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Bauern schlagen Alarm

Niedriger Milchpreis Bauern schlagen Alarm

300 Milchviehbetriebe im Kreis Segeberg sorgen dafür, dass genung Frischmilch, Sahne, Joghurt und Milchmischgetränke, Käse sowie Butter vorhanden sind. Doch die niedrigen Milchpreise bedrohen die Existenz der Bauern. Sie schlagen jetzt erneut Alarm.

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Wehren sich gegen den Milchpreisverfall: (von links) Die Milchbauern Jessica Streubel, Henning Stahmer, Flemming Stuhrmann, Hinnik Krüger und Ben Unruh fordern die Politik auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Milchangebot sinkt und dadurch die Erlöse steigen.

Quelle: Alexander Christ

Kreis Segeberg. Milch zählt zu den wichtigsten Nahrungsmitteln. In den vergangenen zwei Jahren fiel ihr Preis von 45 auf 25 Cent pro Liter. Eine Lösung scheint nicht in Sicht.

 Für Milchbauer Ben Unruh aus Kisdorferwohld und viele seiner Berufskollegen ist der gesunkene Milcherlös eine Katastrophe. „Viele Milchbauern leben seit langem nur noch von der Substanz. Bereits jetzt haben 600 der 3500 Milchviehbetriebe Schleswig-Holsteins angekündigt, dass sie ihre Produktion bis zum Sommer einstellen werden“, sagt Unruh, der auch Mitglied im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist.

 Vor diesem Hintergrund startete der BDM, unterstützt von fast 20 anderen europaweit agierenden Interessenvertretern der milcherzeugenden Betriebe, jetzt eine bundesweite Plakataktion. So wie rund ein Dutzend weiterer Milchbauern aus Segeberg, Herzogtum Lauenburg und Stormarn befestigte Unruh in seinem Kuhstall ein großes Transparent mit dem Aufruf an führende Politiker in Deutschland und in der EU: „Merkel, Schmidt & Hogan: Milchmenge reduzieren statt Milchbauern ruinieren!“

 Damit reagierten die Landwirte auf die Ergebnisse der ersten Zusammenkunft des Runden Tisches Milch in Wiesbaden, an dem 40 Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, Interessenverbänden der Erzeuger sowie Delegationen der milchverarbeitenden Industrie teilnahmen. Doch die Hoffnung von Unruh und anderen, die Milchmenge würde künftig in Krisenzeiten reduziert, um den Milchpreis zu erhöhen, zerstob. Unruh: „Die Milchbauern haben ohne Unterstützung von Politik und der Industrie kaum eine Chance, den Preisverfall aufzuhalten. Wir sind enttäuscht, fühlen uns im Stich gelassen.“

 Jürgen Teege aus Travenbrück, Teamsprecher des BDM-Regionalverbands Segeberg-Herzogtum Lauenburg-Stormarn, rechnet vor: Allein für Futtermittel, Aufzucht neuer Milchkühe, Tierarzt- und Besamungskosten würden 23,4 Cent pro Liter Milch benötigt. „Darin sind weder eigene Arbeitskosten, Krankenversicherung und Altersvorsorge noch Gelder für Instandhaltungsmaßnahmen und Neuinvestitionen enthalten. Rechnet man sie dazu, landen wir bei einem Preis von 45 Cent pro Liter.“

 Jens-Walter Bohnenkamp, Vorsitzender des Segeberger Kreisbauernverbandes, kann die Not der Milchbauern nachvollziehen. Eine Lösung zu finden, sei schwierig. Zwar wäre es gesamtwirtschaftlich sinnvoll, die Milchmenge zu reduzieren. Doch gleichzeitig habe jeder Milchbauer das entgegengesetzte Interesse, wegen hoher Fixkosten die Hofkapazität auszureizen. Außerdem bringe eine Milchmengenreduzierung preislich nur dann was, wenn sich alle Milchproduzenten der Welt von Alaska bis Australien daran halten. Das aber sei unwahrscheinlich.

 Helfen könne nach Ansicht von Bohnenkamp den Milchbauern, wenn das Image der landwirtschaftlichen Produkte verbessert werde, Einzelbetriebe ihre Effizienz steigern und sie ihr Unternehmen breiter aufstellen. Die jüngsten Ideen von Schgleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), statt auf Intensivierung lieber auf nachhaltige Produktion, Anbau anderer Pflanzen und Pflege der Kulturlandschaft zu setzen, hält Bohnenkamp für „fernab der Realität“. Mit neuen Verordnungen wie zur Knickpflege setze das Land doch lieber auf neue Vorschriften, sagt Bohnenkamp. Und viele Sonderprogramme für Landwirte seien in der Vergangenheit „gegen die Wand gefahren“ worden oder würden von der Politik nicht konsequent verfolgt. Manche Idee von Habeck sei nicht umsetzbar, wie die für vermehrten Anbau heimischer Eiweißpflanzen, um Importe von Soja zu verringern. Nach der Ernte der Pflanzen sei viel Stickstoff im Boden. „Dann ist auf diesem Acker keine Folgekultur mehr möglich.“ Mit einem mulmigen Gefühl geht Bohnenkamp ins Jahr 2016. Sein Motto: „Augen zu und durch!“

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