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Wie geht’s weiter nach dem Absturz?

Luftsportverein in Wahlstedt Wie geht’s weiter nach dem Absturz?

Der Luftsportverein Kreis Segeberg trauert seit Anfang Mai nicht nur um seinen Ex-Vorsitzenden, sondern stellt sich seither eine drängende Frage: Was ist da oben in der Luft über Niedersachsen passiert? Außerdem sprachen und sprechen die Segelflieger darüber, wie es in ihrem Verein weitergeht.

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„Unbekümmert sind wir nicht, aber wir machen mit dem Fliegen weiter.“ Jack Busch, der am Montag seinen 17. Geburtstag feiert, ist ein begeisterter Hobby-Pilot und wird es auch nach den tragischen Ereignissen bleiben.

Wahlstedt. Ullrich Schwarz war hochkonzentriert an jenem Sonnabend – so wie immer, wenn er zu einem Langstreckenflug abheben wollte. In den Minuten vor dem Start war er gern für sich allein, um alle Vorbereitungen zu treffen. So waren es nur ein paar kurze Worte, die Fluglehrer Klaus Tanneberg mit seinem Vereinskollegen und Freund auf dem Wahlstedter Flugplatz wechselte. Tanneberg konnte nicht ahnen, dass er der Letzte sein würde, der Schwarz lebend sieht; der 67-Jährige kehrte von seinem Flug nie zurück.

 

 

 Um 11.30 Uhr am 2. Mai startete Ullrich Schwarz in Wahlstedt. Kein besonders schönes Wetter, aber zum Fliegen ganz in Ordnung. Innerhalb weniger Sekunden beförderte ihn die 330 PS starke Seilwinde in die Luft. Etwa eine Stunde später meldet er sich ein letztes Mal per Funk bei seinen Wahlstedter Kollegen „Ich bin in Lauenburg. Es fliegt sich wunderbar!“

 Die Spezialität des früheren Vorsitzenden, der von 1990 bis 1999 und 2002 bis 2013 die Geschicke des Luftsportvereins gelenkt hatte, waren Langstreckenflüge in seinem privaten Segelflieger. Eine „Super-Orchidee“ nennen die Flieger solch eine elegante Hochleistungsmaschine wie den „Nimbus 3“ mit über 25 Metern Flügelspannweite. Über tausend Kilometer hat Schwarz vor fünf Jahren am Stück zurückgelegt – absoluter Vereinsrekord.

 Für den 2. Mai hatte er sich einen gut siebenstündigen Flug vorgenommen. Er endete aber bereits nach etwa vier Stunden. Gegen 15.30 Uhr stürzte Ullrich Schwarz in der Nähe von Bad Münder in einem Waldstück ab, etwa 25 Kilometer südwestlich von Hannover. Zeugen beobachten, wie sich die Maschine um die eigene Achse drehte und Richtung Boden stürzte. „Das Flugzeug ist in einen unkontrollierten Flugzustand gekommen“, erklärt Tanneberg, ein Fluglehrer mit 50 Jahren Erfahrung. „Wir nennen das eine Steilspirale.“ Das Problem: Bei jeder Drehung um die eigene Achse legt die Maschine um 100 Stundenkilometer an Geschwindigkeit zu.

 

 

 Ein hochgradig erfahrener Pilot wie Ullrich Schwarz hätte aber auch solch eine Situation beherrschen können – oder sie gar nicht erst entstehen lassen. Daher ist eines der Rätsel, warum er die Maschine nicht abgefangen hat, warum er keinen Funkspruch abgesetzt oder versucht hat, sich mit dem Fallschirm, den er nachweislich trug, aus dem Flugzeug zu retten.

 So bleibt für seine Vereinsfreunde, auch wenn sie bis zum Ende der Untersuchung durch die Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) nicht spekulieren wollen, nur eine Erklärung: Ullrich Schwarz muss dort oben in über tausend Metern Höhe gesundheitlich außer Gefecht gesetzt worden sein; sei es durch Herzinfarkt oder auch Schlaganfall.

