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Flüchtlingshilfe: Wie im Ameisenhaufen

Erfahrungsbericht Flüchtlingshilfe: Wie im Ameisenhaufen

Noch vor wenigen Wochen stand die Halle in Kiel leer. In kürzester Zeit ist sie zu einem Kristallisationspunkt der freiwilligen Flüchtlingshilfe geworden: Wer Zeit hat, kommt vorbei und packt an. An diesem Nachmittag sind es 29 Frauen und Männer. Ein Erfahrungsbericht.

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Hannerl Sinnhuber (links) hilft regelmäßig in der Kleidersammelhalle von „Kiel hilft Flüchtlingen“. Hier erklärt sie Anfängerin und KN-Redakteurin Heike Stüben, wie die Kleiderspenden kontrolliert, geordnet und registriert werden.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Der erste Eindruck: ein höchst unübersichtliches Gewusel. Bergeweise prallgefüllte Müllsäcke mit Kleiderspenden, Stapel mit Umzugskartons, in der Mitte ein paar Tische, an den Wänden hohe Regale, dazwischen viele geschäftige Menschen. Sieht nicht nur aus wie ein Ameisenhaufen. Es funktioniert auch so. Denn hier läuft alles nach einer festen Struktur.

 Erste Station für neue Helfer: kurze Begrüßung und Einweisung. An diesem Nachmittag macht das Nina, eine der festen Ansprechpartner von der Initiative „Kiel hilft Flüchtlingen“, die all das hier über Facebook organisiert hat. Erste Lektion: Alle duzen sich, jeder bastelt sich aus Kreppband ein Namensschild. Dann trägt man sich in die Helferliste ein, desinfiziert sich die Hände, streift Handschuhe über und schon kann’s losgehen. „Einfach fragen, wo gerade Hilfe benötigt wird“, sagt Nina.

 Ich steuere auf die Tische zu. „Kann ich hier helfen?“ Klar, sagt eine ältere Frau, die Hannerl heißt, und rückt etwas zur Seite. „Da nimmst Du dir einen Sack mit gespendeten Kleidern. Erst wird jedes Stück kontrolliert. Was sauber und brauchbar ist, wird dann zusammengelegt und in das passende Regalfach gelegt. Ist ganz einfach“, sagt die Rentnerin aufmunternd, während sie weiter fleißig Babybodys und Strampler kontrolliert. Also schnappe ich mir einen Müllsack und fange an. Der Spender hat gut vorgearbeitet: Die Winterkleidung ist gut in Schuss und sauber.

 Nur das Einsortieren in die Regalfächer dauert. Sie sind geordnet nach Frauen- Männer und Kinderkleidung, nach Größen und Art der Kleidung. Wo aber sind die Frauen-Pullover für den Winter in Größe M? Und wo die langen Hosen für Männer Größe XL? Mit jedem Teil geht es schneller. Schon bald geht das Sortieren so gut von der Hand, dass ich mich nebenher unterhalten kann. Die junge Frau neben mir kommt aus Afghanistan. Seit vier Jahren ist sie in Kiel. „Am Anfang ist es schwer, ich war so viel allein“, sagt sie und faltet routiniert ein Top nach dem anderen, „ich bin schon das dritte Mal hier, um zu helfen, aber auch um mit anderen zu reden.“

 Der nächste Sack mit Spenden enthält leider auch verschmutzte Sachen. Was nun? Jutta weiß sofort Rat. „Was nicht mehr zu gebrauchen ist, kommt hinten in den großen Abfallkarton. Was nur gewaschen werden muss, kommt hier zu mir“, sagt die Kielerin, die auf Hartz IV angewiesen ist und sich hier regelmäßig engagiert. Und was passiert mit der Schmutzwäsche, will ich wissen. „Die wasche ich zu Hause, aber auch andere machen das. Guck mal dahinten die blauen Taschen“, sagt Jutta. In einer Ecke gibt es einen Stapel mit Wäsche-Säcken. In den nächsten Stunden sehe ich mehrfach Frauen, die sich nach Absprache einen der Säcke greifen. „Nach ein paar Tagen bringen sie uns dann die Sachen gewaschen zurück, toll oder?“, erzählt Nina später.

 Inzwischen sind einige Regale proppevoll. Zeit, die Einsatzstelle zu wechseln. Ich greife mir einen Karton und stapele die Kinderpullover hinein. Dann schreibe ich auf alle Seiten des Kartons: 24 Kinderpullover Winter Größe 104 bis 112. Und ab mit dem Karton zu Jan. Der Karton wird registriert und auf die Palette mit Kinderpullovern gestapelt. Am Abend geht’s ins Lager, von dort kann der Karton jederzeit aus Flüchtlingsunterkünften angefordert werden.

 „Vergesst nicht Pause zu machen“, ruft Gaby in den Raum. Man ist nach kurzer Zeit so im Arbeitsrhythmus, dass man Durst und Hunger gar nicht spürt. Also Handschuhe aus, Hände desinfizieren und dann einfach bedienen. Jeden Tag sorgen irgendwelche Engel dafür, dass genug zu essen und trinken für die Helfer in der Halle ist. An diesem Tag hat ein Ehepaar für uns offenbar den nächsten Bäcker leer gekauft.

 Wir schnappen uns ein Stückchen und setzen uns draußen auf eine Wiese. Ein älterer Herr erklärt einem jungen Mann, der offensichtlich noch kein Deutsch versteht, gerade etwas mit Händen und Füßen. Dann lachen beide und manövrieren zusammen Kartons auf eine andere Palette. „Das Tolle ist“, sagt Kristin, „dass es völlig egal ist, welche Nationalität, welches Einkommen, welche Religion du hast. Hier zählt nur das Ziel, zusammen die Flüchtlinge zu versorgen. Das ist ein Erlebnis, das einen richtig glücklich macht“." Als die Halle an diesem Abend um 19 Uhr geschlossen wird, sagen die meisten nicht Tschüs, sondern „bis zum nächsten Mal“.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

Foto: Ein paar Taschen und nicht viel mehr: Flüchtlinge haben in Kiel das Containerdorf auf dem Nordmarksportfeld bezogen. Sie haben nur wenige Habseligkeiten und brauchen Unterstützung. Das gilt gerade auch für die Jüngsten.

Wohin kann man sich wenden, wenn man Flüchtlingen in Not helfen möchte? An dieser Stelle finden Sie Adressen und Ansprechpartner aus Kiel und Neumünster sowie den Kreisen Segeberg, Rendsburg-Eckernförde und Plön sowie unser Willkommens-Plakat als Download. mehr

Fotostrecke: Willkommen in Kiel

Am Freitag startete die Plakataktion „Refugees welcome – Ihr seid willkommen!“ der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung. Leser können uns Ihre Fotos mit dem Plakat an willkommen@kieler-nachrichten.de schicken.

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