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Ein renoviertes Zuhause auf Zeit

Schackendorf Ein renoviertes Zuhause auf Zeit

Nach gut einem Jahr Zwangspause wegen Umbauarbeiten nimmt der Kreis Segeberg seine Gemeinschaftsunterkunft wieder in Betrieb. Das modernisierte Heim für Asylbewerber wurde am Freitagnachmittag eröffnet. Dabei feierten die Gäste mit Musik und Speisen aus aller Welt.

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„Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“ Als der gebürtige Afghane Markus Hosseini den Song anstimmte, hörte Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt erfreut zu. Die Einweihung der Gemeinschaftsunterkunft wurde zu einem kleinen interkulturellen Fest.

Quelle: Petra Stöver

Kreis Segeberg. An die 90 Menschen haben Platz in dem großen Gebäude bei Schackendorf nahe der Autobahn A 21. Schon seit 1988 leben in der ehemaligen Gaststätte Asylbewerber. 2013 entschloss sich der Kreis zu einer grundlegenden Sanierung. Erst vor einem Jahr konnte der Umbau beginnen. 1,9 Millionen Euro hat der Kreis investiert, 70 Prozent davon zahlte das Land. „Gut investiertes Geld“, waren sich die Offiziellen gestern einig. Eine frühere Bewohnerin stimmte in das Lob ein.

 Die Asylbewerber werden im Haus bei Schackendorf nur wenige Wochen bleiben, danach sollen sie in Wohnungen innerhalb des Kreises umziehen. Während des Aufenthalts ist Hausleiterin Ileana Buhociu vom Deutschen Roten Kreuz ihre Ansprechpartnerin. Noch ist der Job überschaubar, nur zehn Leute wohnen in der Unterkunft. Sie geht davon aus, „dass das Zusammenleben funktioniert, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet“. Und die verbesserte Ausstattung des Hauses könne zu einem guten Miteinander beitragen.

 Das hofft auch stellvertretender Landrat Claus Peter Dieck. Auch wenn der Zustrom zurzeit abebbt, erwartet der Kreis im Laufe dieses Jahres bis zu 4000 Flüchtlinge. In der Zwischenstation Schackendorf könnten die Leute ein bisschen verschnaufen. Die Gemeinschaftsunterkunft biete ihnen mehr als „satt und sauber“. Sie schafft laut Dieck „die allerbesten Voraussetzungen, um den Menschen ein Zuhause auf Zeit zu geben“.

 Sadaf Haschemi kann den Zustand „vorher – nachher“ gut vergleichen. Die 28-jährige Afghanin hat vor einigen Jahren dort mehrere Monate verbracht, auf der Zwischenstation von Kabul über Neumünster nach Sievershütten. Jetzt kam sie als Gast wieder und fand den Umbau „ganz toll“. Vor drei Jahren hatte sie dort mit Mann und Tochter ein großes Zimmer und es sei „nicht schlecht“ gewesen. Das Kochen in der großen Gemeinschaftsküche hingegen sei problematisch gewesen, die hygienischen Verhältnisse in der Gemeinschaftsdusche manchmal heikel und gar nicht kindgerecht. „Jetzt ist alles so toll, so sauber“, sagte die junge Frau, die die Zimmer heller und ansprechender als früher empfindet.

 Das Haus bietet 30 sehr einfach eingerichtete Zimmer für bis zu vier Personen. Dazu kommen Gemeinschaftsräume, Spielecken, elf Küchen mit 17 Kochgelegenheiten und 15 Badezimmer. Das Erdgeschoss ist barrierefrei und bietet auch Räume für Menschen mit Behinderungen. Die Außenwände wurden gedämmt. Vorerst zu den Akten legen musste der Kreis seinen Plan, auf dem Gelände einen separaten Neubau zu errichten und die Anlage auf bis zu 200 Plätze zu erweitern.

 Jede Familie hat nun einen eigenen zugewiesenen Bereich, mehr Privatsphäre, muss Küche und Bad nicht mehr mit so vielen anderen Fremden teilen. Das findet Sadaf Haschemi ebenfalls „ganz toll“. Ihr Fazit zum Umbau: „Mindestens 50 Prozent besser.“

 Auch ihrer Familie gehe es seit der Zeit in Schackendorf besser, erzählte sie. Sie hätten jetzt eine „sehr schöne Wohnung“ in Bad Segeberg, Sohn und Tochter besuchen einen Kindergarten, ihr Mann lernt Maler. Sie selbst spricht mittlerweile so gut Deutsch, dass sie bei der Diakonie als Dolmetscherin für neu ankommenden Afghanen arbeitet.

 Allerdings „haben wir nur eine Duldung“, bedauert die 28-Jährige. Sie und ihr Mann seien traurig, immer noch keine Perspektive in Deutschland zu haben. „Wir leben mit der Hoffnung, dass wir es schaffen“, betonte sie trotzdem.

 Ihre Sorgen kann ihr auch Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt nicht nehmen, der gestern die Gemeinschaftsunterkunft in hohen Tönen lobte. In Schackendorf habe der Kreis „auf wunderbare Weise“ Vorsorge getroffen. Die Herrichtung der Gemeinschaftsunterkunft bezeichnete er als „vorbildlich und gut“. Selbst dass der Kreis sich bereits 2013 zur Sanierung seiner Asylbewerberunterkunft entschlossen hatte, lobte der SPD-Politiker, obwohl das Land vor drei Jahren mit Gemeinschaftsunterkünften nicht viel am Hut gehabt habe. Denn damals wurde die Aufnahme in die Gemeinde bevorzugt, weil so Integration besser gelingen könne. Doch durch den Ansturm von Schutz suchenden Menschen im vorigen Jahr braucht man auch in Schleswig-Holstein große, zentrale Unterbringungsmöglichkeiten.

 „Zäune werden keine Lebensziele verhindern“, kommentierte der Minister die aktuelle Situation an den Grenzen. Der Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik sei richtig und müsse fortgeführt werden. Jedoch müsse der Bund finanziell mehr Verantwortung in diesem Bereich übernehmen.

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