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Helfen kann so einfach sein

Flüchtlinge in Kiel Helfen kann so einfach sein

Im vierten Stock einer Altbauwohnung in der Holtenauer Straße duftet es nach Pasta mit Tomatensauce. Jemand klimpert zaghaft auf einem Klavier. Aus der Küche ist Geschirrgeklapper, aus dem Badezimmer laufendes Wasser zu hören. Es ist 22 Uhr. Normalerweise hätte Katharina Wulf ihren Sohn ins Bett gelegt und wäre ihm recht bald in den Schlaf gefolgt. An diesem Spätabend jedoch kocht Katharina Wulf, denn sie hat Gäste: sechs Personen, die über Nacht bleiben.

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Gemeinsam am Essenstisch: Sena Al Hazeed (39), Zeynep (9), Katharina Wulf, Ibrahim (45), Yusuf (21) und Muhammed (20).

Quelle: Frank Peter

Kiel. Sie heißen Ibrahim, Sade, Yusuf, Muhammed, Goad und Zeynep Al Hazeed. Die Flüchtlingsfamilie aus Syrien ist vor zwei Stunden am Kieler Hauptbahnhof angekommen. Katharina Wulf hat sie über Nacht bei sich aufgenommen. „Ich wollte einfach nur, dass sie mal irgendwo hin können, wo es netter ist und sie etwas ruhiger schlafen können als die Nächte zuvor“, sagt die 30-Jährige.

 Katharina Wulf wohnt in einer Dreizimmerwohnung. Ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, Küche und Bad. Sie hat keine sechs Betten, aber sechs Schlafmöglichkeiten. Sie selber schläft im Bett ihres Sohnes. Das Ehepaar, Ibrahim und Sena, übernachtet in ihrem Doppelbett, Muhammed und Goad auf dem Sofa im Wohnzimmer, Zeynep und Yusuf jeweils auf Luftmatratzen im Wohn- und Schlafzimmer. Wulfs zweijähriger Sohn ist an diesem Abend zufällig bei seinem Vater. „Wäre mein Sohn heute hier gewesen, hätte ich nicht sechs Flüchtlinge mitgenommen“, sagt sie, „eher nur drei.“

Zwischen Unsicherheit und Dankbarkeit

 Unsicherheit bestimmt die ersten Schritte in die Wohnung. Mutter und Tochter treten als Erste ein. Die vier Herren stehen unschlüssig an der Haustür, bis Wulf sie explizit hereinbittet: „Ihr dürft auch rein.“ Die 60-Quadratmeter-Wohnung ist zu einem Bettenlager geworden. Die neunjährige Zeynep kommt aus der Dusche heraus. Sie hat noch ein Handtuch um ihre langen, dunklen Haare gewickelt und widmet sich erneut dem Klavier. Wirklich sprechen tut keiner hier. Die syrische Familie kann kaum Englisch. Sie weiß bloß, dass diese Frau sie über Nacht zu sich eingeladen hat. So viel haben ihnen die Dolmetscher am Bahnhof übersetzt. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus Verlegenheit, Hemmung, Dankbarkeit und Erschöpfung. Für Katharina Wulf ist die richtige Herangehensweise in dieser Situation klar: etwas tun. Sie bereitet Betten vor, verteilt Handtücher, deckt den Tisch und kocht. Genauso pragmatisch, wie sie der Familie ein Dach über den Kopf geboten hat, so pragmatisch geht sie auch an den Abend heran: waschen, essen, schlafen. „Und auf meinem Weg zur Arbeit morgen früh; lasse ich sie im Stena-Terminal raus.“ Dort will sich die Familie Tickets nach Göteborg kaufen, denn in Schweden wartet Senas Bruder auf sie. Die Situation der Flüchtlinge und Durchreisenden beobachte sie über die Facebook-Gruppe „Kiel hilft Flüchtlingen“, erzählt Katharina Wulf. Die Hilfsinitiative hatte in den sozialen Netzwerken verbreitet, dass es in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag einen Engpass bei der Unterbringung gab. Also geht sie am Sonntag zum Hauptbahnhof und teilt den Ehrenamtlichen mit, dass sie sechs Personen aufnehmen kann. „Die ganze Zeit, während hin und her gedolmetscht wurde, hatten Sena und ich immer wieder Blickkontakt. Und irgendwann fand ich heraus, dass sie Mutter einer sechsköpfigen Familie ist.“ Wenig später sind sie in ihrem Wohnzimmer versammelt.

Strapazen lindern

 Katharina Wulf ist 30 Jahre alt, hat Islamwissenschaften studiert, hat weder eine große Wohnung noch ein Auto. Sie hat einen Job bei der Arbeiterwohlfahrt und eigene Verantwortungen. Wieso nimmt sie wildfremde Menschen in ihrer Wohnung auf? Zumal es in der Nacht von Sonntag auf Montag keinen Engpass mehr an der Markthalle gab. „Verglichen mit gestern Abend ist es heute eher langweilig“, formulierte es Björn Fischer, Leiter des Rettungsdienstes, am späten Sonntagabend. Für Wulf muss es nicht soweit kommen, dass Flüchtlinge ohne Schlafmöglichkeit dastehen. Ihr reicht es zu wissen, dass es Menschen gibt, die seit Monaten auf der Flucht sind und dass sie einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese Strapazen für eine Nacht zu lindern. „Zumindest für eine Nacht sich in einer Dusche waschen, die vorher nicht von 200 Personen benutzt wurde, und einfach mal zur Ruhe kommen“, sagt sie. Nach dem Spaghetti-Essen dauert es nicht lange, bis sich alle erschöpft ins Bett fallen lassen. Es folgt eine kurze Nacht. Am Morgen verabschiedet sich Katharina Wulf am Stena-Terminal von der Familie, die nicht aufhören kann, sich zu bedanken. „Gerne“, sagt die 30-Jährige – und fügt an: „Das habe ich in den vergangenen Stunden ganz schön oft gesagt.“ 

Sechs Stunden später, während sie in ihre Mittagspause geht, hat es Familie Al Hazeed geschafft: Die Syrer halten ihre Fährtickets in der Hand. Es geht nach Schweden.

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