 Während des Absturzes brach eine der Tragflächen ab. Den ungeheuren Knall, als die Kohlefasern rissen, hielten Zeugen zunächst für eine Explosion. In einem Segelflug ist aber nichts, was explodieren könnte. Auch die These, es seien zwei Flugzeuge zusammengestoßen, ist mittlerweile widerlegt. Die Beobachter hatten das daraus geschlossen, dass zwei große Objekte getrennt zu Boden stürzten. Es handelte sich jedoch um den Flugzeugrumpf und die abgerissene Tragfläche. Für solch hohe Geschwindigkeiten, wie sie bei diesem Absturz aufgetreten sein müssen, sind Segelflugzeuge nicht gebaut. „Einen Materialfehler kann man weitgehend ausschließen“, sagt Tanneberg.

 

 

 Der Wahlstedter ist gespannt auf die Ermittlungs-Ergebnisse der Braunschweiger Experten. Ob nach dem heftigen Aufprall jedoch der Flugdatenschreiber ausgewertet werden kann und die Gerichtsmediziner der vermuteten gesundheitlichen Ursache auf die Spur kommen, ist aber äußerst ungewiss. Es besteht die Möglichkeit, dass die Absturzursache nie mit letzter Sicherheit geklärt werden kann.

 All das haben Klaus Tanneberg und Vorsitzender Torsten Maaß auch vor wenigen Tagen bei einem Briefing vor rund sechzig Vereinskameraden erklärt. „Man hätte es auch Gedenkfeier nennen können“, sagt Maaß. Doch so etwas sei eher der Familie vorbehalten. In Anwesenheit von Pastor Alf Kristoffersen verarbeiteten die Flugzeugfreunde ihre Trauer. Tanneberg: „Wir waren alle bedrückt und sprachlos.“

 Das Motto des Treffens hieß aber auch „Wie geht’s weiter?“ Am 3. Mai, dem Tag nach dem Unglück, hatte der Flugbetrieb in Wahlstedt geruht. Inzwischen starten die Flieger wieder.

 „Es war ein Einzelereignis“, sagt Vorsitzender Maaß. „So schlimm es ist: Das kann passieren.“ Fluglehrer Tanneberg fragte seinen Enkel Jack: „Willst du weiterfliegen?“ Der 16-jährige nickte. Einige Eltern junger Piloten mussten beruhigt werden; mit dem Fliegen aufgehört hat aber niemand. Schließlich bringt der Wahlstedter Luftsportverein seinen Mitgliedern das Fachwissen bei, sich im Notfall aus brenzligen Situationen herauszumanövrieren.

 

 

 „Wir trainieren solche Zwischenfälle ja im Unterricht“, schildert Tanneberg. „Die Steilspirale nicht, aber das Trudeln.“ Dazu wird das Flugzeug vom Fluglehrer in großer Höhe „überzogen“, sprich: Die Nase wird so lange nach oben gezogen, bis die Strömung an den Tragflächen abreißt. „Wir lassen sie dadurch ins Trudeln geraten.“ Durch solch einen Strömungsabriss ist vor einigen Jahren ein Airbus der Air France abgestürzt. Die Piloten waren mit der Situation überfordert. Den Wahlstedter Segelflugschülern wird gezeigt, wie sie durch wenige Handgriffe wieder die Kontrolle bekommen und dem Strömungsabriss entkommen.

 Seit 1978 starten Segelflieger in Wahlstedt. Einen tödlichen Unfall gab es noch nie. Nur einmal flog ein Rentner mit seiner Maschine im Landeanflug viel zu niedrig und kollidierte mit hohem Buschwerk. Das Flugzeug überschlug sich; beide Insassen überlebten. „Das war ein ganz klarer Pilotenfehler“, betont Tanneberg. Dieses Unglück war erklärbar – das in Niedersachsen hingegen nicht.

 

 Vorsitzender Maaß ist sicher, dass es „in Ullis Sinne“ ist, wenn der Wahlstedter Luftsportverein in gewohnter Weise weitermacht. „Wir üben einen faszinierenden Sport aus“, sagt Maaß. „Aber wir sind uns der Risiken stets bewusst.“

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