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Hunger nach Informationen

Bad Bramstedt Hunger nach Informationen

Knapp 200 Schüler nutzten die Gelegenheit, ihre Fragen zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Boostedt denjenigen zu stellen, die sich dort auskennen: Andreas Hinrichs, stellvertretender Leiter der Einrichtung, und Martin Müller aus der Verfahrensberatung waren in die Bad Bramstedter Gemeinschaftsschule Auenland gekommen.

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Zum schulinternen „Tag gegen Rassismus“ bekamen die Siebt- bis Zehntklässler der Auenland-Schule Besuch aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Boostedt.

Quelle: Jann Roolfs

Bad Bramstedt. Die Schüler ließen großes Interesse und viel Empathie erkennen. Einige Antworten auf die Fragen der Schüler: IS-Werber wurden in Boostedt noch nicht angetroffen, Alkohol ist verboten, Drogen sind noch nicht aufgetaucht. Gegen Rechtsradikale hilft die Wache am Eingang; bei einer Demonstration vor Kurzem standen fünf Rechtsradikalen wesentlich mehr Boostedter Gegendemonstranten gegenüber.

 Auf die Fragen, wie viele Flüchtlinge im Moment genau in Boostedt leben und wie viele bisher in Deutschland angekommen sind, konnten die Experten allerdings nicht antworten: In Boostedt ändert sich die Belegung täglich, die Zahl der Bewohner schwankt zwischen 1300 und 2000. Ein großer Hunger der Siebt- bis Zehntklässler nach klaren Informationen wurde deutlich: Ob die Aufenthaltszeit der Flüchtlinge in Deutschland begrenzt sei, wollte beispielsweise eine Schülerin wissen. Antwort: Zuerst dauert es sechs bis sieben Monate, bis die Flüchtlinge überhaupt ihren Antrag auf Asyl stellen können. Der wird dann bearbeitet, und am Ende dieses Vorgangs können verschiedene Antworten stehen. Anerkannte Flüchtlinge dürfen drei Jahre lang bleiben; andere genießen ein Jahr lang sogenannten „subsidiären Schutz“, das betrifft zum Beispiel Menschen, die von einem Todesurteil bedroht sind, oder schwangere Frauen, deren Versorgung im Heimatland nicht gesichert ist. Diese Fristen könnern nach deren Ablauf verlängert werden, dafür wird die Lage im Heimatland überprüft. Wieder andere werden abgeschoben.

 Die Schüler ließen Empathie erkennen: Wie gehen die Mitarbeiter – in Boostedt sind es 40 Hauptamtliche – mit den manchmal schrecklichen Geschichten um, die sie von den Asylbewerbern hören? Eine andere Schülerin fragte, wie die Flüchtlinge denn ohne Geld ihre Familien nachholen wollen? Dass das schwierig ist, bestätigte Martin Müller: „Die Reise ist teuer, auch wenn sie legal unternommen wird; die nötigen Papiere aus der deutschen Botschaft im Heimatland kosten ebenfalls.“ Und in Syrien gibt es gar keine deutsche Botschaft mehr, die Familien müssen sich also zunächst nach Beirut oder in die Türkei durchschlagen.

 Die illegale Tour von Syrien nach Deutschland, übers Mittelmeer und die Balkanroute, kostet zwischen 6000 und 10000 Euro, berichtete Müller, und dauert sechs bis sieben Monate. Darum legen Familien oft zusammen und verschulden sich, um wenigstens ein Mitglied loszuschicken und später nachzukommen. Darum treffen so viele einzelne junge Männer in Deutschland ein: Ihnen traut die Familie am ehesten zu, die Reise zu überstehen. Legal ist es für Syrer fast unmöglich, in die EU zu reisen.

 Hier angekommen, wollen die meisten gar nicht vom Staat versorgt werden, sondern arbeiten; aber in den ersten drei Monaten dürfen sie das gar nicht, erklärte Müller. Anschließend werden sie ein Jahr lang „nachrangig“ behandelt; das heißt: Wer einen Flüchtling einstellen will, muss vorher bei der Arbeitsagentur nachfragen, ob ein Deutscher oder ein EU-Bürger den Job übernehmen würde.

 Gegen Vorurteile sind Informationen die beste Medizin, und davon gab es in der Auenlandschule an deren „Tag gegen Rassismus“ jede Menge. Die rege Beteiligung der Schüler zeigte großes Interesse am Thema Flüchtlinge. Sogar nach dem Ende der Stunde, die Hinrichs und Müller offiziell zur Verfügung standen, war noch nicht Schluss: Auf der Bühne im Schulforum stand eine kleine Traube von Schülern um die beiden herum, um weitere Fragen loszuwerden.

 Organisiert hatten den Besuch die Lehrerinnen Lisa von Amsberg und Aislin Studtfeld. Von Amsberg hatte mit ihren Siebtklässlern im Unterricht das Buch: „Krieg – Stell’ dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller gelesen. Darin wird die Perspektive umgedreht: Europäer fliehen vor Bürgerkrieg in den Nahen Osten. Aus dieser Lektüre entstand die Idee, die Boostedter einzuladen, berichtete die Lehrerin. Ihre Kollegin Anna Brütt fährt mit ihrer Klasse 7c inzwischen alle zwei Wochen nach Boostedt, wo die Schüler zwei Stunden lang mit Flüchtlingskindern spielen und basteln.

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