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Demo für einen Kinderarzt

Bad Bramstedt Demo für einen Kinderarzt

Rund 500 Eltern, Kinder und deren Verwandte kamen nach Bad Bramstedt, um für den Kinderrheumatologen Dr. Nikolay Tzaribachev zu demonstrieren. Mit Sprechchören zogen sie zur Praxis des Arztes am Achtern Dieck. Grund: Tzaribachev ist in seiner Existenz akut bedroht, weil die Krankenkassen ihm teure Infusionen nicht bezahlen wollen.

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Die Teilnehmer der Demo in Bad Bramstedt bangen um ihren Rheuma-Arzt.

Quelle: Uwe Straehler-Pohl

Bad Bramstedt. Im Honorarsystem ist für niedergelassene Ärzte eine Spezialisierung auf rheumakranke Kinder nicht vorgesehen. Zurzeit gilt noch eine zwischen Kassenärztlicher Vereinigung (KV) und Krankenkassen ausgehandelte Übergangsregelung, doch die läuft Ende Juni aus. „Wir stehen vor den Sommerferien, und unsere Kinder sind nicht versorgt“, erklärte eine besorgte Mutter. „Ein Fallbeil könnte nichts Schlimmeres anrichten“, drückte es eine andere noch drastischer aus.

 Von 2009 bis 2013 hatte Tzaribachev im Klinikum Bad Bramstedt die Station für rheumakranke Kinder geführt. „Ich wollte nicht mehr, dass Kinder für eine Behandlung stationär im Krankenhaus aufgenommen werden müssen, obwohl sie auch ambulant behandelt werden können“, erklärt Tzaribachev seine Motivation, sich selbstständig zu machen. Sein Praxiskonzept: Er behandelt ausschließlich rheumakranke Kinder und Jugendliche, denen er die Medikamenteninfusionen ambulant verabreicht. Damit soll den Kindern ein mehrtägiger Aufenthalt im Krankenhaus erspart bleiben, was bislang die gängige Praxis war. Die Kinder werden nicht aus ihrem Umfeld herausgerissen und versäumen auch keinen Schulunterricht. Über 1000 Patienten hat Tzaribachev in der Kartei seiner Praxis „Rhe.Ki.Tz“. Sie kommen aus ganz Norddeutschland.

 Eingebunden in seine Arbeit waren anfangs ein Kieferchirurg, ein Physiotherapeut und auch ein Psychologe. Sie hätten ihre Praxen im Haus am Achtern Dieck aber mittlerweile aufgegeben, berichtete Tzaribachev, der sich selbst unter die Demonstranten gemischt hatte. Um seine Praxis fortführen zu können, wären Sonderverträge mit den Kassen erforderlich. Diese lehnen das ab. Stattdessen sollten neue Tageskliniken aufgebaut werden, die im Wesentlichen auch nicht anders arbeiteten, so der Mediziner. „Wozu etwas schaffen, was schon vorhanden ist?“, fragt Tzaribachev.

 Eingereiht in den Protestzug hatte sich auch Familie Möller aus Henstedt-Ulzburg. Die Eltern lobten die bessere Verträglichkeit und die Langzeitwirkung der Infusionen bei ihrer elfjährigen Tochter Stina im Vergleich zu den früher verabreichten Tabletten. „Ich musste mich nach der Einnahme von Tabletten häufig übergeben“, erzählt Stina. Und Mutter Renate Möller ergänzt: „Die Infusion ist das dritte Mittel, das ausprobiert worden ist – und endlich Besserung gebracht hat.“ Wie es weitergeht, wisse sie nicht. Stina muss alle vier Wochen eine Infusion bekommen. Sie habe aber erst im Oktober einen Vorstellungstermin bei einem Rheumatologen in Hamburg. Das Klinikum Bad Bramstedt, eigentlich eine Spezialklinik für rheumatische Erkrankungen, bietet eine vergleichbare Behandlung nicht an.

 Ingrid und Hermann Muhrdieck waren mit ihrer sechsjährigen Tochter Melissa aus Horst (Kreis Pinneberg) angereist. „Man bekommt keinen anderen Infusionsplatz oder muss monatelang warten“, sagen sie. „Wir sind auf Klinken in Hamburg, Hannover oder Bremen verwiesen worden und haben Termine erst im Oktober angeboten bekommen.“

 „Die Uni-Klinik Kiel wollte alle Untersuchungen nochmals durchführen, in anderen Kliniken gab es lange Wartelisten“, beklagt sich Frank Wittenburg aus Flensburg, dessen Töchter Pia (7) und Amy (11) beide an Rheuma leiden. „Wir wissen nicht, wo wir ab dem 30. Juni abbleiben“, so Wittenburg.

 Anfangs sei seine Behandlung teurer als die Tablettentherapie, räumte Tzaribachev ein. Durchschnittlich koste die Behandlung mit Infusionen 30000 Euro im Jahr. In besonderen Fällen koste eine Infusion bis zu 14000 Euro. „Je früher und intensiver der Behandlungsbeginn ist, umso höher sind die Chancen eine chronische Erkrankung und die Zerstörung der Gelenke zu vermieden“, versicherte der Mediziner. Langfristig sei dies die kostengünstigere Behandlungsform.

 Die Initiatorin der Demonstration, Kerstin Bennecke aus Elmshorn, Mutter zweier rheumakranker Kinder, hofft, dass ihre in der vorletzten Woche eingereichte Eil-Petition an den Landtag Erfolg hat. Sonst bliebe nur die Sammelklage vor Gericht, der sich bisher 100 Elternpaare angeschlossen haben. Die damit beauftragte Rechtsanwältin Monika Domke (Elmshorn) sieht dafür gute Erfolgsaussichten. „Bei einer Interessenabwägung steht die körperliche Unversehrtheit ganz vorne an.“ Und die sei nicht gewährleistet, solange die vielen Kinder ihre Infusionen nicht bekommen könnten.

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Ein Artikel von
Uwe Straehler-Pohl

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