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Denkwürdiges Fest vor 70 Jahren

Kindervogelschießen Bad Segeberg Denkwürdiges Fest vor 70 Jahren

Kaum war am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg vorbei, da feierte Bad Segeberg im August desselben Jahres schon wieder sein traditionelles Kindervogelschießen. Allerdings gab es Einschränkungen. Ein Blick auf ein äußerst denkwürdiges Kinderfest.

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Kindervogelschießen im Sommer 1945 in Bad Segeberg: Nur weil die Jungen der Großkapelle statt in ihrer üblichen Uniform mit weißem Sporthemd und weißer Hose auftraten, durfte das Fest nach längerer Diskussion überhaupt stattfinden.

Quelle: Archiv Zastrow

Bad Segeberg. Zuletzt hatte das Kindervogelschießen im Sommer 1939 stattgefunden - kurz bevor Nazi-Deutschland über Polen herfiel. Dadurch war erst einmal Feier-Pause in Bad Segeberg. „In Anbetracht des gegenwärtigen Krieges wird beschlossen, das diesjährige Fest nicht zu veranstalten“, ist im Protokoll für das Jahr 1940 zu lesen. Ein Jahr später starb der Vorsitzende des Trägervereins. Zwar wählten die Mitglieder den Landmann Hermann Witte zum neuen Vorsitzenden, doch weder er noch die Mitglieder hatten Lust, in den Kriegsjahren ein heiteres Kinderfest stattfinden zu lassen.

 Doch nun war der Krieg vorbei. Das „Tausendjährige Reich“ war nach zwölf Jahren am Boden. Bad Segeberg war hoffnungslos mit Flüchtlingen, Heimatvertriebenen und Ausgebombten überfüllt. Dazu kamen die englischen Soldaten, die etliche Häuser und sogar ganze Straßenzüge besetzt hielten. Es herrschte Mangel an den alltäglichsten Dingen.

 Trotz all dieser Schwierigkeit lud der stellvertretende Vorsitzende des Kindervogelschießenvereins, Ernst Wickel, die Mitglieder für den 10. August 1945 zu einer Versammlung in den Sitzungssaal des Rathauses ein. Der Vorsitzende durfte nicht in Erscheinung treten, da er als „belastet“ galt.

 Aus heutiger Sicht scheint es fast unglaublich, dass die Mitglieder den mutigen Beschluss fassten, schon am 29. und 30. August wieder ein Kindervogelschießen abzuhalten. „Alle militärischen Erscheinungen müssen aus dem Festzug verschwinden“, heißt es im Protokollbuch. Im Vorwege hatte Ernst Wickel bei der Militärbehörde die Genehmigung für das Fest eingeholt. In aller Eile wurden nun die fünf Jahre lang eingemotteten Utensilien wieder hervorgeholt. Sofort begannen die beiden Kapellen des Vereins mit dem Üben.

 Dann war es soweit: Wie auch heute noch brachten die Musikgruppen am Tag vor dem Fest ihre Ständchen in der Stadt. Die Großkapelle wollte auch den Engländern ihre Referenz erweisen. In ihren schicken Uniformen – weiße lange Hose, Uniformjacken und Tschakos auf dem Kopf (Kopfbedeckung bei Militär und Polizei) – ging es mit Musik zum Landratsamt, dem heutigen Haus Segeberg. Dort residierte der britische Stadt-Kommandant.

 Als er jedoch die uniformierten Jungen sah und die zackige Marschmusik hörte, vermutete er eine Nähe zur Hitler-Jugend und darin eine vormilitärische Ausbildung. Sofort verbot er das schon genehmigte Kinderfest und ließ die Verantwortlichen beim britischen Resident Officer vorladen. Nur durch die Vermittlung des von den Engländern eingesetzten Bürgermeisters Johannes Schmitt durfte das Kindervogelschießen schließlich doch stattfinden – aber mit einer deutlichen Auflage: keine Uniformen, keine militärische Ausrichtung. Statt mit Uniformjacken durften die Jungen der Großkapelle nur im weißen Hemd und in weißer, langer Hose spielen. Die Matrosenanzüge der Kleinkapelle erschienen den britischen Offizieren nicht verdächtig.

 So ging das Kindervogelschießen 1945 mit allem, was dazugehört, über die Bühne: Umzug, Festwagen, Wettspielen, Schießen auf den hölzernen Vogel für die Jungen und Vogelpicken für die Mädchen. Weil die Engländer mit dem Hotel Harmonie samt Garten den üblichen Veranstaltungsort an der Hamburger Straße (neben dem Rantzau-Obelisken) besetzt hatten, fanden die Wettspiele auf der heutigen Bühne des Freilichttheaters am Kalkberg statt. Am Abend stand dann das neue Königspaar fest: Peter Clausen aus der Moltkestraße und Gisela Rohwedder aus der Kurhausstraße.

 Der inzwischen abgeschaffte Kindertanz fand, wie damals üblich, am nächsten Tag statt. Da an diesem ersten Fest nach Kriegsende sagenhafte 1200 Kinder teilnahmen, musste der Tanz aufgeteilt werden: Ein Teil der Lütten tanzte im Lindenhof am Kalkberg, der andere im Saal der Harmonie. Diesen Raum hatten die Engländer dafür extra freigegeben. „Der Verlauf des Festes hat jedes Kinderherz vollauf befriedigt, es herrschte großer Trubel, jeder konnte auf seine Rechnung kommen“, lautet der kurze Protokoll-Eintrag vom 30. August 1945.

 Das Kindervogelschießen 1946 wurde hingegen abgesagt. Eine Sonderzuteilung Lebensmittel für die Kinder zu erhalten, stellte sich als unmöglich heraus. In Anbetracht der schlechten Ernährungslage der Kinder befürchteten die Organisatoren, dass die Kinder den Anstrengungen des Festes nicht gewachsen seien. Erst 1947 richtete der Verein wieder ein Kindervogelschießen aus – und seither wieder in jedem Jahr bis heute. Welche Kleidung die Kapellen tragen, regt schon lange niemanden mehr auf.

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