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Ein Abend auf Augenhöhe

Kreuzkirche Henstedt-Ulzburg Ein Abend auf Augenhöhe

Über Flüchtlinge wird zurzeit überall gesprochen, mit ihnen hingegen viel zu selten. Die Benefiz-Veranstaltung der evangelisch-lutherischen Kreuzkirche wich auf wohltuende Weise von dieser Linie ab. Der Abend wurde von Alteingesessenen und Asylbewerbern zusammen und auf Augenhöhe gestaltet. Im Mittelpunkt standen vier Künstler, die es aus Afghanistan, Syrien und dem Iran nach Henstedt-Ulzburg verschlagen hat.

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Am Benefiz-Abend traten unter anderem Ensembles der Kreismusikschule und des Alstergymnasiums auf. Ein iranisches Liebeslied sang Markus Hosseini, der heute in Henstedt-Ulzburg lebt.

Henstedt-Ulzburg. Die Kirchengemeinde engagiert sich schon lange in der Flüchtlingshilfe, unter anderem durch ehrenamtliche Deutschkurse und die Stellung von Unterkünften. Das Ziel besteht darin, nicht einfach nur neben den Asylbewerbern zu leben, sondern sie willkommen zu heißen und anzuhören. Wo die Sprache fehlt, kann die Kunst eine Brücke sein, wie sich am Benefiz-Abend in der voll besetzten Kirche sowie im angrenzenden Gemeindehaus herausstellte.

 Der musikalische Teil wurde in Zusammenarbeit mit der Kreismusikschule gestaltet. Es traten aber auch weitere Ensembles auf, darunter der Gesangverein Frohsinn Wakendorf, die Alstermöwen und das Kammerorchester des Alstergymnasiums. Ein iranisches Lied trug der Flüchtling Markus Hosseini vor, der sich dabei selbst auf der Gitarre begleitete. Für einen radikalen Stilbruch sorgte danach die Punk-Band „Burning Beard“, die in der Kirche eine ungewohnte Lautstärke einführte. Aber auch dafür gab es viel Applaus.

 Zwischen den Musikbeiträgen wurden Impulstexte rund um das Thema Verlust der Heimat, Fremd sein, aber auch Versöhnung verlesen. Auch drei der vier Künstler stellten sich vor, und das sogar auf Deutsch. Sie berichteten davon, wie ihre Arbeit dazu führte, dass sie in ihrer Heimat zunächst aneckten. Dann wurde Meinungsäußerung durch Kunst zunehmend gefährlich. Dennoch war es den Flüchtlingen wichtig darauf hinzuweisen, dass ihre Herkunftsländer vielschichtiger sind, als sie im Allgemeinen wahrgenommen werden. So sagte beispielsweise Azim Fakhri aus Afghanistan: „Ich komme aus einem Teil der Welt, von dem Sie alle viel Schlechtes gehört haben. Aber heute will ich Ihnen mit meinen Bildern einen anderen Teil zeigen.“ Dass derart viele Besucher erschienen seien, gebe ihm Kraft, seinen Weg weiter zu gehen. Azim Fakhri lebt seit fünf Monaten in Henstedt-Ulzburg. Er kam allein nach Deutschland, nachdem er sich mit seinen Bildern, in denen er Krieg und Terrorismus angreift, den Zorn der Taliban zugezogen hatte. Seine Frau und seine beiden kleinen Kinder sind noch in Afghanistan.

 In der Konzertpause hatten die Besucher Gelegenheit, sich die Werke der Künstler anzusehen. Jalal Dada, ein Kurde aus dem syrischen Aleppo, zeigte Aktmalereien. Donja Rezasoltani aus dem Iran kritisierte mit ihren Arbeiten, wie Frauen in ihrer Heimat durch Tradition und Religion unterdrückt werden. Und Toraj Salimi, ebenfalls aus dem Iran, berührte die Gäste unter anderem mit einem Kinderbild: Es zeigt ein verstörtes Mädchen, das seiner Puppe die Augen zuhält, damit diese das Grauen nicht sehen muss.

 Pastor Mathias Krüger stellte in seiner Ansprache die Frage, warum unter den Asylbewerbern derart viele Künstler seien. Er meinte: „Kunst schafft Freiheit, aber sie braucht auch Freiheit.“ Es sei verständlich, dass verfolgte Künstler Zuflucht in Europa suchten. Angesichts von Anschlägen, beispielsweise auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo, müsse aber auch die Frage gestellt werden, wie sicher die Flüchtlinge hier seien.

 Der Konzerteintritt war frei, am Ausgang wurden die Besucher jedoch um Spenden zur Unterstützung von Asylbewerbern gebeten. 941 Euro kamen zusammen. Das Zählen gestaltete sich für die Kirchengemeinde einfach, weil fast ausnahmslos Scheine gegeben worden waren. Weitere Spenden wurden in Form von Überweisungen zugesagt.

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Kommentar

Europa wird umdenken müssen. Natürlich sagt sich das leichter, als es in der politischen Praxis möglich ist. Ein zügiges, möglicherweise sogar kollektives Asylverfahren für Menschen aus Staaten, in denen wie in Syrien Krieg herrscht, könnte vielversprechend sein, weil damit auch eine rasche Arbeitserlaubnis und somit weniger soziale Lasten verbunden sind.

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