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Immer wieder die Schuldfrage

Kaltenkirchen Immer wieder die Schuldfrage

Zu Themen, an die sich niemand gern erinnert und die trotzdem nicht vergessen werden dürfen, zählt die Rolle der Kirche während des Dritten Reiches. Genau damit beschäftigt sich jetzt eine Wanderausstellung, die noch bis Freitag, 22. April, in der Michaeliskirche von Kaltenkirchen zu sehen ist.

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Informierten sich im lokalen Fenster über den ehemaligen Pastor Ernst Szymanowski-Biberstein, der im Zweiten Weltkrieg zum Massenmörder wurde: (von links) die Kaltenkirchener Jürgen Gill, Reinhard Bundschuh und Eberhard Bohn.

Quelle: Isabelle Pantel

Kaltenkirchen. Neben einem allgemeinen Teil gibt es auch ein sogenanntes lokales Fenster, in dem es speziell um die Situation der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Kaltenkirchen geht.

 Die Ausstellung trägt den Titel „Neue Anfänge nach 1945?“. Sie wurde an ganz zentraler Stelle aufgebaut: rund um den Altar der Michaeliskirche. Eröffnet wurde sie mit rund 50 geladenen Gästen und Besuchern. Die Moderation übernahm Pastor Dr. Tilman Fuß, der sich maßgeblich dafür eingesetzt hatte, die Ausstellung nach Kaltenkirchen zu holen. „Sie empfiehlt sich nicht durch Schönheit“, sagte er in seiner Einleitung. Vielfach sei es schmerzlich, sich die Stellwände anzusehen und immer wieder mit der Schuldfrage konfrontiert zu werden. Dennoch sei es wichtig, hinzuschauen und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 Die Haltung der evangelisch-lutherischen Kirche zum Nationalsozialismus war nicht einheitlich. Manche Kirchenvertreter leisteten Widerstand, aber die meisten anderen passten sich den Gegebenheiten an, und viele unterstützten die Nationalsozialisten sogar offen. Auch Antisemitismus war weit verbreitet. Ein Extrembeispiel lässt sich ausgerechnet in Kaltenkirchen finden: Pastor Ernst Szymanowski-Biberstein, der zeitweise auch als Kirchenpropst von Segeberg arbeitete, war bereits seit 1926 NSDAP-Mitglied. Im Zweiten Weltkrieg, nachdem er aus der Kirche ausgetreten war, wurde er zum Massenmörder. Als Führer eines Einsatzkommandos war er zwischen 1942 und 1943 in der Ukraine für die Ermordung von bis zu 3000 Menschen verantwortlich. Die meisten waren jüdische Zivilisten. Nach dem Krieg wurde Szymanowski-Biberstein für seine Verbrechen zum Tode verurteilt, dann aber zu einer Haftstrafe begnadigt. Seine vorzeitige Entlassung wurde mit Hilfe der Kirche erreicht, bei der Szymanowski-Biberstein wieder eine befristete Anstellung erhielt.

 Der Stammteil der Ausstellung ist in sechs Themenfelder aufgeteilt. Die Forschungsarbeit leistete im Wesentlichen der Historiker Dr. Stephan Linck. Den Kaltenkirchener Teil trug Dr. Gerhard Braas bei. Die Besucher können sich nicht nur die Stellwände ansehen, sondern auch einem Hörspiel lauschen, das von Kieler Studenten erarbeitet wurde. Es basiert auf dem Verhör, dem sich Ernst Szymanowski-Biberstein im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stellen musste.

 Bei der Ausstellungseröffnung erklärte Propst Kurt Riecke, es gehe bei der Auseinandersetzung mit dem Thema nicht darum, einzelne zu richten. Vielmehr sei die bewusste Beschäftigung mit der Vergangenheit das Ziel. „Man könnte meinen, gerade die Kirche müsse sich mit Schuld und Vergebung auskennen“, sagte Riecke. „Doch leider müssen wir immer wieder feststellen, dass wir nicht besser sind als andere.“

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