7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Im Dorf geht die große Angst um

Rickling Im Dorf geht die große Angst um

In Rickling geht die Angst um. Ein 48-jähriger Mann bedrängt Bürger. Er soll Anwohner verletzt haben und hat offenbar vor wenigen Tagen ein Auto angezündet. Nachbarn wie der 74-jährige Gerd Westphal, die Polizei und die Gemeinde fühlen sich machtlos.

Voriger Artikel
Amtsausschuss unterstützt gerichtliche Klärung
Nächster Artikel
Ein Riss im Schulverband

Gerd Westphal lebt in Angst: Ein Zugezogener macht ihm und anderen Nachbarn in Rickling das Leben zur Hölle.

Quelle: Gerrit Sponholz

Rickling. Muss erst so etwas Schlimmes wie ein Mord geschehen, damit er in Sicherungsverwahrung genommen wird, fragt Bürgermeister Christian Thomann besorgt. Der offenbar mittellose Unruhestifter war Ende 2014 in das Dorf gezogen. Die Gemeinde stellte ihm eine Wohnung im ehemaligen Rentnerwohnheim in der Straße Eichbalken zur Verfügung.

 „Dann fing der Ärger an“, sagt Bürgermeister Thomann.

 Schlimm traf es Gerd Westphal (74), vom Charakter her ein hilfsbereiter aber ängstlicher Mensch. Begonnen hatte der Kontakt noch freundschaftlich, erinnert sich der Rentner. Vor gut einem Jahr habe der neue Nachbar bei ihm gefragt, ob er sich einen Gartentisch ausleihen könne. Westphal gestattete ihm das, half sogar beim Schleppen. Danach sei der Mann aufdringlicher geworden. „Er wollte gegen meinen Willen in mein Haus ziehen, hat zwei Mal Türscheiben eingeschlagen.“ Aus Angst vor diesen Drohungen, sagt Westphal, habe er ihn in sein Haus gelassen. Daraufhin habe sich der Nachbar breitgemacht, getrunken und geraucht und sei gewalttätig geworden. „Ich wurde zwei Mal von ihm gewürgt. Die Polizei wurde von mir jeweils gerufen. Sie hat ihm sogar eine Pistole abgenommen.“

 Das Amtsgericht Bad Segeberg hatte ein Einsehen. Anfang April erließ es eine Verfügung gegen den aufdringlichen Nachbarn. Er muss zu Westphal einen Abstand von 50 Metern einhalten.

 Nachbarin Karin Ubben hat den 48-Jährigen ebenfalls schon aufdringlich erlebt und weiß von mehreren Nachbarn, die unter ihm leiden würden. „Das sind meist ältere Menschen, die sich nicht gegen ihn wehren können.“ Der Mann fordere etwa, dass sie ihm Gegenstände aushändigen sollen, und er betrete fremde Grundstücke. Von ihr habe er einen ihrer Hunde haben wolle. „Das habe ich abgelehnt und ihm klar gesagt: ’Hau ab!’“. Die Polizei sei oft gerufen worden, manchmal fünf Mal am Tag. „Doch den Beamten sind die Hände gebunden.“ Der Mann sei vom Tatort verschwunden, die betroffenen Senioren hätten sich aus Angst vor ihm mit Zeugenaussagen zurückgehalten.

 Nico Möller, Pressesprecher der Polizeidirektion Bad Segeberg, empfiehlt, in Fällen von Belästigungen immer die Polizei unter 110 zu rufen. 24 Stunden ein Dorf überwachen, könne sie aber nicht. „Wir sind dann auf Hinweise der Bürger angewiesen.“

 Neu ist die Masche des Unruhestifters nicht. 2011 hat er in ähnlicher Weise seine Mitbürger in Tangstedt (Kreis Pinneberg) terrorisiert. Der damalige Bürgermeister Detlef Goos erinnert sich mit Grausen: Der Mann habe Kinder behelligt, Kneipengäste bedroht, gelärmt, einem Hund das Kiefergelenk ausgerenkt, Türen verbarrikadiert, nachts in fremde Fenster geschaut, sei in fremde Autos gestiegen. Kurzum: Er hatte Angst und Schrecken verbreitet. Etliche Tangstedter hatten wegen der Attacken sogar ärztlich behandelt werden müssen. Der sozialpsychiatrische Dienst sei eingeschaltet worden, habe eine stationäre Zwangsunterbringung des Mannes aber abgelehnt.

 Die Lage beruhigte sich in Tangstedt erst wieder, als er wegzog, berichtet das zuständige Polizeirevier Rellingen.

 In Rickling trieb es der Mann jetzt noch doller. Er hatte über Ostern in der Straße Eichbalken einen Pkw seiner ehemaligen Freundin in Brand gesetzt. Als die Polizei ihn schnappte, hatte er den Benzinkanister noch bei sich. In der Vernehmung gestand er die Tat. Der 48-Jährige, der früher schon wegen Gewaltdelikten aufgefallen war, wurde in Untersuchungshaft genommen und sitzt in Neumünster ein. Ihm droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von mindestens einem Jahr.

 Gerd Westphal will sich in der Zwischenzeit wappnen: „Ich werde mein Haus absichern.“ Und falls die Angst vor einem erneuten Übergriff zu groß wird: Freundliche Nachbarn, sagt Westphal, hätten ihm schon angeboten, notfalls bei ihnen übernachten zu können.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Aktuelle Nachrichten aus der Segeberger Zeitung
Ein Artikel von
Gerrit Sponholz
Segeberger Zeitung

Mehr aus Nachrichten aus Segeberg 2/3