsdorf im Wandel

Wer durch Pronstorf geht, denkt unweigerlich: so ein schönes, gut erhaltenes Gutsdorf. Das ist richtig und dennoch falsch. Tatsächlich ist Pronstorf eines der wenigen Gutsdörfer in Deutschland, das diese Bezeichnung noch verdient. Oder besser: wieder verdient. Vor 20 Jahren sah das noch ganz anders aus.

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Das Zentrum des Gutsdorfes: Hans-Caspar Graf zu Rantzau mit Labrador Giesbert vor dem Herrenhaus Pronstorf. Das adlige Lehnsgut stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Quelle: Björn Schaller

Pronstorf. Hans-Caspar zu Rantzau (54) öffnet die schwere Tür des Kavalierhauses. Hier, direkt neben dem barocken Herrenhaus von 1728 lebt der Graf mit seiner Ehefrau, Antje Gräfin zu Rantzau (49), und der gemeinsamen Tochter Anna (9). Und mit Giesbert, dem Labrador, der nun die Gelegenheit zu einem außerplanmäßigen Spaziergang wittert. Also geht es durch die alte Lindenallee in Richtung Gutsdorf: Mit seinen 20 Gebäuden ist es nahezu vollständig erhalten. „Als ich hier vor 54 Jahren zur Welt kam, gab es noch eine eigene Gärtnerei, Ziegelei, Stellmacherei, Schmiede und eine personalintensive Landwirtschaft. In der Erntezeit standen 56 Mann auf der Lohnliste“, sagt der Gutsherr. und dann erzählt er von jenem folgenschweren Jahr 1932.

 Damals starb die Urgroßmutter und verwittwete Eigentümerin, Adelheit Gräfin zu Rantzau, geborene von Buchwaldt. Aufgrund eines schlecht gemachten Testamentes musste der Gutsnachfolger seine vier Geschwister auszahlen. Maßgeblich dafür war der Vermögenswert des Gutes – und der steckte in dem Land und den unbeweglichen Gütern. Um seine Geschwister auszahlen zu können, musste der Großvater von Hans-Caspar zu Rantzau 1000 Hektar verkaufen und eine enorme Hypothek aufnehmen: „Die letzte Rate hat mein Vater Mitte der 70er-Jahre zurückgezahlt.“

 Zu dieser Belastung kamen die Bodenreform nach dem Zweiten Weltkrieg und der rasante Strukturwandel. Die Arbeit in der Landwirtschaft wurde immer stärker technisiert, die meisten Hände wurden überflüssig. Auch Handwerker mussten nicht mehr vor Ort leben. Ihre Leistung konnte bei Bedarf eingekauft werden. So kam vielen Häusern der ursprüngliche Zweck abhanden. „Vor allem aber war die Lage in der Landwirtschaft bedrohlich. Mit jeder Kuh, mit jedem Liter Milch ging Geld vom Hof“, erinnert sich der studierte Landwirt, „mein Vater musste reagieren. 1968 schaffte er die Kühe ab – eine Zäsur in der Jahrhunderte alten Gutshoftradition.“ Stattdessen wurde auf Schweinezucht und -mast in großem Maßstab gesetzt.

 Die Häuser, in denen 200 Menschen gelebt hatten, wurden nun landwirtschaftlich genutzt, Fenster zugemauert, Dächer mit Eternit repariert, Güllebehälter aufgestellt, Wege und Flächen asphaltiert. Doch 1996, als der heutige Hausherr den Gutsbetrieb übernahm, stand wieder die Entscheidung an: Weitermachen wie bisher oder eine erneute Zäsur wagen? Das junge gräfliche Paar entschied sich für Letzteres.

 „Das Gutsdorf ließ sich mit dem bisherigen Konzept nicht auf Dauer erhalten. Die Welt hatte sich verändert. Entfernungen spielten nicht mehr die Rolle wie früher, die Menschen zogen wieder aufs Land, wenn es dort Ruhe, Natur und komfortables Wohnen gab“, begründet der Gutsherr diesen Entschluss. Land- und Forstwirtschaft bleiben zwar die tragende Säule des Gutes. Doch 1998 werden die Viehhaltung aufgegeben und die landwirtschaftlichen Gebäude an die Peripherie verlagert. Pronstorf soll seinen ursprünglichen Dorfcharakter zurückbekommen. Allein 3500 Quadratmeter Asphalt werden weggefräst, durch Katzenkopfpflaster, Rasen und Lindenalleen ersetzt. Vor allem aber wird seither Gebäude für Gebäude saniert und die alte Wohnnutzung unter neuen Vorzeichen wieder ermöglicht. Als erstes wurde der große ehemalige Viehstall umgenutzt – für erste Konzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Inzwischen finden hier Abiturfeiern, Hochzeiten und andere Veranstaltungen wie die Pronstorfer Weihnacht statt.

 Die alte Meierei, lange als Schweinestall genutzt, wird zum ersten Wohnhaus umgebaut. Claudia Witt erinnert sich noch genau an jenen Tag, als sie mit ihrem Mann vor diesem Haus stand. „Als 17-Jährige hatte ich auf einem Fahrradausflug am Wardersee gestanden und gedacht: Hier möchtest du einmal leben“, sagt die 55-Jährige. Nun, viele Jahre später, wollte sie ihrem Mann das Dorf zeigen und blieb vor der alten Meierei stehen. „Das können Sie bald mieten, sagte ein Mann zu uns. Das war Graf zu Rantzau.“ Claudia Witt und ihr Mann überlegten nicht lange und waren kurz darauf die ersten Mieter der ehemaligen Meierei. „Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt. Aber eins fehlte: Ich wollte schon immer mit meinen Pferden unter einem Dach leben.“ Der Traum wird erfüllt: Der Gutsherr baut ein landwirtschaftliches Gebäude für Claudia Witt um.

 Nach und nach werden auch die andere Gebäude saniert. Das aufwändigste Projekt ist und bleibt das Torhaus von 1738. Einst Getreidespeicher und Pferdestall ist es heute ein Hotel mit 21 inviduell eingerichteten Zimmern. Viele Möbel dafür hat Antje Gräfin zu Rantzau auf dem Dachboden des barocken Herrenhauses entdeckt und in der gutseigenen Tischlerei aufarbeiten lassen. So hat auch das Sofa, das einst im Kinderzimmer des Grafen stand, eine neue Bestimmung gefunden. Ob die Entscheidung, das Gutsdorf wiederzubeleben, die richtige war? Graf zu Rantzau ist davon überzeugt. „Jede Generation hat ihre Aufgabe.“ Heute leben wieder 100 Menschen in Pronstorf, die große Mehrheit davon im Gutsdorf.

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