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Bald 100! Der älteste Bäcker des Landes

Walter Gräper aus Bad Segeberg Bald 100! Der älteste Bäcker des Landes

Walter Gräper aus Bad Segeberg rollt immer noch täglich seine Kringel: Am Montag feiert er runden Geburtstag und wird 100 Jahre alt. Er ist nicht nur der älteste Bäcker im Norden, sondern wahrscheinlich auch der älteste Deutschlands.

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Walter Gräper stellt noch immer seine Hefekringel her.

Quelle: Michael Stamp

Bad Segeberg. Als er geboren wurde, regierte in Deutschland noch der Kaiser. Als er erstmals in einer Backstube arbeitete, bestand die Weimarer Republik. Er erlebte zwei Weltkriege, ein Wirtschaftswunder, eine deutsche Teilung und Wiedervereinigung, zu Zeiten von Bundeskanzler Helmut Schmidt ging er in Rente – und noch immer sitzt er mit mehligen Fingern in der familieneigenen Bäckerei und stellt Tag für Tag seine berühmten Hefekringel her: Am Montag feiert Schleswig-Holsteins ältester aktiver Bäckermeister, wahrscheinlich auch Deutschlands ältester, seinen 100. Geburtstag: Walter Gräper.

 Geboren und aufgewachsen ist Gräper in Breitenfelde bei Mölln. Er war das zweitälteste von sieben Kindern. Die Eltern hatten einen Bauernhof. „Aber gegenüber war eine Bäckerei“, schildert der äußerst rüstige Senior. „Und da habe ich ausgeholfen.“ Schon als kleiner Steppke bestrich er Brote mit Wasser, damit sie schön glänzen.

 So war es kein Wunder, dass er in den 1920er-Jahren in den Bäckerberuf strebte. Nach der Lehre in Schwarzenbek arbeitete er eine Weile in Travemünde und in Niendorf an der Ostsee. Doch dann kam die düstere Zeit des Nationalsozialismus – und auch Walter Gräpers Leben geriet aus den Fugen. Er wurde beim Reichsarbeitsdienst in Pommern eingesetzt und musste sechs Jahre lang beim Militär dienen. Mittendrin brach der Krieg aus. „Ich wurde fünfmal verwundet – mit Beckenschuss und allem Möglichen.“ Einmal beschoss ihn ein russischer Soldat mit einem Maschinengewehr aus einer Baumkrone heraus. Doch auch mit einem solchen Schicksal kann man hundert werden. „Ich hatte unheimliches Glück, dass alles gut ausgegangen ist.“

 Das Glück stellte sich auch privat ein. Während seiner Dienstzeit in Eutin lernte er die junge Hanna kennen. Sie arbeitete beim Landratsamt in Bad Segeberg – und hierher zog das junge Paar um, nachdem Ehemann Walter aus dem Influx-Lager an der Ziegelstraße entlassen worden war. Er fand eine Anstellung in der Bäckerei Rüder in Klein Rönnau und schließlich in der Bäckerei Hass an der Oldesloer Straße in Bad Segeberg. Aus dem Ehepaar wurde eine Familie: Tochter Inga kam zur Welt.

 1952 sollte dann ein freudiges Jahr des Neubeginns werden, doch es endete mit Trauer und Tränen. Die Gräpers übernahmen die Bäckerei Reese, die ebenfalls an der Oldesloer Straße ansässig war. Eine Nachbarin brachte dorthin immer ihre selbst hergestellten Hefekringel zum Abbacken. Sie waren so lecker, dass Walter Gräper unbedingt das Rezept haben wollte. „Das haben wir bekommen und die Kringel selber gemacht.“ Doch dann schlug das Schicksal gnadenlos zu: Ehefrau Hanna starb – und der trauernde Walter saß mit einem neuen Betrieb und der kleinen Tochter da. Doch aufgegeben oder resigniert hatte er ja noch nie und tat es auch diesmal nicht.

 Und tatsächlich schien in seinem Leben bald wieder die Sonne: Ihm begegnete Carla, eine Angestellte der Stadtbäckerei Ohrt. Sie heirateten und bekamen zwei Söhne: Torsten und Kai. Während sich Kai später in Richtung Sparkasse orientierte und in der Region als Hobbyzauberer bekannt wurde, trat Torsten beruflich in die Fußstapfen seines Vaters.

 In der Bäckerei änderte sich unterdessen eine Menge. „Der Maschinenpark kam dazu, und das Sortiment ist viel breiter geworden“, berichtet Walter Gräper. „Wir haben die Teige damals noch mit der Hand geknetet und Biskuit mit der Hand gerührt.“ Heute passiert das auf Knopfdruck. Auch 100 Kilogramm schwere Mehlsäcke muss niemand mehr schleppen. Heute wird das Mehl in deutlich handlicheren 25-Kilo-Säcken geliefert.

 1980 übergab Walter Gräper den Betrieb an seinen Sohn. Damals ging es ihm gesundheitlich nicht gut, und er wollte den Generationswechsel reibungslos vollziehen, so lange es noch möglich war. „Inzwischen bin ich nun schon 36 Jahre Rentner“, sagt er lachend. Ganz aus der Backstube verabschiedet hat sich Walter Gräper aber nie. „Wir haben ein gutes Verhältnis in der Familie. Da ist das auch kein Problem.“

 Tag für Tag kommt der Senior in den Betrieb und rollt „seine“ Hefekringel. Gut zehn Kilogramm Teig verarbeitet er täglich. Zwölf bis 15 Minuten werden sie gebacken und dann in kleine Plastiktüten gefüllt. Weil das Gebäck sehr beliebt ist und sogar schon in Fernsehbeiträgen Erwähnung fand, dauert es meist nur drei Stunden, bis es restlos ausverkauft ist.

 Die anderen Mitarbeiter dürfen die Kringel aber nicht herstellen, schildert Sohn Torsten schmunzelnd. „Vom Handling her sind wir ihm noch nicht gut genug. Uns fehlt noch etwas Dreherfahrung.“ Das eigentliche Rezept hat Walter Gräper aber hinter vorgehaltener Hand immerhin schon verraten. Schließlich soll es die Kringel auch noch geben, wenn er sie mal nicht mehr rollen kann. Doch Stress macht sich Walter Gräper mit der Arbeit ohnehin nicht. „Ich lasse es ruhig angehen. Aufregen hat ja auch keinen Zweck.“

 Am Montag will die Familie, zu der neben der mittlerweile 90-jährigen Ehefrau Carla und den drei Kindern auch acht Enkel und fünf Urenkel gehören, erst einmal gemütlich feiern – bei Lutz Frank im Restaurant am Ihlsee.

 Die nächste Bäcker-Generation ist übrigens längst in den Betrieb eingestiegen. Torsten Gräpers Sohn Tim ist ebenfalls Bäckermeister geworden und wird den Laden am Kalkberg und die Filiale in der Südstadt weiterführen. So wird es die berühmten Hefekringel auch in den nächsten Jahrzehnten noch geben. Mindestens.

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