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Über den Krieg zu sprechen ist nicht einfach

Hitzhusen Über den Krieg zu sprechen ist nicht einfach

Petra Zierke hörte als Kind fasziniert zu, wenn ihr Vater vom Krieg erzählte. Was sie dabei erfuhr, will sie nicht nur als privaten Geschichtenschatz aufbewahren: Wie war das mit den Flüchtlingen und den Kriegsgefangenen in Hitzhusen? Im Dorf hat sich ein Arbeitskreis gebildet.

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Christa Lohse und Hans Schultz beteiligen sich am Gesprächskreis in Hitzhusen.

Quelle: Jann Roolfs

Hitzhusen. Zwei kurze Texte trägt sie im Dorfhaus vor. 13 Leute, fast alle im Rentenalter, hören ihr am gedeckten Kaffeetisch zu, ergänzen mit eigenen Erinnerungen. „Geschichte und Geschichten“ heißt der lockere Kreis, der sich etwa alle vier Wochen trifft. Es geht darum, Historie zu bewahren, wie sie sich im Dorf abspielte. Schwerpunkt dabei ist die Kriegs- und Nachkriegszeit.

 Initiator der Treffen ist der Bad Bramstedter Pastor Rainer Rahlmeier. Sein Ansatzpunkt waren die Namen auf dem Hitzhusener Ehrenmal: Welche Menschen und Geschichten gehören zu den dürren Daten auf dem Stein? Bürgermeisterin Claudia Peschel sitzt neben Rahlmeier, auf der anderen Seite hält Dorfarchivar Wolfgang Ahle seinen mobilen Scanner bereit, mit dem er die aufgeschriebenen Texte kopiert und fürs Ortsarchiv sammelt.

 Petra Zierkes Urgroßvater hatte offenbar ein offenes Herz für Flüchtlinge. Im Krieg wurde im Dorf von „abgezwacktem“ Getreide – das der offiziellen Sammlung entzogen worden war – alle 14 Tage Brot gebacken. Kamen Flüchtlinge, holte er aus dem Keller einen halben Laib Brot und legte, wenn er hatte, ein Stück Speck dazu.

 Der Flüchtlingsstrom setzte in Hitzhusen 1943 ein, als Ausgebombte aus Hamburg und dem Rheinland durchs Dorf zogen. Im Februar und März 1945 kamen die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, bis zu 20 pro Tag. Sie ruhten in Hitzhusen eine Nacht lang aus, bekamen zu essen, ihre Pferde wurden versorgt. Ab April blieben die ersten Flüchtlingsfamilien, zunächst wurden sie in der Rübenkammer untergebracht. Um diese Zeit kamen auch die Soldatenflüchtlinge: Deutsche Soldaten, die vor den anrückenden Alliierten flohen, teilweise 100 oder 200 pro Tag, berichtete Zierke aus den Erinnerungen ihres Großvaters.

 Dem Hof von Zierkes Urgroßvater waren während des Zweiten Weltkrieges zwei französische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter zugeteilt, Louis und Roger. Sie aßen mit der Familie am großen Tisch, was verboten war. Als ein Wachmann Zierkes Urgroßvater darauf ansprach, beschied der ihm: „Die Gefangenen arbeiten für mich, also essen sie auch bei mir.“ 14 Tage lang bangte er anschließend, ob seine Haltung Konsequenzen nach sich ziehen würde, las Zierke vor. Tat sie nicht. Jahrzehnte später kam Louis’ Tochter nach Hitzhusen, um die Geschichte ihres Vaters zu erforschen. Zierkes Vater zeigte ihr den „Schuppen bei Dwenger“, in dem der Franzose übernachten musste.

 „Das war kein Schuppen, das war der Kuhstall“, präzisiert Hans Schultz. Er ist der älteste in der Runde, 1928 im Feldkamp geboren, und kennt viele der alten Geschichten aus eigenem Erleben. Unter anderem die von der Heimkehr eines Hitzhusener Soldaten: „Der Junge kam mit einem Jagdflugzeug, einer ME 109, nach Hause, auf dem Kartoffelacker haben die eine Notlandung gemacht.“

 Rahlmeier will die Geschichten sammeln, solange noch Menschen leben, die sie erzählen können. Viele alltägliche Erinnerungssplitter kommen zusammen, die eine Zeit illustrieren, die später Geborenen unvorstellbar erscheint. „Bei Luftangriffen ging es in die Erdhöhlen“, erzählt die 80-jährige Christa Lohse: „Rümanns Silo, der hatte Betonwände“ und wurde als Bunker genutzt. „Mit der Abendsonne kamen die Tiefflieger“, erinnert sich Hans Schultz.

 Das Kriegsende liegt bald 72 Jahre zurück, die letzten Hitzhusener Flüchtlinge zogen aus ihrer Notunterkunft vor 60 Jahren aus – ist es jetzt nicht ein bisschen spät? „Wir brauchten vielleicht eine gewisse Zeit, bis wir uns treffen konnten“, sinniert Rainer Rahlmeier. „Einige haben Schreckliches erlebt“, weiß auch Petra Zierke: „Meine Mutter hat ein Mal darüber gesprochen und dann nie wieder.“

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