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Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Psychiatrie in Rickling Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert von grausamen Szenen, Tod, Flucht und Verlust. Sie benötigen eine andere Unterstützung als Nordeuropäer. Migrantengerechte, kultursensible psychologische Hilfe finden sie im Psychiatrischen Zentrum des Landesvereins für Innere Mission in Rickling.

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Die Kurdin Mizgin (35) ist traumatisiert. Sie hat unter dem Terrorregime des „Islamischen Staates“ Hinrichtungen miterleben müssen, auch von Freunden und Verwandten. Sie wird in der Abteilung für Migrationspsychiatrie und -psychologie von Oberarzt Dr. Ali Ekber Kaya (von links) und dem Psychologen Osman Sahin betreut. Nikolas Kahlke ist Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums in Rickling.

Quelle: Gerrit Sponholz

Rickling. 2500 Flüchtlinge flohen in diesem Jahr aus den Krisen- und Kriegsgebieten Syrien, Irak, Afghanistan und Türkei in den Kreis Segeberg, dieses Jahr werden 4000 erwartet. Das Projekt in rickling hat bundesweit Modellcharakter – und wird von Patienten geradezu überrannt .

 In der größten Fachambulanz Deutschlands können 450 Patienten pro Quartal betreut werden, sagt Oberarzt Dr. Ali Ekber Kaya, und fügt nicht ohne Stolz hinzu: Die Anfragen aus Deutschland und mittlerweile aus Europa für seine Abteilung Migrationspsychiatrie und -psychologie seien zwölf Mal so groß.

 Für stationäre Fälle gibt es zehn Betten, demnächst 20. Die Zimmer sind in einem modernen Haus auf dem Gelände des Zentrums untergebracht. Die Türen sind nicht abgeschlossen. Behandelt werden schwer traumatisierte Flüchtlinge. Sie haben viele schreckliche Erlebnisse hinter sich: Todesangst, Folter, Missbrauch, Verlust der Familie, Hinrichtungen. Die psychologischen Folgen: Depressionen, Schlafstörungen, Angstzustände, Schreckhaftigkeit, emotionale Taubheit und Flashbacks, die die erlebten Ängste und eine Hilfslosigkeit hervorrufen. Es trifft gleichermaßen Frauen wie Männer.

 Ein Trauma-Patient hat nach ärztlicher Definition überwältigende Erlebnisse hinter sich, die seine psychologischen Möglichkeiten übersteigen. Das Leben ist aus der Bahn geraten.

 Dass Migranten anders als einheimische Patienten betreut werden müssen, hat Dr. Kaya schon vor sieben Jahren gewusst. Er hatte damals begonnen, die Abteilung für Migrationspsychiatrie und -psychologie in Rickling aufzubauen. „Hier geht es multikulturell, multikonfessionell und multiprofessionell zu.“

 15 Kräfte, von mehrsprachigen Psychologen über Krankenpfleger bis zu Ergo- und Physiotherapeuten, kümmern sich um die Flüchtlinge aus dem orientalischen Raum. Migranten aus diesen Regionen hätten eine andere Lebens- und Sichtweise als einheimische Nordeuropäer, sagt Dr. Kaya. Sie seien sehr familien- und gemeinschaftsorientiert, nicht individualistisch. Üblich sei es in diesem Kulturkreis, das Leid zu teilen und es der Außenwelt mitzuteilen. Und nicht wie meist in Nordeuropa, mehr nach innen zu leiden.

 Auch das Essen, die Zubereitung und das Mahl an sich unterscheiden sich, so wie manches Rollenverständnis, der Status und das Gruppenleben. Schlechte Deutschkenntnisse sind bei der Betreuung der Migranten oft ein großes Hindernis, weil Psychotherapie auf Sprache angewiesen ist. „Und viele Migranten wissen gar nicht, was Psychotherapie ist“, sagt Dr. Kaya.

 Auf all diese Dinge nehmen Kaya und sein Team Rücksicht. Sie haben für ihre Patienten eine wohlige Heimstatt aufgebaut. Die Patienten kochen gemeinsam, reden miteinander, Frauen und Männer, Kurden und Türken, Schiiten und Sunniten. Kaya: „Wir bieten den Patienten ein Stück Heimat in der Fremde.“

 Was ein wenig wie Wohngemeinschaft klingt, ist Teil der Therapie: Die Atmosphäre gibt den traumatisierten Patienten Ruhe und Sicherheit. Dies ist in der ersten Phase des Heilungsprozesses das Wichtigste. Sie fühlen sich angenommen und verstanden. So können sie sich besser öffnen, wieder Boden unter den Füßen bekommen.

 Eine Therapie besteht in der Regel aus drei Schritten, sagt Nikolas Kahlke, Leitender Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums. Patienten müssen sich zunächst selbst und ihre Erkrankung verstehen und akzeptieren. Danach geht es für die Patienten darum, damit umzugehen, also herauszuarbeiten: Was sind meine Stärken? Der dritte Schritt führt zur praktischen Umsetzung: Was bedeutet all das für mein Leben, wie kann ich mich künftig verhalten?

 Aufgaben, die in der Regel Zeit benötigen. Allerdings zahlen die Krankenkassen oder Behörden einen Stationsaufenthalt eines Patienten nur für einige Wochen. Danach muss die Ambulanz des Psychiatrischen Zentrums helfen, die Patienten zu begleiten.

 Der Bedarf an migrantengerechter Hilfe ist groß, nicht nur wegen der traumatisierten Kriegsflüchtlinge. Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat mittlerweile einen Migrationshintergrund, sagt Dr. Kaya. Doch viele Migranten kannten das psychologische Hilfsangebot gar nicht. Als er die Station aufgebaut habe, sei er in deren Gemeinschaften gegangen, um darüber aufzuklären.

 Seitdem sich der Erfolg herumgesprochen hat, kann sich seine Station vor Anfragen kaum retten.

 Der Stolz auf den Erfolg eint offenbar auch die Patienten. Als sie erfuhren, ein Redakteur der Segeberger Zeitung wolle sie besuchen und über sie berichten, zelebrierten sie als Zeichen der Gastfreundschaft ein Begrüßungsessen. Männer und Frauen der Station kochten und servierten gemeinsam ein mehrgängiges orientalisches Menü.

 Dr. Kaya, ein Mann mit viel Energie und Enthusiasmus, war stolz auf seine Patienten. Seine Station zeigt: Das Zusammenleben traumatisierter und unterschiedlicher Menschen klappt. Sie sind auf einem guten Weg.

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Ein Artikel von
Gerrit Sponholz
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