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Sie denken wohl, dass ich tot bin

Asylbewerber in Bad Bramstedt Sie denken wohl, dass ich tot bin

Die Bilder von überfüllten Schlauchbooten und Barken, die mit Flüchtlingen übers Mittelmeer kommen, sind aus den Medien jedem präsent. Auch nach Bad Bramstedt verschlägt es diese Bootsflüchtlinge. Einer von ihnen ist Aribashi Said.

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Aribashi Saids Flucht führte ihn von Somalia über den Sudan, Ägypten und Libyen zum Mittelmeer, wo er von der italienischen Küstenwache aufgegriffen wurde. In Dänemark wurde sein Asylantrag abgelehnt. Nun lebt er in einer Ein-Zimmer-Wohnung einer Asylbewerberunterkunft in Bad Bramstedt.

Quelle: Jorid Behn

Bad Bramstedt. Said wohnt der zurzeit in der Asylunterkunft in der Kieler Straße. Der SZ erzählte er von seiner Odyssee des Grauens. Said spricht nur seine Landessprache Somali, eine Landsmännin dolmetschte ins Englische.

 „Vor zwei Jahren verließ ich meine Familie und meine Heimat, Somalia. Doch im Frieden angekommen bin ich immer noch nicht“, sagt Aribashi Said. Der 31 Jahre alte Flüchtling kam vor drei Monaten in Deutschland an und wurde nach Bad Bramstedt verwiesen. Ob und wie lange er bleiben kann, ist noch nicht entschieden.

 Seinen ersten Asylantrag stellte er in Dänemark, die Dänen lehnten ihn ab. „Mir wurde gesagt, dass ich entweder innerhalb der nächsten 15 Tage zurück nach Somalia oder ins Gefängnis gehen muss.“ Zurück nach Somalia kam überhaupt nicht in Frage. „Ich habe ja den ganzen weiten Weg nicht ohne Grund auf mich genommen.“ Ihm blieb nichts anderes übrig, als erneut zu fliehen.

 Nachts sprang er auf einen Zug und fuhr nach Deutschland. Hier darf er erst einmal bleiben. Er bekam eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate. „Es gefällt mir hier. Ich kann zum Arzt gehen und habe alles, was ich brauche. Doch trotzdem habe ich Angst vor der Zukunft. Vielleicht sagen die Deutschen, wenn die Dänen mich nicht akzeptieren, machen wir es auch nicht. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.“ Immer wieder betont er im Gespräch mit der SZ diese Angst.

 Zurzeit lebt Said in der Flüchtlingsunterkunft in der Kieler Straße in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Die Stadt ließ die Garagen der ehemaligen Straßenmeisterei zu kleinen Appartements umbauen.

 Zur Schule gehen und Deutsch lernen darf er nicht, solange seinem Antrag auf Asyl nicht stattgegeben wurde. Auch Arbeiten ist ihm verboten. Immerhin hat er einen Fernseher, „mit nur drei Kanälen“, wie Said sagt, „aber Internet habe ich keins.“ Zu seiner Familie konnte er seit seiner Flucht aus Somalia keinen Kontakt mehr aufnehmen. „Sie denken wahrscheinlich, dass ich tot bin. Aber ich weiß auch nicht, ob sie noch leben oder wie es ihnen geht.“

