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Wer hat Schuld am Sturz?

Wochenmarkt Bad Segeberg Wer hat Schuld am Sturz?

Auch über ein halbes Jahr später erinnert sich Margret Roestel noch an jede Einzelheit des Sturzes – mit dessen Folgen hat sie heute noch zu kämpfen. Einen anderen Kampf hat die 74-jährige Bad Segebergerin jetzt aufgegeben: den juristischen mit der Stadt Bad Segeberg um die Zahlung eines Schmerzensgeldes.

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An dieser Stelle auf dem Bad Segeberger Wochenmarkt ereignete sich der Sturz der 74-Jährigen.

Quelle: Thorsten Beck

Bad Segeberg. Am 2. September 2015 war Wochenmarkt in der Innenstadt; und zur Stromversorgung der Stände führten an einigen Stellen wie immer dicke Kabel von den Verteilerkästen zu den Verkaufswagen. Wie gut diese Stränge zu erkennen sein beziehungsweise abgesichert werden müssen, darum geht es letztlich in dem Fall der alten Dame. Denn für Margret Roestel wurde eine der Leitungen zur Stolperfalle.

 „Ich bin sonnabends sehr oft auf den Markt gegangen, um frische Dinge einzukaufen“, erzählt die 74-Jährige im Gespräch mit der Segeberger Zeitung. Es war gegen 8.15 Uhr, und sie hatte sich beim Bäcker gerade frisches Brot geholt. Als sie seitlich am Gebäude entlang gehen wollte, sei sie mit dem Fuß unvermittelt irgendwo hinter gehakt. „Ich selbst bin der gesamten Länge nach hingeschlagen, meine Tasche mit den Einkäufen flog durch die Luft.“ Zum Glück hätten zwei junge Frauen den Unfall bemerkt und seien ihr sofort zu Hilfe geeilt: „Sonst wäre ich garantiert bis mittags da liegen geblieben“, sagt Margret Roestel.

 Die herbeigerufenen Rettungssanitäter entschieden sofort: Sie muss ins Krankenhaus. Nach einem kurzen Abstecher in die Allgemeine Klinik (AK) wurde die Verletzte gleich weiter in die Uni-Klinik nach Lübeck gebracht. Diagnose: Sowohl die Hand als auch der Kiefer waren gebrochen. Die Patientin musste sofort operiert werden und wurde danach stationär aufgenommen. „Die damals eingepflanzte Platte muss ich bis an mein Lebensende drin behalten; meinen Mund kriege ich seitdem nicht mehr ganz auf.“ Sie habe fast immer Schmerzen, ihre linke Gesichtshälfte werde immer wieder über einen längeren Zeitraum taub, die Hand schwelle oft an. Zudem könne sie seit dem Sturz damals ein Auge nicht richtig schließen.

 Nach Rücksprache mit ihrer Tochter habe sie sich dazu entschlossen, von der Stadt ein Schmerzensgeld in Höhe von 5000 Euro und die Begleichung der Reparaturrechnung über knapp 900 Euro für ihre ebenfalls schwer beschädigte Brille zu verlangen. Die Kabel seien damals nicht einmal abgedeckt gewesen, erst später hätten die Verantwortlichen im Rathaus mit Kunststoffmatten Abhilfe geschaffen. Bei der Stadt war zu diesem Sinneswandel gestern keine Stellungnahme zu bekommen.

 Aus Sicht der Verwaltung ist der Vorfall zwar sehr bedauerlich, doch letztlich sei die Gestürzte selbst schuld: So geht es sowohl aus einem Schreiben des Ordnungsamtes als auch aus einer Stellungnahme des Kommunalen Schadensausgleichs Schleswig-Holstein hervor, der für die Kreisstadt zuständigen Haftpflichteinrichtung. Zum einen seien die Kabel „bestens erkennbar“ gewesen. Zum anderen müsse man an Markttagen mit solchen Dingen rechnen. Hinzu komme, dass die Kabel in einem Bereich verlegt worden seien, wo – „anders als auf der eigentlichen Marktfläche“ – nicht mit Fußgängerverkehr zu rechnen war. Von der behaupteten Gefahrensituation könne also kein Rede sein, eine Entschädigung müsse demzufolge auch nicht erbracht werden.

 Margret Roestel sieht das nach wie vor anders. „Ich habe schon mehrfach gehört, dass auch andere ältere Leute dort gefallen sind.“ Doch angesichts der Haltung der Stadt, deren Versicherung sich zudem noch auf eine Entscheidung des Landgerichtes Lübeck in einem vergleichbaren Fall aus dem Jahr 2002 beruft, in dem ein „haftungsausschließendes“ Mitverschulden des Fußgängers festgestellt worden ist, hält auch der Anwalt der 74-Jährigen einen weiteren Rechtsstreit für „nicht erfolgversprechend“.

 Ebenfalls nicht glücklich mit der Situation sind die Marktbeschicker selbst. Von dem Unfall haben die meisten schon gehört, wie sie der SZ gestern erzählten. Sie würden es begrüßen, wenn es einen zentralen Verteilerkasten gäbe. „Aber dafür hat die Stadt wohl kein Geld“, wie eine Pächterin meinte. Die Lösung mit den Matten als Trittschutz finden die meisten nicht ideal. Er habe mehrfach beobachtet, wie jemand daran hängengeblieben und ins Stolpern geraten sei, sagt ein anderer Markthändler.

 Margret Roestel hat sich derweil in ihr Schicksal gefügt. Zum Markt geht die 74-Jährige allerdings nicht mehr: „Ich habe einfach zu viel Angst.“

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