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„Wir geben nicht auf“

Kinder-Rheumapraxis in Bad Bramstedt „Wir geben nicht auf“

Eine Demonstration, Petitionen, Briefe an Politiker, etliche Telefonate mit den Entscheidungsträgern und jetzt noch eine Sammelklage: Was die Eltern der an Rheuma erkrankten Kinder auf die Beine stellen, um den Arzt ihres Vertrauens, Dr. Nicolay Tzaribachev, zu unterstützen, ist in Deutschland wohl einzigartig. Vergebens?

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Bald ohne kleine Patienten? Dr. Nicolay Tzaribachev und seine Arzthelferin Claudia Hammerich stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Seit Mittwoch ist die Sonderregelung mit den Krankenkassen ausgelaufen. Die Praxis des Bad Bramstedter Rheumatologen steht auf der Kippe.

 „Wenn wir eines nicht tun, dann aufgeben“, betont Kerstin Bennecke. Die Mutter zweier rheumakranker Kinder kämpft seit Monaten an vorderster Front für den Erhalt der Bad Bramstedter Praxis „Rhe.Ki.Tz.“ (Rheumatologische Kinderpraxis Tzaribachev) und das Fortführen der Infusionstherapie. 300 von Dr. Tzaribachevs mehr als 1000 jungen Patienten erhalten regelmäßig ambulant Biologika- oder Kortison-Infusionen. „Mit Biologica werden Patienten behandelt, bei denen die herkömmlichen Medikamente nicht wirken“, erklärt der Rheumatologe, der sich vor über einem Jahr mit seiner Praxis selbstständig gemacht hat. „Kortison-Infusionen gibt man bei Rheumaschüben. Sie wirken effektiver als Tabletten und haben kaum Langzeitnebenwirkungen.“ Etliche seiner Patienten könnten dank der Infusionen wieder schmerzfrei leben, betont Kerstin Bennecke, „und das nach oft langen und qualvollen Odysseen bei anderen Ärzten.“

 Doch jetzt ist es vorbei mit den schmerzlindernden Behandlungen. Am vergangenen Dienstag kamen noch einmal 25 Patienten in die Praxis, um sich ihre letzte Infusion abzuholen. Das Problem: Für diese Art von Therapie gibt es im Honorarsystem der gesetzlichen Krankenkassen keine Abrechnungsmöglichkeiten. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) hatte die Infusionen bislang mit einer Sonderregelung vergütet. Monatelang stand die KVSH mit den gesetzlichen Krankenkassen in Verhandlung darüber, ob in diesem einzigartigen Fall ein Sondervertrag zur Vergütung geschlossen werden könnte. Doch die mehrfach genehmigte Sonderregelung der KVSH endete am 30. Juni. Eine Verlängerung wurde jetzt abgelehnt: „Die gesetzlichen Krankenkassen in Schleswig-Holstein haben gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung entschieden, dass es keine Erfordernis und keine Möglichkeit gibt, für Dr. Tzaribachev eine Sonderregelung zu treffen“, erklärt Armin Tank, Leiter der Landesvertretung vom Verband der Ersatzkassen (VDEK). Es gebe keine rechtliche Grundlage für eine Honorierung der ambulanten Infusionstherapie. Behandlungen dieser Art bei Kindern seien immer an Kliniken gekoppelt, dürften nicht ambulant verabreicht werden. Aber offenbar sind nicht alle Kassen dieser Meinung. In den letzten zwei Wochen hätten zwei kleinere Betriebskrankenkassen entschieden, die Infusion für ihre Versicherten zu zahlen, weil sie hinter seinem Konzept ständen, sagt der Bramstedter Arzt.

 Die Entscheidung der anderen Krankenkassen gegen Dr. Tzaribachevs Therapieansatz fußt noch auf anderen Argumenten: „Wir haben Experten zu Rate gezogen, um in diesem Fall richtig zu entscheiden“, sagte Ersatzkassensprecher Tank. Und die seien nach reiflicher Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass es „erhebliche medizinische Zweifel“ an Dr. Tzaribachevs Therapiekonzept gebe. Er verabreiche „pauschal“ Infusionen „und nicht nur dort, wo es angezeigt ist“, sagt Armin Tank. Dass die KVSH monatelang für eben diese angeblich zweifelhafte Therapie trotzdem bezahlt hat, kann Tank ebenfalls erklären: „Der KVSH war es wichtig, dass die Versorgung der Patienten, die Dr. Tzaribachev aus der Rheumaklinik Bad Bramstedt in seine Praxis gefolgt sind, gewährleistet wird.“ In ganz Deutschland gebe es niemanden mit Tzaribachevs Therapieansatz - und so soll es nach Meinung der Ersatzkassen auch bleiben.

