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Patentierte Pullover

Hasenkrug Patentierte Pullover

Pullover, Hemden, Blusen und T-Shirts, die sich über den Kopf oder über die Beine ausziehen lassen, hat sich Birgit Gripp patentrechtlich schützen lassen und produziert sie nun im eigenen Betrieb. Ihre Tochter hat ein sehr seltenes Leiden und konnte deshalb normale Kleidung nur unter größten Schmerzen an- und ausziehen.

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Das Nähen hat sich Birgit Gripp selbst beigebracht. Eigentlich ist sie Ausbilderin für Rechtsanwaltsgehilfen.

Quelle: Privat

Hasenkrug. Das heute zwölf Jahre alte Mädchen leidet unter einem großen Tierfellnävus, einem stark behaarten großflächigen Muttermal. „In den USA sind nur 1000 Fälle bekannt, für Deutschland gibt es keine genauen Zahlen“, sagt Birgit Gripp. Die letzte Operation ihrer Tochter ist nicht einmal ein halbes Jahr her. „Tierfellnävus ist kein genetischer Defekt, sondern eine Laune der Natur“, weiß die Mutter.

 Birgit Gripp ist von Beruf Ausbilderin für Rechtsanwalts- und Notargehilfen. Um ihrer Tochter die täglichen Qualen zu ersparen, griff sie zur Nähmaschine. Drei Jahre probierte die heute 48-Jährige Schnitte aus. Mittlerweile verfügt sie über ein Angebot verschiedener Pullover und T-Shirts, an denen sich die Ärmel längs aufknöpfen lassen. In den Halsausschnitt wird ein Keil genäht, sodass sich das Kleidungsstück über Schulter und Beine abstreifen lässt. Dank der geschickten Nähtechnik ist davon aber im zugeknöpften Zustand nichts zu sehen. Die Oberbekleidung sieht aus wie aus dem Laden. „Gribbi“ nennt sie ihre Kleidungsstücke. „Das ist mein Spitzname.“

 Die Hasenkrugerin war überzeugt, mit solcher Kleidung auch anderen Menschen helfen zu können. „Es gibt immer mehr Pflegebedürftige, die größte Probleme mit dem An- und Ausziehen haben.“ Und es gehe ja auch darum, diesen Menschen ihre Würde zu erhalten, wozu auch ganz normal aussehende Kleidung gehöre. Birgit Gripp ließ sich von einer Krankenschwester beraten, wie solche Kleidung funktionieren müsse. So entstanden auch Modelle, die beispielsweise einen künstlichen Darmausgang kaschieren. Auch zu Pflegeheimen nahm die Hasenkrugerin Kontakt auf. Hier bekam sie wertvolle Tipps aus der Praxis, „beispielsweise, wo ein Druckknopf beim Liegen stört“. In den USA fand sie schließlich ein Unternehmen, das „Glideware“ anbietet, einen Stoff, der extrem weich und rutschig ist. „Ideal für bettlägerige Patienten, das hilft gegen das Durchliegen.“

 Ein weiteres Mal wurde der Erfindungsgeist von Birgit Gripp geweckt, als ihre jüngste Tochter als Frühchen geboren wurde, dass seine ersten Tage auf der Intensivstation verbringen musste. „Das An- und Ausziehen war wegen der Leitungen und Schläuche äußerst schwierig.“ Auch für die Frühchen entwarf sie spezielle Kleidung.

 Die Hasenkrugerin beschloss, ihre Erfindung professionell zu vermarkten. Über einen Vermittler ließ sie zunächst ihre Ware in China produzieren. Die Qualität stimmte aber nicht. Dann Polen: „Die ersten 50 Hemden waren gut, die nächsten 500 mit Fehlern.“ Sie beschloss, ihre eigene kleine Fabrik zu gründen.

 Im August des vergangenen Jahres mietete sie eine Halle in Wismar. „Nach Mecklenburg musste ich gehen, weil hier in Schleswig-Holstein keine Mitarbeiter zu bekommen waren. Dort schickte mir das Arbeitsamt sofort 20 Näherinnen.“ In den ersten Monaten musste sie täglich nach Wismar fahren. 75 Minuten Fahrzeit braucht sie. „Mittlerweile arbeiten die Frauen dort eigenständig, das klappt hervorragend. Ich fahre nur noch einmal in der Woche nach Wismar.“

 Die dort produzierten Kleidungsstücke vertreibt Birgit Gripp zurzeit in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Weitere Bundesländer sollen später folgen. Vor allem Pflegeheime sind ihre Abnehmer. Sie bietet auch eine Kinderkollektion, eine Baby- und eine Freizeitkollektion an, die sie vor allem über das Internet verkauft. Unterwäsche aus Glideware für Patienten mit künstlichem Darmausgang ist ebenfalls im Programm. Die Preise sind durchaus zivil. Ein Pullover beispielsweise, der nach Sportunfällen das Ankleiden erleichtert, kostet 49,90 Euro, ein Kleinkindpullover 39,90 Euro.

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