 Seine Geschichte von der Flucht ist die, die Tausende Afrikaner erlebt haben und von der die Europäer meistens nur die Fernsehbilder sehen, wenn Hunderte Menschen zusammengepfercht in Flüchtlingsbooten vor der italienischen Küste aufgegriffen werden. Im Januar 2014 verließ Said Somalia, ein Land ohne funktionierenden Staat. Seit den 1970er Jahren tobt ein Bürgerkrieg, marodierende Banden und islamistische Terroristen ersetzen staatliche Institutionen. Said sah für sich hier keine Zukunft mehr. Er floh über Äthiopien in den Sudan, wo er Kontakt zu Fluchthelfern aufnahm. „Wir wurden wie Geiseln behandelt“, sagt Said. Bezahlt hat er mit seinem Schmuck und seinen geringen Ersparnissen. „Die Männer nahmen uns jegliche Freiheit und schüchterten uns mit ihren Waffen ein.“ In mehrere Autos gepfercht sollte eine Flüchtlingsgruppe zur Mittelmeerküste nach Libyen gebracht werden. „Die Autos waren so voll, dass niemand mehr hineinpasste. Sie haben mich geschlagen, weil ich nicht einsteigen wollte.“ Weil sich die Türen nicht nicht mehr schließen ließen, seien die Flüchtlinge aus dem fahrenden Auto gefallen. Essen und Trinken gab es während der zunächst dreitägigen Fahrt durch die Wüste nur so wenig, dass ein regelrechter Krieg darum entstand. „Die Sudanesen gewannen jedes Mal. Sie hatten Messer dabei.“ Said hatte keins.

 Die Route führte über Ägypten, wo die Flüchtlinge irgendwo im Nirgendwo einen Monat verbrachten. Geschlafen wurde in einem kleinen Raum. „Wir hatten keine Toilette, keine Fenster, einfach gar nichts.“ Die Flüchtlinge wurden aufgeteilt in zwei Gruppen: Die einen hatten noch Geld, die anderen nicht. Wer keines hatte, war der Willkür der Menschenschmuggler ausgeliefert. Dazu gehörte Said. „Wir mussten uns auf den Boden legen und wurden geschlagen.“ Warum? Said weiß es nicht. Bis heute hat er solche Schmerzen in der rechten Schulter, dass er keine schweren Sachen tragen kann. Auf dem rechten Ohr ist er fast taub, nachdem ihn dort ein Schlag traf.

 Essen bekamen sie auch dort nur sehr wenig. Alle zwei Tage gab es eine kleine Portion Reis. „Nur Reis, nichts weiter.“ Die Fluchthelfer wählten drei Mädchen aus, die für sie kochen sollten. „Einmal wurden die Mädchen für drei Tage weggebracht. Niemand wusste, wo sie waren. Als sie wiederkamen, sahen sie schrecklich aus und weinten nur.“

 Irgendwann ging es dann weiter auf der Ladefläche eines Lieferwagens an die libysche Küste. „Während der Fahrt konnte ich kaum Luft kriegen. Der Wagen war so voll.“ Tagelang warteten die Flüchtlinge hier in einer Halle auf die Überfahrt nach Europa. „Sprechen durfte niemand. Wenn doch mal einer etwas sagte, wurde gleich die ganze Gruppe geschlagen“, berichtet Said. Diesmal mit Metallstangen. Zwei Flüchtlingen seien die Arme und Beine gebrochen worden. Jede zweite Nacht mussten sie zum Wasser laufen und nachsehen, ob sich der Wellengang für eine Überfahrt eignet.

 Irgendwann ging es dann nachts los. Die 400 Flüchtlinge wurden auf vier Schlauchboote verteilt. „Wir bekamen ein paar Telefonnummern und Funkgeräte, dann verschwanden die Fluchthelfer.“ Die Boote dümpelten über das raue Mittelmeer in Richtung Norden - bis der Sprit alle war. Vorbeifahrende Schiffe nahmen keine Notiz von ihnen. Glücklicherweise war das Boot von Said mittlerweile so dicht an der italienischen Küste, dass sie per Funk Kontakt zur italienischen Küstenwache aufnehmen konnten. Die kam dann auch sehr schnell und brachte die Flüchtlinge an Land. „Dort wurden wir in ein Auffanglager gebracht und medizinisch untersucht.“ Aber Said und die anderen Flüchtlinge hatten Angst, gleich wieder abgeschoben zu werden. Er flüchtete aus dem Camp, schlug sich mithilfe eines Landsmannes bis Dänemark durch, von dort nach Schleswig-Holstein, wo ihn die Behörden schließlich in Bad Bramstedt einquartierten - das vorläufiges Ende seiner zweijährigen Flucht. Seine Hoffnung, hier zu bleiben, ist nicht unbegründet: Laut Pro Asyl werden rund Zweidrittel der Asylanträge von Somaliern anerkannt.

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