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„Dieses Haus heißt Europa“

Schülerdiskussion in Bad Segeberg „Dieses Haus heißt Europa“

Jugendlichen die Europäische Union (EU) näher bringen – diese Aufgabe hatte gestern Bundestagsabgeordneter Franz Thönnes (SPD) im Rahmen des bundesweiten EU-Projekttages, den es seit 2007 gibt. Am Städtischen Gymnasium diskutierte er in der Mehrzweckhalle mit knapp 200 Schülern des 12. Jahrgangs. Anfangs eine zähe Angelegenheit.

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Bad Segeberg. Bevor die Schüler ihre Fragen loswerden konnten, hatte Thönnes eine Präsentation zur EU vorbereitet, in der es um die Vorteile der Union ging, aber auch deren Probleme wie die Finanzkrise. „Europa steht für 60 Jahre Frieden, so eine lange Friedensphase gab es in Deutschland bisher noch nicht.“ Weitere Themen waren unter anderem das Referendum in Großbritannien, die Flüchtlingsproblematik und das Freihandelsabkommen mit den USA.

 Der Aufforderung zum Stellen von Fragen kam erst einmal niemand nach. Die meisten Jugendlichen hatten sich in die hintersten Reihen gesetzt; die beiden vorderen Reihen waren fast komplett leer. Erst der pädagogisch wertvolle Hinweis einer Lehrerin, dass die Beteiligung in die mündliche Note einfließe, ließ zögerlich die ersten Hände in die Luft gehen.

 Thema zum Auftakt der Fragerunde war der Flüchtlingsstrom. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl habe 1987 schon gesagt, dass man Schlepper bekämpfen müsste, und heute werde dasselbe gefordert, stellte ein Schüler fest. Thönnes: „Die Schlepper müssen auf ihrem Territorium bekämpft werden, dazu braucht es Verträge mit den afrikanischen Staaten.“ Die EU zahle 56 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe, damit unter anderem die Polizei besser ausgebildet werden könne. „Manchmal wachen einige erst auf, wenn es 1000 Tote gibt.“

 Weil weitere Schülerfragen zunächst wieder ausblieben, fragte ein Lehrer nach der Pressefreiheit in EU-Ländern wie Ungarn. Danach schienen die Zwölftklässler ihre Scheu ein wenig verloren zu haben. Immer mehr Arme und Hände reckten sich. Wie Thönnes über die Vorratsdatenspeicherung denke, wie das Freihandelsabkommen und die Schuldenkrise in Griechenland einzuordnen seien, wollten die Gymnasiasten wissen.

 Ein großes Thema war allerdings die europäische Identität und der drohende Ausstieg Großbritanniens aus der EU. So fragte ein Schüler, ob es künftig eine gemeinsame Kultur geben könne; er verwendete dazu die Metapher „Haus“. Thönnes zitierte dazu Kurt Tucholsky, der schon in der 1920er Jahren vom Haus Europa gesprochen hatte. „Es ist nicht wahr, dass man sich nicht in die Innenpolitik fremder Staaten mischen dürfe – eine Innenpolitik ohne Rückwirkung nach außen gibt es heute nicht mehr. Wir wohnen nicht mehr in einzelnen Festungen des Mittelalters, wir wohnen in einem Haus. Und dieses Haus heißt Europa.“ Genauso verstehe der Sozialdemokrat die EU: ein Haus mit offenen Türen, in das jeder seine Kultur einbringt.

 „Europa ist ein Kompromiss“, sagte der Bundestagsabgeordnete zum Thema des Referendums in Großbritannien. Es müsse geschaut werden, was dem Mitgliedsland nicht gefalle und ob ein Mittelweg möglich wäre. Gleichzeitig mahnte Thönnes, dass wenn die Briten die EU verlassen, sie auch mit der Einführung von Zöllen rechnen müssten. „Ich hoffe nicht, dass der Ärmelkanal zum trennenden Element wird.“

 Daraufhin fragte ein Schüler nach den europaskeptischen Parteien, die immer mehr Zulauf bekämen. „Europa ist nicht die Bürokratie, sondern ein Friedens- und Sozialprojekt“, erläuterte der Politiker. Viele sähen dies aber nicht. Deshalb sei es wichtig, sich über die EU zu informieren. „Die Gurkenlänge kam nicht von der EU, die Wirtschaft wollte es, um mehr Gemüse in Kisten packen zu können.“

 Die Menschen müssen seiner Meinung nach mehr einbezogen werden, und was in Brüssel passiert, müsse besser erklärt werden. Thönnes warb zum Ende noch für die Europäische Union, die zwar ihre Macken habe, „aber sie hat Frieden gebracht und kein Land kann die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit alleine lösen.“

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