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Gefangene vor 70 Jahren befreit

Kriegsende in Kaltenkirchen Gefangene vor 70 Jahren befreit

Am Dienstag vor 70 Jahren ging in Kaltenkirchen der Zweite Weltkrieg zu Ende. Zwei Tage zuvor, am Abend des 3. Mai 1945, war Hamburg kampflos den britischen Streitkräften übergeben worden. Dadurch entging die Hansestadt der totalen Zerstörung. Dem Beispiel folgte auch Kaltenkirchen.

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Das Stabsgebäude auf dem ehemaligen Militärflugplatz Kaltenkirchen wurde kurz vor Kriegsende bei einem Luftangriff leicht beschädigt.

Quelle: Privat

Kaltenkirchen.  Ein Aufruf des amtierenden Bürgermeisters Dr. Walter Schade wurde verbreitet, dass Kaltenkirchen bei Annäherung englisch-amerikanischer Truppen nicht verteidigt werden sollte. Am 4. Mai um 18.30 Uhr erfolgte die Unterzeichnung der Teilkapitulation Deutschlands auf dem Timeloberg bei Wendisch-Evern, nahe Lüneburg. Am Morgen des 5. Mai sollten in Nordwestdeutschland, Holland und Dänemark die Waffen ruhen.

 Kurz nach der Kapitulation, am 4. Mai um 22 Uhr, erhielt eine Staffel des 2819. Geschwaders den Befehl zur Besetzung des Militärflughafens Kaltenkirchen. Die Spezialeinheit, Bodentruppen der englischen Luftwaffe zur Übernahme und Sicherung von Flugplätzen, war zu diesem Zeitpunkt auf dem Flugfeld B 156 in Lüneburg stationiert.

 Wie die Besetzung Kaltenkirchens heute vor 70 Jahren ablief, stammt aus einem bisher unveröffentlichten Bericht aus dem „Liddell Hart Centre for Military Archives, King‘s College London“. Der Bericht zeigt einen engagierten und souveränen Umgang der Royal Air Force (R.A.F) – auch mit ungewöhnlichen und überraschenden Situationen.

 Die Geschütze wurden für den Transport gesichert, und am frühen Morgen startete der Konvoi mit dem Kommandeur Flight Lieutendent Fisher zu seinem Einsatzort. Die Anfahrt über die Elbbrücken und die Reichsstraße 4 (heutige Bundesstraße 4) war ereignislos und ruhig. Nach der Ankunft der Einheit in Kaltenkirchen rückte Fisher mit einem kleinen Spähtrupp vor, um den Flugplatz abzusuchen, auf dem zuvor bis zu 1400 Menschen tätig waren. Aber außer einigen kleinen Gruppen deutscher Soldaten konnten die Briten keine verantwortlichen Offiziere finden.

 Ein Arbeitslager mit 200 Personen verschiedener Nationalitäten wurde an einer abseits gelegenen Stelle des Flugfeldes gefunden. Dem deutschen Kommandanten dieses Lagers wurde befohlen, den Spähtrupp über das Flugfeld zu führen und ein Assistent des Bürgermeisters von Kaltenkirchen wurde aufgefordert, mitzukommen. Auf dem großen Flugfeld konnte nur wenig Vorräte und keine technischen Ausrüstungsgegenstände gefunden werden. Die britischen Soldaten entdeckten aber die Überreste von 25 bis 30 Flugzeugen, die von den Deutschen kurz zuvor selbst zerstört worden waren.

 Außerdem stießen sie auf zwei weitere, abseits gelegene Lager mit russischen Kriegsgefangenen. Im ersten Lager waren die Zustände sehr schlecht. Hier waren ungefähr 400 Menschen untergebracht, die meisten waren schwerkrank und unterernährt. Im zweiten Camp lebten über 300 Gefangene unter etwas besseren Bedingungen; aber auch hier waren die meisten krank.

 Der Bürgermeister, der dem Spähtrupp folgte, erhielt die Anweisung, dass die Dorfbewohner die Möbel und alle Ausrüstungsgegenstände, die sie vom Flughafengelände kurz zuvor gestohlen hatten, unverzüglich zurückzugeben. Außerdem hatten sie Nahrungsmittel für das Kriegsgefangenenlager zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich wurden 15 Lastwagenladungen mit Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen umgehend zurückgebracht.

 Das gesamte deutsche Personal auf dem Flugfeld und im Dorf wurde vom Royal-Air-Force-Regiment entwaffnet und zu einem Kriegsgefangenen-Lager nach Hamburg geschickt. Ein deutscher Offizier, der ursprünglich für die Instandhaltung des Flugfeldes verantwortlich war, hatte kurz vor der Übernahme durch die Sieger bereits die Sprengung vorbereitet. Er erhielt nun Order, alle Minen auf dem Rollfeld und im Umfeld der Gleise unschädlich zu machen. So wurden die Zünder von mehr als 600 Minen entfernt.

 Dem Rücktrittsgesuch des Bürgermeisters wurde am 9. Mai nach mehrfachen Bitten stattgegeben. Schade war ein überzeugter Nazi und stand deshalb nun in Kaltenkirchen in der Kritik. Pastor Johannes Thies, ein Mann mit gemäßigten Ansichten, ersetzte ihn schließlich mit allgemeiner Zustimmung der Dorfbewohner. Um die Wahl durch die Dorfältesten zu sichern, patrouillierte in der Gemeinde als Vorsichtsmaßnahme eine Einheit der Royal Air Force.

 Am 10. Mai zog sich die kleine R.A.F.-Streitmacht unter Flight Lieutendent Fisher auf Befehl des Hauptquartiers vom Flughafen zurück und traf auf ihre Schwadron in Lübeck.

 Inzwischen hatte ein Bataillon der 15. schottischen Division das Gebiet um Kaltenkirchen herum besetzt. Die B-Kompanie, zuständig für Kaltenkirchen, errichtete ihr Hauptquartier in Hüttmanns Gasthof.

 Der Krieg war in Kaltenkirchen ganz friedlich zu Ende gegangen. Jetzt konnten eine neue Zeit und der Wiederaufbau beginnen.

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