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Vergessene Werkarbeiter?

Rumänen in Bad Bramstedt Vergessene Werkarbeiter?

Die Flüchtlinge sind seit Monaten vorherrschendes Thema. Für deren Integration wurde und wird viel getan. Doch es gibt noch eine andere ähnlich große Gruppe Zugezogener, die aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden ist: die Rumänen, zum größten Teil Werkarbeiter im Schlachthof.

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Halten fest zusammen: Mutter Cornelia Slusariuc, Vater Costel und die Kinder Bianca und Robert leben seit 2009 in Bad Bramstedt.

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Seit der ortsansässige Schlachthof Vion 2008 seine polnischen Arbeiter gegen rumänische austauschte, leben sie in Bad Bramstedt. Derzeit sind knapp 300 von ihnen im Rathaus gemeldet.

 Viele rumänische Schlachthof-Arbeiter haben mittlerweile ihre Familien nachgeholt, deren Kinder besuchen hier die Kitas und Schulen. Familie Slusariuc kommt aus Bukarest und lebt seit 2009 in Bad Bramstedt. Vater Costel (39) arbeitet bei Vion als Zerleger, Mutter Cornelia (43) in der Etikettierung. Ihr Sohn Robert (10) besucht die Grundschule Am Bahnhof und Tochter Bianca (16) geht auf die Auenland-Gemeinschaftsschule.

 Während des Gesprächs mit der SZ fungierte vor allem Tochter Bianca als Dolmetscherin, denn ihr Vater spricht kein Deutsch, die Mutter nur ein wenig. Wie kommt es, dass zwei erwachsene Menschen nach fast sieben Jahren in Deutschland noch nicht die Sprache beherrschen? „Wir wollen gerne Deutsch lernen, aber die Sprachkurse finden unter der Woche tagsüber statt, da arbeiten wir aber“, lässt Cornelia Slusariuc übersetzen. Sie und ihr Mann sind montags bis freitags etwa von 4 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags im Schlachthof beschäftigt – und sonnabends arbeiten sie auch noch mal vier Stunden bei Vion. Dass sie seit einem Jahr etwas mehr verdienen aufgrund des Mindestlohns, bestätigen beide.

 Die Kinder sprechen perfekt Deutsch, sie haben es in der Schule schnell gelernt. Costel Slusariuc erzählt, dass er nur mit Rumänen zusammen arbeitet und deshalb auf dem Schlachthof auch nur rumänisch sprechen muss. Seine Frau hingegen hat auch deutsche Kollegen und kann deshalb ein paar Brocken Deutsch. „Und ich habe eine deutsche Freundin, die einen rumänischen Mann geheiratet hat“, sagt sie. Ansonsten hat das Ehepaar privat fast ausschließlich Kontakt mit seinen Landsleuten. „Unsere ganze Familie lebt jetzt hier“, sagt Cornelia Slusariuc: „Die meisten Rumänen bleiben unter sich.“

 Kostenlose Sprachkurse wurden der Familie von Seiten der Stadt oder anderen Institutionen nicht angeboten, sagt Cornelia Slusariuc. Auch weitere Integrationsangebote habe es nie gegeben. „Wir wurden nicht behandelt wie die Flüchtlinge heute. Aber das ist okay so. Wir wollen behandelt werden wie die Deutschen, das reicht uns“, sagt Costel Slusariuc stolz. Denn als hart arbeitender und Steuern zahlender Mitbürger möchte er auch anerkannt werden. Deutschland ist für ihn ein gutes Land, weil es hier gerechter und alles besser geregelt ist als in seiner Heimat.

 Vor knapp zwei Jahren, kurz nach der Vion-Schlachthof-Affäre, hatte es sich der Sozialausschuss der Stadt zur Aufgabe gemacht, die rumänischen Mitbürger besser zu integrieren. Geredet und diskutiert wurde viel; auch einige Ideen kamen auf den Tisch: kommunal finanzierte Sozialarbeiter, kostenlose Sprachkurse, runde Tische oder Gewerkschaftssprechstunden vor Ort. „Wir haben viele gute Absichten und wollen dran bleiben. Wir müssen bloß den Zugang finden“, sagte Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach damals auf der Sitzung. Was ist davon übrig geblieben nach zwei Jahren? Eigentlich nichts. Es habe damals eine Gesprächsrunde mit dem Sozialausschussvorsitzenden Manfred Spieß, dessen Stellvertreter Werner Weiß, dem Bürgeramtsleiter Jörg Kamensky, einem Sprecher der Rumänen und ihm selbst gegeben, sagt Kütbach. Hauptthema seien damals aber die schlechten Wohnbedingungen in den zwei Häusern am Landweg gewesen, in denen viele der rumänischen Werkarbeiter untergebracht sind. „Wir hatten dem Rumänen, der dabei war, unsere Unterstützung angeboten. Das wurde dankend zur Kenntnis genommen, aber niemand kam darauf zurück“, erinnert sich Jörg Kamensky.

 Weitere Integrationsmaßnahmen, wie zum Beispiel Sprachkurse für die Rumänen, wurden nicht angestoßen. „Das liegt vielleicht daran, dass man nicht weiß, ob die Rumänen schon Deutsch sprechen. Das ist bei den Flüchtlingen ja anders, das muss man unterschiedlich bewerten“, sagt Kamensky. Kostenlose Sprachkurse für Flüchtlinge würden nur von Ehrenamtlern angeboten. Kurse, zum Beispiel von der Volkshochschule, kosten Geld. „Die Rumänen arbeiten hier und verdienen Geld, die könnten sich doch bei solchen Kursen anmelden“, sagt der Bürgeramtsleiter: „Vielleicht hätten wir damals nach Möglichkeiten gesucht, wenn die Rumänen uns angesprochen hätten, dass sie Deutsch lernen wollen.“ Hilfsangebote wie die des Familienbüros werden von den rumänischen Familien aber in Anspruch genommen. „Wir helfen ihnen beim Ausfüllen der Kindergeldanträge“, sagt Mitarbeiterin Cornelia Löpert, „die Deutschkenntnisse der Rumänen sind eher schlecht.“

 Auch wenn die soziale Integration der rumänischen Werkarbeiter anscheinend missglückt ist, muss man sich um die nächste Generation der Rumänen keine großen Sorgen machen dank Kitas und Schulen. Die jungen Leute lernen schnell Deutsch, haben deutsche Freunde und sind Mitglieder in Sportvereinen. So wie Bianca Slusariuc. Die 16-Jährige tanzt beim TC Roland. „Ich mag das Leben hier, weil ich hier viele Freunde habe und die Schule gut ist“, sagt sie. Bald geht sie auf die gymnasiale Oberstufe; Lernen fällt ihr nicht schwer. Auch ihrem Bruder Robert nicht. „Ich habe in Mathe eine Eins“, sagt er stolz. Er würde demnächst gerne einen Informatik-Kursus besuchen. Und Handball spielt er nachmittags auch. Zu Hause wird bei den Slusariucs rumänisch gesprochen, obwohl sich zumindest die Mutter wünschen würde, dass ihre Kinder mit ihr deutsch sprächen. „Aber meine Grammatik ist ein Katastrophe, und die Kinder lachen dann“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Wo ihr die deutsche Sprache am meisten fehlt? „Beim Elternsprechtag in der Schule“, sagt sie und lacht.

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