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Mutter wird der Prozess gemacht

Amtsgericht Mutter wird der Prozess gemacht

Ein überaus verstörender Fall kommt vor das Amtsgericht in Bad Segeberg: Am Donnerstag, 5. November, wird gegen die Mutter verhandelt, die ihr 17 Monate altes Kleinkind für über 40 Stunden allein in der Wohnung gelassen hatte. Nur durch das Eingreifen von wachsamen Nachbarn konnte das kleine Mädchen vor einem Jahr rechtzeitig gerettet werden.

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Eine Mutter muss sich vor dem Amtsgericht in Bad Segeberg verantworten. Sie hatte ihr Kind vernachlässigt.

Quelle: Arne Dedert/dpa

Bad Segeberg. Die mittlerweile 31 Jahre alte Frau hatte ihre Wohnung an der Moltkestraße am 18. November vergangenen Jahres, einem Dienstag, verlassen. Sie fuhr nach Hamburg und ließ ihre kleine Tochter hilflos im Gitterbett zurück. Das Kind hatte weder Nahrung noch ein Getränk, von frischen Windeln ganz zu schweigen.

In der folgenden Nacht zu Mittwoch wunderte sich eine Nachbarin über das nahezu pausenlos schreiende Kleinkind. Als sich das Gebrüll auch am nächsten Tag fortsetzte, griff sie zum Telefon und rief das Jugendamt an – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Die Kreisbehörde, die schon im bundesweit bekannt gewordenen Fall des „Kellerkindes“ versagt hatte, bekleckerte sich erneut nicht mit Ruhm.

„Der Mitarbeiter hätte anders reagieren können und müssen“, räumte Jugendamtsleiter Manfred Stankat später im Jugendhilfeausschuss ein. Zugleich schob er der Nachbarin eine Mitschuld an dem folgenden Debakel zu. Das Telefonat der Frau am Mittwoch Mittag sei eine „diffuse Meldung“ gewesen. „Der Anruf war nicht so präzise in seinen Auskünften, dass der Sozialarbeiter eine akute Notlage erkennen konnte.“ Wie sich herausstellte, dokumentierte der Mitarbeiter den Anruf aber noch nicht einmal (so wie es vorgeschrieben ist) unmittelbar danach, sondern erst wesentlich später.

Das brüllende Kleinkind war für das Jugendamt ohnehin kein Grund zur Besorgnis. „Kleine Kinder weinen, wenn sie krank sind, wenn sie Hunger haben, wenn sie Schmerzen haben“, referierte Stankat im Jugendhilfeausschuss. Die Behörde schickte also niemanden zum Nachsehen vorbei. Dass das Geschrei zu diesem Zeitpunkt eine ganze Nacht und den halben folgenden Tag angedauert hatte, beunruhigte keinen der Experten.

Kind schrie - Nachbarin rief Jugendamt

In der Nacht zu Donnerstag hörte das Kind nicht zu brüllen auf. Die Nachbarin rief erneut beim Jugendamt an. Daraufhin schauten zwei Mitarbeiter vor Ort nach und klingelten an der Wohnungstür. Das – mutmaßlich vom Weinen erschöpfte, entkräftete und zudem dehydrierte - Kind war tragischerweise genau in diesem Moment still. So zogen die Sozialpädagogen, die ihr Klingeln durch ein auf Kipp stehendes Fenster aus der Wohnung hörten, ohne weitere Nachforschungen wieder ab. Nicht einmal die besorgte Nachbarin wurde befragt.

Als das Geschrei anschließend wieder einsetzte, alarmierte die entnervte Nachbarin die Polizei, die wiederum die Freiwillige Feuerwehr um Amtshilfe bat. Wehrführer Mark Zielinski stieg gegen 15 Uhr über eine Leiter in die Wohnung ein, entdeckte das Kind im Gitterbett und ließ eilig eine Krankenwagenbesetzung herein. Zielinski, der durch sein Ehrenamt einiges gewohnt ist, war nach dem Einsatz erschüttert. „Das sind Bilder, die will niemand sehen.“

Jugendamtsleiter Stankat erklärte im Anschluss, das Kind sei umgehend mit Flüssigkeitsinfusionen behandelt und ins Krankenhaus gebracht worden. Nach drei bis vier Tagen in der Klinik wurde das kleine Mädchen in eine Pflegefamilie gegeben. Die psychischen Folgen lassen sich nicht abschätzen.

 Die Kriminalpolizei Segeberg nahm Ermittlungen gegen die Mutter auf. Sie münden nun in dem Prozess, in dem der Frau nach Paragraf 171 im Strafgesetzbuch eine Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht vorgeworfen wird. Verstöße dieser Art werden mit einer Geldstrafe oder Haft bis zu drei Jahren geahndet.

 Anders als im Fall des „Kellerkindes“ hatte das Jugendamt (bei allen Relativierungen und Schuldzuweisungen in andere Richtung) zumindest ein wenig Selbstkritik geübt. Stankat gab an, er habe „den Mitarbeitern gewisse Vorhaltungen machen müssen“. Arbeitsrechtliche Konsequenzen folgten jedoch nicht. Das Schicksal des Kleinkindes habe in den Amtsstuben jedoch „Traurigkeit und Entsetzen“ hervorgerufen. Um eine Wiederholung auszuschließen, sollten sämtliche Mitarbeiter des Jugendamtes für den Umgang mit Notrufen geschult werden, wurde angekündigt.

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