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Flüchtlinge und Helfer sortieren sich

Containerdorf am Norder Flüchtlinge und Helfer sortieren sich

Im Containerdorf auf dem Nordmarksportfeld in Kiel herrscht eine Woche nach dem Bezug eine heitere Stimmung. Besucher, die sich die Erstaufnahmeeinrichtung anschauen wollen, werden jedoch abgewiesen. Die Flüchtlinge sollen geschützt werden und eine Privatsphäre haben.

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Szenen wie diese sah man am ersten Wochenende vor der Erstaufnahmeeinrichtung oft: Zwei Kielerinnen verteilten Kleidung an die Flüchtlinge. Doch alle Kleiderlager in Kiel sind voll. Deshalb bittet das DRK um Geduld, bis neue Räume gefunden sind.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Ein Containerdorf für 500 Flüchtlinge? Auf den ersten Blick wirkt die Erstaufnahmeeinrichtung am Nordmarksportfeld in Kiel fast wie ein Ferienlager, trügen nicht viele fröstelnde Männer Sandalen oder bunte Flip-Flops an den Füßen. Kickende Jugendliche und Familien, die sich auf dem Rasen niederlassen – am ersten Wochenende nach dem Einzug herrscht eine heitere Stimmung, vor allem, als nach einem heftigen Regenguss die Sonne wärmt.

Der freundliche Mann vom Sicherheitsdienst am Eingang wird ständig bestürmt von Besuchern, die aufs Gelände wollen – aus Neugier und um zu spenden. Die Kieler kommen mit dem Rad, zu Fuß und dem Auto, vollgepackt mit Taschen. „Wir wollen helfen“, betont nicht nur Jörg Pelny aus Russee, als er mit Tochter Mette (12) und Sohn Mika (9) vor der Anlage erscheint. Mitgebracht haben sie einen Volleyball, Hygieneartikel, ein Skateboard und eine Tüte voller Berliner. Doch der Mann vom Sicherheitsdienst muss sie wie alle anderen Besucher abweisen.

 Im Dorf sollen sich die Flüchtlinge geschützt vor zu viel Trubel wissen und nach langer Zeit so etwas wie eine Privatsphäre haben. Und die Kleiderkammer, die in den nächsten Tagen als Kinderstube eingerichtet werden soll, platzt aus allen Nähten, so dass Ilka Hübner vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) alle um Geduld bittet: „Die Hilfsbereitschaft ist toll. Wir sind stolz auf die Kieler und Kielerinnen. Wir müssen uns jedoch erst einmal zusammen mit den Ehrenamtlichen sortieren und schauen, was die Menschen am nötigsten brauchen.“ Deshalb ihr Appell, bis zum nächsten Aufruf vorerst nichts mehr zu spenden, zumal auch alle anderen Lager in Kiel voll sind. Gefragt bleiben nach Angaben von Katja Ralfs vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten, das für das Containerdorf verantwortlich ist, Kinderwagen, Buggys, Umstands- und Männerkleidung in S und M und, wie die Flip-Flops zeigen, Schuhe.

 Am Wochenende wissen sich die Spender pragmatisch zu helfen: Sie verteilen die Sachen einfach vor der Einrichtung. Auch Seyfi Golsen, Inhaber eines Imbisses am Vinetaplatz, und seine Tochter Buket sind gleich umringt von Asylbewerbern, als sie ihren mit Kleidung gefüllten Kofferraum öffnen. Da Golsen Arabisch spricht, findet er sofort Zugang zur syrischen Familie Bahlawan: „In Damaskus, das war kein Leben mehr“, sagt einer der drei Brüder leise.

 Wie so viele ihrer Landsleute kamen sie mit dem Schiff übers Mittelmeer, um sich von Griechenland aus mit dem Bus oder zu Fuß über Ungarn und Österreich in ihr Sehnsuchtsland durchzuschlagen: „Deutschland ist ein schönes Land“, sagt Karim Bahlawan und lächelt glücklich. Die 500 Bewohner im Containerdorf, in dem erst noch Telefone, PCs, WLAN, Waschmaschinen und Trockner eingerichtet werden müssen, erhalten für zwei bis sechs Wochen Quartier, Verpflegung, medizinische und soziale Betreuung. Und sind nach ihrem weiten, beschwerlichen Weg darüber so dankbar, dass die DRK-Betreuer bei ihrem Rundgang ständig herzlich gegrüßt werden.

 Hausbetreuer Andreas Brethack war gerade wieder „als Mädchen für alles“ unterwegs, hat einer Serbin den verlorenen Schlüssel gebracht und ein kleines Mädchen nach einem Wespenstich versorgt. „Mir erzählen die Flüchtlinge, dass wir häufig die ersten Europäer sind, die lächeln“, sagt er und findet, um die „wunderbare Stimmung“ in Worte zu fassen, einen ungewöhnlichen Vergleich: Es sei hier wie auf einer Blumenwiese.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

Foto: Ein paar Taschen und nicht viel mehr: Flüchtlinge haben in Kiel das Containerdorf auf dem Nordmarksportfeld bezogen. Sie haben nur wenige Habseligkeiten und brauchen Unterstützung. Das gilt gerade auch für die Jüngsten.

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