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Rader Hochbrücke Gewinner des Brückenchaos
Rader Hochbrücke Rader Hochbrücke Gewinner des Brückenchaos
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11:55 11.09.2013
Von Cornelia Müller
Sie sind mit Wörterbuch und Zeichensprache für Europas Trucker gewappnet: Wirtin Christa Schentek (links) vom "Grünen Jäger" und Servicekraft Christiane Petersen, die neben deutsch und englisch auch dänisch spricht. Quelle: Volker Rebehn
Altenhof

17 Uhr. Zwei Stammgäste sitzen in der Jägerschankstube, umrahmt von Geweih und Hirschbildern im Goldrahmen. Draußen biegt ein blau-weißer Sattelzug in die Parkplatzeinfahrt. Minuten später steht der holländische Fahrer am Tresen, fragt, ob er jetzt Essen bekommt. Er spricht gut deutsch. „Wir haben warme Küche bis 21 Uhr“, antwortet die Bedienungskraft Christiane Petersen lächelnd. Schnitzel soll es sein für Leo Janssen, mit viel Zwiebeln.

„Das mögen Brummifahrer am liebsten“, hat die Wirtin festgestellt. Seit die Rader Hochbrücke für Schwerlastwagen gesperrt ist und rund um die Uhr schwere Laster die B76 entlang rollen, ist der Grüne Jäger mit dem langgestreckten Parkplatz Ersatz für die Autobahnraststätte. „Das muss sich herumgesprochen haben“, vermutet Christa Schentek. „Manchmal bekomme ich Anrufe, dass sie Frühstück vorbestellen.“ So früh, wie die Trucker essen, die die Nachtpause auf dem Platz verbracht haben, gibt es normalerweise nichts. „Aber ich komme um 7 Uhr, weil ich den Gästen auf dem Wohnmobilplatz hinterm Gasthof Brötchen bringe. Also kann ich auch Frühstück machen.“

Beschert das Brückenchaos das Bombengeschäft? Die Wirtin zögert. „Natürlich freue ich mich nicht über die Sperrung. Wenn sich nachmittags der Lastverkehr durch Eckernförde bis zu uns staut, tun mir die Leute leid. Aber wir haben was davon. Die Fahrer sind liebe Leute, da macht das Arbeiten richtig Spaß. Also lassen wir für sie auch die Sanitäranlagen der Wohnmobilisten offen.“

Die zum Essen kommen, sind meist Dänen oder Holländer, berichtet Mitarbeiterin Petersen. Sie spricht dänisch „und ist Gold wert“, lobt die Chefin. Sie selbst kommt mit Englisch „ganz gut klar“. Franzosen und Belgier lotst sie mit dem Wörterbuch durch die Speisekarte.

Fernfahrer Janssen, der Plastikmüll aus Dänemark nach Holland bringt, ist jetzt in sein Schnitzel vertieft. Alle viereinhalb Stunden hat er 45 Minuten Pause, die muss er nutzen. Ist er genervt wegen des Umwegs? „Ich habe davon nichts gewusst, das Navi zeigt es nicht an“, sagt er. „Ich rechne mit 40 Minuten mehr als sonst. Was ist das schon? Hier gibt’s gutes Essen.“

Draußen entsteigt Rocco Reichelt, ein deutscher Fahrer, einem dänischen Laster mit riesigen stählernen Verbindungsringen für Windkraftanlagen auf dem Auflieger. Ihm geht der Umweg über Kiel und Eckernförde total auf den Geist. Zum 20. Mal fährt er hier schon. „Auf der Landstraße dürfen wir nur Tempo 60 fahren. Wenn das alle täten, ginge ja gar nichts mehr“, merkt er an.

Dass an seinem Pausenplatz ein Gasthof liegt, sieht er erst heute. „Gut zu wissen. Ich habe jetzt elf Stunden Pause. Da gehe ich nach dem Fernsehen hin.

Aus einem Lastzug mit Warschauer Kennzeichen klettert ein junger Fahrer und sieht sich um. Deutsch und Englisch kann er nicht. „Ruski, Polski“, deutet er an. Er macht mit den Händen klar, dass ihn die Umleitung kalt erwischt hat. Hier muss er also die Nacht verbringen. Später wird er den Kopf in die Jägerstube von Christa Schentek stecken. Die wird ihm dann mit Händen und Füßen erklären, dass Jägerschnitzel genau das Richtige ist.

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