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Simons langsamer Abschied

Rickling Simons langsamer Abschied

Er sitzt kerzengerade in seinem Rollstuhl. Schmal und zart, aber schnell wird klar, dass er sein Gegenüber mit Bestimmtheit in seinen Bann ziehen kann. Seine Worte sind ruhig, seine Stimme hell und freundlich. „Ich wollte noch einmal zum Tanzen auf die Bühne“, erzählt Simon Möller (11), und dieser Satz klingt für den Hauch eines Augenblicks zu reif für sein Alter.

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Simon Möller (11) aus Rickling als Fledermaus in der großen Aufführung der Ballettschule Reetz im Kleinen Theater in Wahlstedt.

Quelle: privat

Rickling. . Dann erklärt er, dass die Aufführung mit der Ballettschule Reetz vor wenigen Wochen das letzte Mal sein musste, weil seine Krankheit ihn kein Ballett mehr tanzen lässt. Simon hat eine seltene Form von Muskeldystrophie, die seine Muskeln abbaut und ihn irgendwann komplett an den Rollstuhl fesseln kann.

 Seit sechs Jahren ist die Diagnose bekannt. Damals, mit fünf Jahren, hatte er schon mit dem Ballett bei Marijke Reetz angefangen. Das gefiel ihm, auch deshalb, weil seine beiden Schwestern Rahel (14 ) und Leah-Friederike (16) ebenfalls tanzen. Dass dieser ästhetische Sport ihm bald helfen würde, gegen seine Krankheit anzugehen, wusste damals noch niemand. „Im Kindergarten fiel auf, dass die jüngeren Kinder immer an Simon vorbeigerannt sind. Und er war immer sehr kraftlos“, erzählt seine Mutter Anett Möller (41), während Simon im Übungssaal in der Ballettschule ein paar Runden dreht. Sie ging mit ihm zum Arzt, doch bis die niederschmetternde Diagnose – Gliedergürtelmuskeldystrophie vom Typ 2i – stand, verging ein Jahr.

 Simon lernte, mit seinem Schicksal zu leben. Ballett tanzte er weiterhin. Besonders mochte er Wechselschritte und Skips, anmutige Hüpfer. Als er sieben war, schaffte er die Primary-Prüfung, gewertet mit dem sogenannten Nachteilsausgleich, den er als Behinderter hat. In Marijke Reetz fand die Familie nicht nur eine geeignete Lehrerin, sondern auch einen verständnisvollen Menschen, denn sie hat einen Sohn mit ähnlicher Krankheit. „Ballett ist gut für den Muskeltonus“, sagt die gebürtige Niederländerin. Gern förderte sie Simon, der in der Ballettschule hatte, was er anderswo zeitweise vermisste: Verständnis und Gleichgesinnte.

 Und so tanzte er sich auch in die Herzen der Zuschauer; dreimal war er bei den großen Aufführungen im Kleinen Theater am Markt in Wahlstedt dabei, zuletzt als flatterhafte Fledermaus und als Marienkäfer, der einen Chor dirigierte. Das ging auch im Rollstuhl. Noch kann Simon aber aufstehen: „Mein Rekord ist eine Stunde gehen, ohne zu sitzen.“

 Mit der Zeit wurde das Training beschwerlicher. „Die Krankheit greift auch das Herz an, manchmal die Lunge“, beschreibt Anett Möller, die Simon mittlerweile die Treppen in ihrem Haus hochträgt, weil er sie nicht mehr allein bewältigt. Nach wie vor bekommt er Physiotherapie. Verzagen mag Simon auf gar keinen Fall: „Meine Lieblingsfächer in der Schule sind Mathe und Sport“, sagt der Viertklässler, der bald die Poul-Due-Jensen-Schule in Wahlstedt besucht. Basketball, Fußball, Völkerball liebt und spielt er nach wie vor mit seinen Freunden.

 Die Ballettschule will Simon immer mal wieder besuchen, auch die Aufführungen. Zu seinem Abschied hatte er mit seiner Mutter ein liebevoll gestaltetes Plakat hochgehalten: „Danke, Frau Reetz, für mein letztes Mal auf der Bühne.“ Wehmut ist zu spüren. „Wenn ich könnte, würde ich weitermachen“, sagt Simon nachdenklich. Doch sofort ist seine Stärke wieder da, und er steht entschlossen auf aus seinem Rollstuhl, um ins Bad zu gehen.

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Ein Artikel von
Andrea Hartmann
Segeberger Zeitung

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