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Erdkabel sorgen für Diskussionen

Ostküstenleitung Erdkabel sorgen für Diskussionen

Der Kreis Segeberg wird zum Versuchsfeld für Deutschland. Um Bewohner zu entlasten, will der Netzbetreiber Tennet in einem Pilotprojekt die neue 380-kV-Trasse bei Kisdorferwohld und in Henstedt-Ulzburg für einige Kilometer nicht als Freileitung führen, sondern als Erdkabel. Nicht allen gefällt das.

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Statt an hohen Masten werden die zwölf Höchstspannungsleitungen in der Erde verlegt. Im Betrieb soll sich der Boden nur leicht erwärmen, sagt Netzbetreiber Tennet.

Quelle: Chris Pennarts

Kreis Segeberg. Allerdings muss noch geprüft werden, ob die Erdkabel dort technisch möglich sind, erläuterten Experten und Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) während einer Konferenz mit rund 70 Bürgern in der Festhalle in Bad Oldesloe. Dort gab es allerdings auch Kritik an den Erdkabel-Plänen.

 Sie war auch schon in mehreren Anhörungen zuvor laut geworden. Henstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer machte wie einige Gemeindevertreter dem Ärger Luft. Die Gemeinde sei grundsätzlich gegen die 380-kV-Leitung im Ort. Und die jetzigen Alternativen seien „die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagte Bauer. Entweder Henstedt-Ulzburg akzeptiere das fünf Kilometer lange Erdkabel unter den Pinnau-Wiesen und an der Kadener Chaussee, oder es werde weiter südlich am Rantzauer Forst eine Freileitung gebaut. Außerdem sei an der A7 ein großes neues Umspannwerk geplant, und möglicherweise folgten weitere Stromleitungs-Verknüpfungspunkte.

 Minister Habeck konnte den Ärger der Henstedt-Ulzburger nachvollziehen, wo ein Knotenpunkt der Stromnetze liege. „Das ist eine, auch historisch gewachsene, große Belastung.“ Aber der durch Windenergie erzeugte Strom müsse abtransportiert werden. Deshalb sei die neue 380-kV-Leitung zwischen A7 und Lübeck nötig. Die Kritik am Erdkabel konnte er nicht nachvollziehen. Es sei auf Bundesebene doch als Teststrecke eigens durchgesetzt worden, um Bürger zu entlasten. Erdkabel sei in Henstedt-Ulzburg besser als Freileitung. „Das ist die Wahl zwischen Pest und Masern.“

 Bauer blieb skeptisch. Erst müsse nachgewiesen werden, dass das Erdkabel technisch möglich und umweltverträglicher sei. Das wollen die Naturfachleute und Tennet bis zum Herbst geklärt haben. Bauer hielt sich offen, dass die Gemeinde Alternativtrassen vorlegt.

 Habeck und Tennet deuteten an, gesprächsbereit zu sein, vor dem Hintergrund, dass objektive Abwägungskriterien wie technische Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Umweltaspekte und Raumordnung Grundlage seien.

 Rechtlich darf die Gemeinde nicht mitbestimmen, faktisch aber schon. Denn an den Pinnau-Wiesen könnte Henstedt-Ulzburg den Stromtrassenplanern Bremsklötze durch den Bebauungsplan oder Baugenehmigungen von Häusern in den Weg legen. Tennet und das Land stehen unter Zeitdruck, weil schon jetzt Windmühlenbetreiber für Strom entschädigt werden müssen, der mangels Leitung nicht abtransportiert werden kann.

 Im Nachgespräch ließ Bauer durchblicken, dass die Erdkabelvariante durchaus Charme haben könnte. „Sie fühlt sich besser an.“ Denn bei der Freileitung weiter im Süden wären bis zu 459 Häuser betroffen. Allerdings hielt sich Bauer weiter offen, gegen eine Trasse generell zu klagen.

 Auch gegen das vier Kilometer lange Erdkabel bei Kisdorferwohld, wo 50 Häuser liegen, regte sich Widerstand. Vor allem Landwirte befürchten Folgen für Tiere, Ackerbau und die Feintechnik von Traktoren. Außerdem seien die Kabelübergangsstationen, also der Übergang von Freileitung zu Erdkabel und umgekehrt, mit bis zu 130 mal 150 Meter riesig.

 „Wir sind Versuchskaninchen“, beklagte sich ein junger Landwirt aus Kisdorferwohld. Die Experten räumten in der Diskussion ein, dass es mit Erdkabeln dieser Dimension bislang keine Erfahrungen in Deutschland gebe.

 Geprüft worden waren von Tennet auch Erdkabelprojekte in Oering, Borstel und Itzstedt. Doch dort waren rechtlich zu wenig Häuser zu nah dran an der Trasse, um Erdkabelbau begründen zu können. Deshalb gibt es dort Freileitungen.

 Der Zeitplan sieht vor, dass bis Herbst feststeht, ob und wo die zwei Erdkabel exakt entlang laufen könnten. So soll das Biotop bei den Pinnau-Wiesen nicht zerstört werden, sagte Umweltplaner Uwe Herrmann. Dann soll es wieder Infomärkte für Bürger geben. Mitte 2017 soll das Planfeststellungsverfahren beginnen. In dessen Verlauf können die Segeberger formal Einwände erheben. Bei einer Baugenehmigung könnte ab 2019 gebaut werden, ab 2020 Strom fließen.

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Foto: Kunststoffrohre, durch die Strom-Erdkabel gezogen werden, sind einer Baustelle in Raesfeld (Nordrhein-Westfalen) verlegt worden. Auch im Kreis Segeberg sollen Erdkabel zum Einsatz kommen.

Die neue 380-kV-Stromtrasse „Ostküstenleitung“ von Henstedt-Ulzburg nach Lübeck wird in Teilen als Erdkabel verlaufen und nicht als Freileitung an Masten. Der Netzbetreiber Tennet plant an zwei Abschnitten die Verlegung in der Erde.

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