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Ohne Helfer überfordert

Flüchtlinge in Hartenholm Ohne Helfer überfordert

Vor vier Monaten sind die ersten Asylbewerber in einem ehemaligen Altenheim in Hartenholm eingezogen. Ihr Helferkreis ist inzwischen ein eingespieltes Team und hat viel auf die Beine gestellt. Doch immer wieder warten neue Herausforderungen. Wie etwa die Suche nach Wohnraum.

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Insgesamt sind in einem ehemaligen Hartenholmer Altenheim zurzeit 27 Asylbewerber untergebracht. Ein ehrenamtlicher Helferkreis kümmert sich um sie. Zu den Freiwilligen zählt beispielsweise Karl-Heinz Panten (3. von rechts).

Quelle: Isabelle Pantel

Hartenholm. Die ersten Bewohner der großen Männer-WG sind offiziell als Flüchtlinge anerkannt worden; sie dürfen nun in eigene Wohnungen umziehen und Arbeit annehmen. Doch beides muss erst einmal gefunden werden.

 Die Asylbewerber-Unterkunft kann maximal 30 Personen aufnehmen. Aktuell leben dort 27 Einzelbewerber aus Syrien, Albanien, dem Irak, dem Kosovo und aus dem Jemen. Die ersten Fluktuationen hat es bereits gegeben: Der Asylantrag eines Serben wurde abgelehnt, woraufhin er ausreisen musste. Der zweite Serbe ist vor diesem Hintergrund freiwillig in seine Heimat zurückgekehrt, weil auch er keine Chance mehr auf eine Bewilligung seines Antrags sah. Albaner und Kosovaren müssen ebenfalls mit der baldigen Aufforderung zur Ausreise rechnen.

 Positive Resonanz erhielten hingegen ein Iraker sowie drei Syrer. Der Iraker bekam seine Papiere bereits im April und freute sich riesig darüber. Danach tat sich allerdings nicht mehr viel; er lebt noch heute im Asylbewerberheim. „Eigentlich sollte er schon gar nicht mehr hier sein, aber es ist einfach unheimlich schwierig, geeigneten Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge zu finden“, sagt Karl-Heinz Panten vom ehrenamtlichen Helferkreis. Mittlerweile sei ein Mitglied der Gruppe allein damit beschäftigt, nach Mietwohnungen zu suchen, diese zu besichtigen und Gespräche mit Vermietern zu führen. „Und dann ist man in der Regel doch nur ein Bewerber von vielen und hat kaum Aussichten, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen“, so Panten.

 Sobald ein Asylbewerber als Flüchtling anerkannt ist, fällt sein Fall in die Zuständigkeit des Jobcenters. Weil es wiederum für den Lebensunterhalt aufkommt, bis Arbeit gefunden ist, muss die Anmietung der neuen Wohnung von den Jobcenter-Mitarbeitern genehmigt werden. Das zieht Behördengänge nach sich, von denen Karl-Heinz Panten bereits ein Lied singen kann. Mit dem syrischen Flüchtling Ahmad Alsheikh beispielsweise, für den der Helferkreis eine Wohnung in Neumünster gefunden hatte, musste er sich kürzlich im zuständigen Jobcenter einfinden. Der Vorgang zog sich über vier Stunden hin. „Am Ende haben wir fünf Mitarbeiter plus die Ausländerbehörde in Bad Segeberg beschäftigt“, sagt Panten, der angesichts des deutschen Behördendschungels mittlerweile nur noch den Kopf schütteln kann. „Ohne Helfer wären Flüchtlinge da vollkommen überfordert.“

 Ahmad Alsheikh ist glücklich, dass die bürokratischen Hürden schließlich genommen wurden und er an diesem Wochenende umziehen kann. Dann wird er sich allerdings von seinem Freund Akram Alshekha trennen müssen, mit dem zusammen er den ganzen Weg von Syrien bis nach Deutschland bewältigt hat. Alshekha zieht – ebenfalls als anerkannter Flüchtling – auch in den nächsten Tagen aus Hartenholm weg. Sein Ziel ist das benachbarte Hasenmoor. „Meine Vermieterin ist sehr nett und wie eine Mutter für mich. Sie hat mich sogar schon den Nachbarn vorgestellt“, freut er sich. Seine Wohnung war mit großem Glück über persönliche Kontakte des Helferkreises gefunden worden.

