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Kleiderkammer braucht Hilfe

Bad Bramstedt Kleiderkammer braucht Hilfe

Früher kamen von Zeit zu Zeit Obdachlose oder Sozialhilfe-Empfänger, um sich in der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) einzudecken: Aber die sieht Inga Böttger, stellvertretende DRK-Vorsitzende, immer seltener. Jetzt brauchen immer mehr Flüchtlinge Kleidung.

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Karin Karstens (von links), Leif Mischke und Monika Stecher sortieren die Kleiderspenden in der DRK-Kleiderkammer.

Quelle: Jann Roolfs

Bad Bramstedt. „Noch können wir alle versorgen“, stellt Jürgen Koppelin klar, der Vorsitzende des Bad Bramstedter DRK. Aber organisatorisch mussten die Helfer schon auf den Andrang reagieren: Nachdem die Räume im ersten Stock regelrecht gestürmt wurden und die Besucher ihre Körbe wahllos vollpackten, egal, ob die Kleidergröße passte, werden jetzt nur noch jeweils zwei Leute zur Zeit eingelassen und werden Karteikarten geführt. Darauf wird verzeichnet, wer wann was abgeholt hat: „Es soll ja jeder etwas bekommen“, sagt Inga Böttger. Viele Besucher stammen aus Syrien, viele sind alleinstehende Männer.

 Das DRK übernimmt mit seiner Kleiderkammer eine Aufgabe, die eigentlich bei der Stadt und dem Amt Bad Bramstedt-Land liegt: die Flüchtlinge mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Das leiste sein Verein gern, aber was Koppelin dabei ärgert: „An die Ehrenamtlichen wird zu wenig gedacht.“ Damit zielt er allgemein auf Stadt und Land, speziell auf die Bramstedter Kommunalpolitiker: „Im Sozialausschuss hätte ich mit mehr Offenheit gerechnet.“ Vor allem die Aussage eines „Fraktionsvorsitzenden einer christlichen Partei“ – sprich: Werner Weiß von der CDU –, das DRK solle sich um Spenden kümmern, empört den früheren FDP-Bundestagsabgeordneten.

 Dabei planen die Rotkreuzler schon, wie sie Spenden sammeln können: „Wir werden einen Aktionstag machen müssen“, sagt Koppelin. Dabei soll um Kleider und um Geld gebeten werden.

 Hilfe bekommt das DRK demnächst vielleicht von den Rotariern. Harald Pöhls und Ferdinand Nückel vom Bad Bramstedter Service-Club besuchten am Mittwoch die Kleiderkammer und fragten, welche Unterstütung sie leisten könnten. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zumindest teilweise hier helfen“, sagte Ferdinand Nückel am Ende des Besuchs. Anfang September wollen die Rotarier entscheiden, worauf sie sich im neuen „rotarischen Jahr“ – es dauert vom 1. Juli bis zum 30. Juni – konzentrieren. Dabei denken die Rotarier nicht nur an Geld, sie könnten sich auch vorstellen, bei Bedarf Güter mit einem Lastwagen transportieren zu lassen oder zu einem Arbeitseinsatz anzurücken. Jürgen Koppelin sagte, es fehlten auch Kleinigkeiten. „Manchmal hilft schon einfach ein vernünftiges Regal.“

 Koppelin leitet den Bramstedter DRK-Ortsverein mit seinen rund 700 Mitgliedern seit einem halben Jahr. Er ist vor allem mit Aufräumen beschäftigt: „Essen auf Rädern“ hat das DRK aufgegeben, es war ein Zuschussgeschäft. „Wir kommen finanziell einfach nicht hin“, beschreibt er die Lage. Außerdem sind die Helfer mit ihrem Domizil auf Fuhlendorfer Gemeindegebiet an der Kieler Straße unglücklich: „Es ist unser fester Wille, dass wir hier raus wollen und in die Stadt zurück ziehen.“ Die langjährige Unterkunft des DRK, das Haus der sozialen Dienste, war 2014 abgerissen worden.

 In der Kleiderkammer steigen die Anforderungen. „Wir überlegen, die Öffnungszeiten zu erweitern“, erklärte Koppelin. Bisher werden Kleider zwei Mal pro Monat ausgegeben. „Dann ist der Ansturm so groß, das die Letzten oft erst lange nach dem eigentlichen Feierabend um 18 Uhr gehen“, berichtete Inga Böttger.

 Rotarier Ferdinand Nückel, der sich in Neumünster beruflich um Flüchtlinge kümmert, wies auf die Gefahr hin, Freiwillige zu überfordern: „Ehrenamtlichkeit erlahmt, wenn es immer die Gleichen sind.“ Der langjährige Politiker Koppelin spielte den Ball sofort weiter: „Sie erlahmt auch, wenn man immer als Bittsteller auftreten muss.“ Der DRK-Vorsitzende warnte gleichzeitig vor einem weiteren Risiko: „Wenn wir nicht in die Öffentlichkeit gehen, besteht die Gefahr, dass die Stimmung kippt.“ Zurzeit lebten 91 Flüchtlinge in Bad Bramstedt, ihre Zahl wird weiter steigen. Koppelin fürchtet, dass sie irgendwann nicht mehr so herzlich willkommen geheißen werden wie bisher.

 Dass seine düsteren Ahnungen berechtigt sind, zeigte sich nach dem Pressegespräch. Bei einer Zigarette auf dem Hof wird Koppelin von einer älteren Frau angesprochen: Sie warte mit sieben von ihr betreuten Flüchtlingen auf die Kleiderausgabe, mit ihrer Knieprothese könne sie nicht lange stehen, erzählt sie. Ihren Namen möchte die Frau nicht in der Zeitung lesen: „Ich habe Angst.“ Angst, dass sie für ihr Engagement angefeindet wird.

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