 Doch den Patienten und deren Eltern sind diese Einwände egal. Für sie zählen die Ergebnisse. Viele der rheumakranken Kinder hatten etliche Medikamente ausprobiert, die entweder nicht geholfen oder starke Nebenwirkungen hervorgerufen haben. Erst mit der Infusion trat Besserung ein. „Das Konzept ist einmalig und hat Sinn und Verstand“, sagt Kerstin Bennecke. Auch ihren Kindern gehe es dank der Infusionen viel besser. „Wir sind froh, dass wir dieses Präparat gefunden haben. Aber jetzt laufen die Kinder Gefahr, wieder Schübe zu bekommen“, erklärt die besorgte Mutter. „Viele Eltern haben Panik vor den Sommerferien und wissen nicht, ob sie in den Urlaub fahren können, wenn die Kinder vorher keine Infusion mehr bekommen können“, weiß sie.

 Um die Patienten aufzufangen, werden jetzt vom Universitätsklinikum Schleswig.Holstein (UKSH) kinderrheumatologische Tageskliniken in Kiel und Lübeck gegründet. „Damit ist die Versorgung gesichert“, sagt Armin Tank. „Dort werden Dr. Tzaribachevs Patienten von mit zeitnahen Terminen berücksichtigt.“

 „Wir sollen jetzt mit unseren Unterlagen zu neuen Ärzten gehen, um wieder komplett neu bewertet zu werden. Aber das wollen die meisten Kinder nicht“, weiß Bennecke. Außerdem sei ihr schon von anderen Eltern zu Ohren gekommen, dass es in den Tageskliniken keine Infusionen gebe. Ihr und vielen anderen Eltern reicht es jetzt: „Wir haben eine Eil-Sammelklage eingereicht“, berichtet Bennecke. Mehr als 100 Eltern seien daran beteiligt.

 VDEK-Sprecher Tank findet es „hoch anständig“ und „in Ordnung“, dass die Eltern gegen die Entscheidung der Krankenkassen ankämpfen. „Aber ich weiß gar nicht, gegen wen die Klage laufen soll, und ich sehe in dieser Sammelklage auch keine Erfolgaussicht.“ Er könne den Eltern nur empfehlen, bei den Tageskliniken vorstellig zu werden.

 Dr. Tzaribachev kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. „30 bis 40 Prozent der rheumakranken Patienten bekommen Infusionen, das kann man nachlesen“, sagt er. Außerdem sieht er sich auch gesetzlich im Recht, denn dort heiße es „ambulante Therapien gehen vor stationären“. Sein Konzept funktioniere, das bewiesen die Erfolge bei seinen Patienten. „Sonst ginge doch niemand für einen Arzt auf die Straße um zu demonstrieren, wie vor zwei Wochen in Bad Bramstedt“, sagt Tzaribachev, „jetzt stehen 300 Patienten auf der Straße.“ Die Empfehlung der Krankenkassen, die Patienten sollten in die Tageskliniken gehen, hält er für falsch: „Es gibt freie Arztwahl in Deutschland. Damit trampeln sie meine Praxis einfach nieder.“ Von den Krankenkassen hätte er sich mehr Gesprächsbereitschaft gewünscht. „Warum lassen sie sich nicht auf eine Probezeit von ein bis zwei Jahren ein, um dann zu sehen, wie effektiv das Konzept ist?“ Ob Onkologen, Internisten oder Rheumatologen für Erwachsene - alle dürften ambulant Infusionen verabreichen. „Ich verstehe nicht, warum ich es nicht darf.“ Denn mit dieser ambulanten Therapie erspare er den Kindern und Jugendlichen mehrere Tage Klinikaufenthalt. „Und günstiger ist es für die Krankenkassen auch.“

 Doch genauso wie die Eltern seiner Patienten will auch Dr. Tzaribachev noch nicht aufgeben. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ich glaube nicht, dass Politiker und Eltern da tatenlos zusehen. Ich stehe nach wie vor für Gespräche bereit.“

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Sylvana Lublow

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