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Missbrauchsprozess in Bad Segeberg Verfahren eingestellt

Im Verfahren wegen Kindesmissbrauchs gegen einen 54-jährigen Familienvater aus einem Dorf in der Nähe Bad Segebergs, das vor dem Jugendschöffengericht jetzt eingestellt wurde, hat auch die Justiz zu der schwierigen Situation, in der sich die Familie befindet, beigetragen.

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Ein Familienvater stand wegen Kindesmissbrauchs in Bad Segeberg vor Gericht.

Quelle: dpa

Bad Segeberg. Knapp anderthalb Jahre waren zwischen dem Auftakt des Prozesses im Februar 2014 und seiner Fortsetzung vergangen. Dass nach so langer Zeit quasi noch einmal ganz von vorn begonnen werden musste, liegt allerdings nicht an der Vorsitzenden Richterin Dr. Clivia von Dewitz. Sie hatte den Fall übernommen, nachdem ihre Vorgängerin Silke Schneider, damals noch Amtsgerichtsdirektorin, als Staatssekretärin ins Kieler Umweltministerium gewechselt war.

 Viel weiter als damals ist man beim neuerlichen Anlauf, sich der Wahrheit zu nähern, am Ende auch nicht gekommen. Die Aussage des heute 23 Jahre alten Sohnes reichte nicht zu einer Verurteilung des Vaters, der ihn im Sommer 1998 und danach mindestens drei Mal im Kinderzimmer des Einfamilienhauses sexuell missbraucht haben soll.

 Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde der zur fraglichen Zeit Sechsjährige nun zum zweiten Mal über mehrere Stunden hinweg befragt. Und wie damals benötigte der junge Mann, der erneut mit einem weiblichen Beistand erschienen war und nach wie vor durch eine Anwältin als Nebenkläger vertreten wurde, zwischendurch etliche Pausen.

 Wichtigste Veränderung im Vergleich zum ersten Prozessanlauf: Weil sich in der ersten Befragung laut Richterin Schneider einige Widersprüche ergeben hatten, gab das Jugendschöffengericht noch ein so genanntes „aussagepsychologisches Gutachten“ in Auftrag. Dessen Verfasserin, die Sachverständige Dr. Petra Hänert, nahm jetzt ebenfalls an der Verhandlung teil, um sich ein Bild vom 23-Jährigen zu verschaffen. Im September hatte sie laut Gericht bereits rund anderthalb Stunden lang mit ihm gesprochen.

 Die Vorwürfe, die der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler in der Anklage noch einmal detailliert vortrug, wogen jedenfalls sehr schwer. In allen drei Fällen, die zeitlich nicht mehr exakt eingeordnet werden können, soll der Vater von vier Kindern seinen Sohn zu „beischlafähnlichen Handlungen“ und mit den Worten „Papa hat dich lieb“ auch zum Oralverkehr genötigt haben – in zwei davon bis zum Samenerguss. Überhaupt soll das Familienleben von den stetig wiederkehrenden Gewaltausbrüchen des heute 54-Jährigen geprägt gewesen sein.

 Dass er alle seine Kinder gelegentlich geschlagen hat, räumte der Berufsfeuerwehrmann bei seiner Befragung auch sofort unumwunden ein – er finde daran auch nichts Schlimmes: „Wenn eines meiner Kinder gelogen hat, aber auch nur dann, gab es schon mal einen Arsch voll.“ Auch Ohrfeigen habe er ihnen dann versetzt.

 Sexuellen Missbrauch bestritt der Mann jedoch vehement. „Eine schöne ausgedachte Geschichte“, befand er sarkastisch, „das i-Tüpfelchen eines Rachefeldzuges meiner Exfrau gegen mich“.

 Tatsächlich bekriegen sich die ehemaligen Eheleute schon seit Jahren wegen aller möglicher Vorwürfe und Gegenvorwürfe vor Gericht.

 Wie schon im ersten Prozess hatte Rechtsanwalt Ralf Stelling gut damit zu tun, seinen erneut sehr offensiv auftretenden Mandanten zu lenken. Der 54-Jährige war wieder mit einer Kiste voller Schriftstücke erschienen und klärte das nachfragende Gericht gerne einmal darüber auf, wann genau er denn welchen Aspekt zu erläutern gedenke („Das sage ich Ihnen nachher, Sie werden dann schon sehen, warum“). Sein bisweilen forsches Auftreten und die energische Verteidigung körperlicher Züchtigung veranlasste den Oberstaatsanwalt sogar zu der ungewöhnlichen Feststellung: „Im Moment sammeln Sie alles, aber keine Sympathiepunkte.“ Was wiederum Anwalt Stelling den Hinweis an die Schöffen entlockte, es gehe in dem Verfahren allein um Fakten, und nicht darum, „ob Sie den Angeklagten mögen“.

 Das Bild des 54-Jährigen als Familienvater wäre wohl noch differenzierter ausgefallen, wenn die Mutter des mutmaßlichen Opfers, dessen Geschwister und ein Kumpel des 23-Jährigen, dem er sich damals als erstem anvertraut haben soll, noch wie geplant ausgesagt hätten. Doch dazu kam es nicht mehr.

 Obwohl der Vertreter der Anklage dem Zeugen grundsätzlich glaubt, dass damals etwas vorgefallen ist, beantragte er auch angesichts der hohen juristischen Hürden, die in einem solchen Fall vor einer Verurteilung stehen, die Einstellung.

 Dass der Angeklagte einen lupenreinen Freispruch bevorzugt hätte, liegt auf der Hand. Am Ende stimmten aber auch er und sein Rechtsbeistand zu.

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