 Das nächste Thema, das die beiden Syrer beschäftigt, ist nun die Familienzusammenführung. Frau und Kinder von Ahmad Alsheikh befinden sich noch in Damaskus, die Familie von Akram Alshekha konnte nach Jordanien fliehen. Nun müssen die Angehörigen einen Vorstellungstermin in der jeweils zuständigen deutschen Botschaft bekommen, um dort ihre Anträge zu stellen. Das kann jedoch dauern. Wegen Überlastung der Behörden entstehen zurzeit Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr.

 Mit dem Wegzug von Akram Alshekha verliert die Wohngemeinschaft im Hartenholmer Asylbewerberheim ihren besten Deutsch-Sprecher. Denn Alshekha war in seiner Heimat früher Touristenführer und hatte daher bereits in Syrien einen Deutsch-Kursus an einem Goethe-Institut besucht. Mit der Hilfe von Ehrenamtlern konnte er seine Kenntnisse schnell auffrischen. Nun wird die Verständigung zwischen Helfern und Asylbewerbern in Hartenholm wieder schwieriger, aber immerhin hat der Neu-Hasenmoorer versprochen, weiterhin als Dolmetscher zur Verfügung zu stehen. Der Helferkreis hat ihm daher – auch in eigenem Interesse – schon mal eine Dauerkarte für den Bus besorgt.

 Inzwischen gibt es sieben Ehrenamtler, die in der Asylbewerberunterkunft Deutsch-Unterricht anbieten. Alle Wochentage können dadurch abgedeckt werden. Das Angebot wird gut angenommen: Es gibt eine feste Gruppe, die regelmäßig kommt – allerdings gibt es auch eine feste Gruppe, die regelmäßig weg bleibt. Besonders diejenigen, die wenig Aussicht auf ein Bleiberecht haben, zeigen sehr wenig Interesse am Sprachunterricht. Andere Asylbewerber sind dafür umso wissbegieriger.

 Bürgermeister Hans-Burkhard Fallmeier empfindet es als großes Glück, dass die Einbindung der Flüchtlinge in seinem Dorf bislang so gut klappt und dass die Hilfsbereitschaft der Einwohner derart groß ist. „Jeden Tag fahren Helfer vor der Asylbewerberunterkunft vor, um jemanden zu einem Behördengang mitzunehmen oder auch um Einkäufe oder Arztbesuche zu ermöglichen“, sagt er. Auch der private Kontakt werde gepflegt, und die Asylbewerber seien bei Veranstaltungen im Ort dabei. Eine Erklärung dafür, warum der Umgang so reibungslos läuft, hat Fallmeier auch: „Die Flüchtlinge treten sehr freundlich und zuvorkommend auf.“ Das erleichtere die Kontaktaufnahme – auch wenn die sprachliche Verständigung eben schwierig sei.

 Die fehlenden Deutsch-Kenntnisse sind es, die auch aus Sicht der meisten Asylbewerber das größte Problem in ihrer neuen Umgebung darstellen. Denn sämtliche Behördenbriefe sind ausschließlich auf Deutsch verfasst. „Wenn die Ministerien wenigstens einige Sätze in anderen Sprachen schreiben könnte, wäre das schön“, regt Akram Alshekha an. „Die ganzen Gesetze müssen ja gar nicht übersetzt werden. Das wäre zu viel. Aber ein Asylbewerber muss wenigstens verstehen können, welche Papiere er vorlegen soll und wann er in welches Büro gehen muss.“ Eine Übersetzung in der Betreff-Zeile wäre also hilfreich.

 Doch so oder so sind die Flüchtlinge auf die Hilfe der Ehrenamtler angewiesen. Und auch das zuständige Amt Kaltenkirchen-Land setzt auf ihr Engagement. Neben Deutsch-Unterricht und Fahrdiensten gibt es mittlerweile auch noch einen ehrenamtlich geleiteten Kochkursus sowie Fußball- und Tischtennisangebote. „Ich weiß wirklich nicht, was wir ohne die Unterstützung des Helferkreises machen sollten“, so Fallmeier. „Ich hoffe nur, dass alle Freiwilligen weiterhin mitmachen.“

 Ein unerwartetes Hilfsangebot kam jetzt auch noch aus der örtlichen Wirtschaft. Ein Hartenholmer Unternehmen hat eine Liste mit den beruflichen Fähigkeiten der Asylbewerber angefordert. In einem ersten Schritt soll versucht werden, Praktikumsstellen zu vermitteln.

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