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Wachen beklagen Missstände

Boostedt Wachen beklagen Missstände

In Boostedt beklagen Wachmänner erhebliche Zumutungen in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Rantzau-Kaserne. Der gesetzliche Mindestlohn werde nur durch einen Zuschlag bei Wohlverhalten gewährt und im Verhältnis zur Flüchtlingszahl würden zu wenig Mitarbeiter eingesetzt.

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Pedram D. (rechts) und Alexander M. sind nicht mehr für den Sicherheitsdienst tätig. Der Mitarbeiter in der Mitte will unerkannt bleiben.

Quelle: Patricia König

Boostedt. Wachleute erheben einige Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber, die Firma Secura Protect. Sie ist vom Land damit beauftragt, in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Boostedt für Sicherheit zu sorgen. Doch die Wachleute müssen nach ihren Worten viel mehr leisten. Um 16 Uhr machen die DRK-Mitarbeiter Feierabend. Dann sind die Wachmänner und -frauen allein mit den Flüchtlingen. Wird jemand krank oder verletzt sich, müssen sie erste Hilfe leisten. Aber auch darüber hinaus werden sie häufig zur medizinischen Versorgung der Flüchtlinge gerufen.

 „Solche Zusatzaufgaben waren nie Thema bei unseren Einstellungsgesprächen“, versichern Pedram D., Alexander M. und zwei weitere Männer, die anonym bleiben wollen, weil sie noch bei der Firma Secura Protect beschäftigt sind. Alle vier begannen ihren Job im April in der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände der Rantzau-Kaserne.

 Anfangs waren es 37 Asylbewerber, dann 500 und nun sind es schon mehr als 1000. Die Situation der Wachmänner und -frauen sei schon bei 500 Bewohnern „sehr schwierig “ gewesen, erzählen die vier Männer, von denen nur noch zwei dort arbeiten. Alexander M. wurde mittlerweile vom Dienst suspendiert, Pedram D. hat selbst gekündigt. Alle sind sich in einem Punkt einig: „Für medizinische Aufgaben sind wir gar nicht ausgebildet.“ Es sei mehr als bedenklich, dass das Sicherheitspersonal beispielsweise Verbände anlege oder wechsle. Auch seien sie nicht in der Lage zu entscheiden, wann in Krankheitsfällen ein Rettungswagen gerufen werden müsse. Einer der Wachmänner erzählte, er habe für einen Erkrankten mehrmals den Rettungsdienst geholt. Der Erkrankte sei aber mit dem Taxi vom Krankenhaus immer wieder zurückgeschickt worden. Am nächsten Tag habe dann das DRK die Krankenhauseinweisung veranlasst. Der Mann sei sofort operiert worden.

 Auf Anfrage der SZ erklärte die Pressesprecherin der Landesanstalt für Ausländerangelegenheiten (LFA) Neumünster, Susanne Bernd, dass es in Boostedt keine medizinische Rund-um-die-Uhr-Versorgung gebe. Der Sicherheitsdienst solle bei medizinischen Notlagen den Rettungsdienst rufen, mit dem Erkrankten zur Anlaufpraxis oder zur Zentralen Notaufnahme im Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster fahren.

 Weiter beklagen sich die Wachleute über Personalmangel. „Wir sind die meisten Tage mit nur sieben Wachleuten in Boostedt“, versichert Dirk. Sie müssten einen 24-Stunden-Dienst abdecken.

 Die LFA erklärte dazu, dass jeweils sechs Wachdienstleute am Tag und in der Nacht im Lager tätig sein müssten. Hinzu kämen noch Brandwachen. Aber so viel Personal setzt Secura Protect offenbar nicht ein. Die Mitarbeiter beklagen Berge von Überstunden. Sie würden sogar aus dem Urlaub zurückgeholt, berichten sie.

 

 Seitdem einige Wachleute die Zustände öffentlich gemacht haben, drohe der zuständige Objektleiter mit einer Abmahnung oder Kündigung, wenn seine Angestellten sich weiterhin zu den Missständen äußern, erzählen zwei der Männer, die beide noch für Secura Protect tätig sind. Eine in Boostedt am schwarzen Brett des Mitarbeiterbüros hängende Mitteilung macht deutlich, welch rauer Ton in dem Unternehmen herrscht. Der Objektleiter droht mit Abmahnung und Kündigung sollten „Wichtigtuerei, Anscheißen, Lästern und Dinge solcher Art“ nicht sofort aufhören. Allen Mitarbeitern, „die sich an die Anweisungen halten“, verspricht er allerdings einen „Zuschlag von 0,68 Euro pro Stunde“. Aber: „Sollte jemand rückfällig werden, streiche ich die Zulage wieder. Ich bestimme, wer diese Zulage bekommt, nur ich!“ Den Mitarbeitern stehen 9,18 Euro zu, der Mindestlohn der Wachdienstbranche; er wird nur mit dieser Zulage erreicht. Auf die Bitte der SZ um eine Stellungnahme reagierte die Firma nicht.

 Bürgermeister Hartmut König zeigte sich entsetzt. „Mir wurde bis jetzt immer erzählt, dass der Sicherheitsdienst gut funktioniert.“ Auf eine Anfrage der Boostedter Gemeindevertreterin Marina Weber zur Einhaltung des Mindestlohnes habe die zuständige Innen-Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler erklärt, dass die Firma Secura Protect den Branchen-Mindestlohn bezahle. Sie musste allerdings schon einmal einräumen, dass es Secura Protect nicht so genau mit den Bestimmungen nehme; vor dem Innen- und Rechtsausschuss des Landtags erklärte sie, dass es in zwei Fällen zur Medikamentenausgabe durch Wachleute gekommen sei, was unzulässig ist. Allerdings sei das ohne Wissen der Einrichtungsleitung geschehen und werde nicht wieder vorkommen.

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