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Einblicke in Otto Flaths Leben

Rathaus in Bad Segeberg Einblicke in Otto Flaths Leben

Es ist ein gespenstischer Moment, wenn man die Treppe zum 1. Stock des Rathauses herauf kommt und sich plötzlich Otto Flath in Lebensgröße gegenübersieht. Der steht und schnitzt an einer Skulptur, den Holzhammer zum Schlag erhoben. Dabei ist Bad Segebergs Ehrenbürger seit 29 Jahren tot.

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Hans-Werner Baurycza (von links), Peter Zastrow und Dr. Ulrich Altner haben die Otto-Flath-Ausstellung gestaltet.

Quelle: Michael Stamp

Bad Segeberg. Möglich wird diese sehr reale Begegnung durch die neue Ausstellung der Heimatforscher Peter Zastrow und und Hans-Werner Baurycza. Gemeinsam mit Dr. Ulrich Altner haben sie eine Schau zusammengestellt, die den Menschen Otto Flath in den Mittelpunkt rückt und besser als jedes Werkverzeichnis erklärt, wie und warum er zu dem Künstler geworden ist, der sage und schreibe 3512 Holzskulpturen und abertausende Aquarelle und Zeichnungen hinterlassen hat.

 Rückblick auf das Jahr 1906: Vor 110 Jahren wird Flath in der Nähe von Kiew in der Ukraine in eine Familie geboren, die es nicht so mit den schönen Künsten hat. Vater Wilhelm ist von Beruf Schlachter. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Familie Flath nach Charkow ausgewiesen; weitere Stationen im Zuge der russischen Oktoberrevolution sind erst Riga und nach langer Schiffsreise schließlich Lübeck. In Melsdorf bei Kiel sieht der junge Otto zum ersten Mal eine Schule von innen – mit 13 Jahren. Seine Schullaufbahn gerät mit gerade mal zweieinhalb Jahren noch deutlich kürzer als das heutige G8.

 Schnell zeigt sich aber sein wahres Talent: bei einer Lehre als Elfenbeinschnitzer. Später arbeitet er in einer Möbelfabrik. Otto Flath verliert in der Weltwirtschaftskrise seine Arbeit, erhält jedoch ein Stipendium an der Kunst- und Gewerbeschule in Kiel. Er wird in die Bildhauerklasse aufgenommen. „Er war ein richtiges Arbeitstier“, sagt Heimatforscher Peter Zastrow.

 1932 begegnet der Künstler dem Ehepaar Ellen und Willy Burmester –und diese seltsame Verbindung lässt Betrachter der Ausstellung im Rathaus immer wieder irritiert innehalten. Die kinderlosen Burmesters, deren Ziehtochter gerade geheiratet und das Haus verlassen hat, nehmen Otto Flath in eine Art Lebensgemeinschaft auf. Sie fördern den begabten Bildhauer, schotten ihn aber auch von der Außenwelt ab.

 Zastrow: „Die Burmesters suchten jemanden, den sie fördern konnten – und fanden ihn in Otto Flath.“ Dass er die kindliche Rolle in der Familie innehat, wird beispielsweise in einer Weihnachtskarte deutlich, die Flath im Dezember 1932 an Ellen Burmester schreibt und die im Rathaus hängt: „Unserm lieben, guten, goldigen Kerlchen, Seelchen und Muttchen zum süßen Gruß und Genuß von ihrem Bubile und Flathenbubs.“

 Als eine junge Frau Interesse an dem durchaus attraktiven Otto Flath zeigt, schreibt ihr Willy Burmeister einen deutlichen Brief und unterbindet den weiteren Kontakt. Auch künstlerisch gerät Flath, der bis dahin wenig Interesse an Religiösem gezeigt und sich mehr auf soziale Konflikte konzentriert hat, mehr und mehr unter den Einfluss der Burmesters. „Nicht die Not müssen Sie darstellen, sondern wie man da herauskommt“, erklärt Ellen Burmester. Als sie gemeinsam vor dem Schleswiger Dom stehen, sagt sie ihm, er solle künftig Altäre bauen: „Ströme durchs Holz senden, um hungrigen Seelen Kraft und Trost zu geben.“

 Otto Flath widmet sich daraufhin der Kunst als religiöser Erlösung. Gemeinsam ziehen die Burmesters und er nach Bad Segeberg und finden letztlich an der Bismarckallee ein Zuhause, das bis heute als Villa und Kunsthalle Flath bekannt ist. Hier arbeitet der Holzbildhauer, der mit Gerda Orthmann erst in seinen letzten Jahren und nach dem Tod der Burmesters eine Lebensgefährtin findet, bis Mai 1987. Am Tag nach seinem 81. Geburtstag stirbt Otto Flath an Herzversagen. Das Grundstück und seine Werke hinterlässt er der Stadt.

 Die Ausstellung erzählt aber noch viel mehr – etwa von den Lampen, die der Künstler gebaut hat, und von der Firma Möbel Kraft, die auf Anregung von Seniorchefin Emilie Kraft die Kunsthalle baute. Zu sehen sind Flaths Original-Werkzeuge, einige humoristische Zeichnungen und natürlich Skulpturen. Das beeindruckendste Exponat ist aber das lebensgroße Flath-Foto, das Baurycza auf eine Kunststoffplatte gezogen und ausgeschnitten hat.

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