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Refugees welcome „Die Integration wird unnötig verzögert“
Refugees welcome „Die Integration wird unnötig verzögert“
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07:58 11.09.2015
Von Heike Stüben
Inge Schmedemann engagiert sich für Flüchtlinge. „Wenn man hinter diese Schicksale sieht, dann relativieren sich unsere Sorgen in Deutschland. Dann kann man nicht anders als helfen.“ Quelle: Sonja Paar
Kiel

Inge Schmedemann betreut ehrenamtlich Flüchtlinge. „Was ich dabei an Bürokratie erlebe, ist absurd“, sagt die 61-Jährige. „Es gibt zu viele, zu komplizierte Regelungen, die sich oft noch gegenseitig blockieren. Die Integration wird unnötig verzögert.“ Die Kielerin fordert pragmatische Regeln.

 Inge Schwedemann hat bereits vor 25 Jahren in einer Initiative Flüchtlinge betreut und war auch sofort wieder dabei, als sich vor eineinhalb Jahren die Kieler Initiative „Willkommenskultur Elmschenhagen“ gründete. Die frühere Lehrerin hat nicht nur die kleine Wohnung oben im Haus an einen jungen Flüchtling aus Eritrea vermietet, sondern betreut auch mehrere Flüchtlingsfamilien. „Eigentlich bin ich jeden Tag unterwegs, um die Post durchzugehen, die Schreiben zu erklären und das Notwendige in die Wege zu leiten“, sagt Schwedemann. Selbst sie habe es oft schwer, die amtlichen Schreiben zu verstehen und sie den Flüchtlingen zu erklären. „Wir nutzen inzwischen eine Facebook-App: Die Flüchtlinge tippen etwas auf Arabisch ein, und ich bekomme es auf Deutsch.“ Keine perfekte Übersetzung, aber eine Verständigungshilfe, auf die sie nicht verzichten kann.

 Die Materie ist kompliziert. „Gerade erlebe ich wieder mal den Irrwitz der Bürokratie“, sagt die Kielerin und berichtet von einer syrischen Familie: Der Vater erreichte Kiel als Erster, hat inzwischen einen Aufenthaltstitel und bekommt 390 Euro im Monat vom Jobcenter. Anfang August kamen seine Frau und die vier Kinder – eines im Kita- und drei im Schulalter. Die Stadt stellte eine Dreizimmerwohnung bereit – vorübergehend.

 Innerhalb eines Monats allerdings müsse man sich wohnungssuchend melden, ansonsten müsse man mit Sanktionen rechnen, wurde der Familie in einem der vielen behördlichen Briefe mitgeteilt. Also ging Inge Schwedemann gleich am nächsten Tag mit ihnen zum Wohnungsamt. „Dort hieß es: Wir bräuchten zuerst eine Dreifach-Bescheinigung vom Jobcenter.“ Dies, so stellte sich heraus, gibt es aber erst, wenn die gesamte Familie einen Aufenthaltstitel hat. Den kann nur die Ausländerbehörde erteilen. „Also sind wir dorthin. Man musste uns aber wegen Überlastung vertrösten. Einen Termin gab es erst in sechs Wochen.“

 Für die Familie begann eine lange Durststrecke, denn an dem Aufenthaltstitel hängt fast alles: Ohne ihn gibt es keinen Leistungsbescheid vom Jobcenter. Ohne Leistungsbescheid kein Geld – die Familie hatte nur die 390 Euro des Vaters. Ohne Leistungsbescheid auch keinen Bezugsschein. Ohne Bezugsschein keine Möbel aus der Möbelbörse, keinen Fahrtkostenzuschuss für den Bus zur Schule, keine Kiel-Card, keine Ermäßigung etwa für das Essen in der Kita und die Bücherei. Ohne die Menschen von der „Willkommenskultur Elmschenhagen“, ohne Freunde und die Tafel hätte die Familie nicht überleben können und säße bis heute in einer leeren Wohnung.

 „Die Familie beschwert sich nicht. Für sie ist es kein Problem, dass sie noch keinen Esstisch haben und die Kinder die Schularbeiten auf der Erde machen. Aber der bürokratische Dschungel sorgt für Verunsicherung und unnötige Verzögerung. Sie wollen vorwärts kommen, schnell Fuß fassen“, sagt Inge Schmedemann. Vor allem fragt sie sich, wie Flüchtlinge die Bürokratie ohne die ständige Hilfe eines Muttersprachlers bewältigen sollen. „Auch die Mitarbeiter der Ämter können das bei der Arbeitsbelastung nicht leisten. Das muss doch alles einfacher gehen“, fordert sie. „Das würde auch deutschsprachigen Hilfebedürftigen und den Menschen in den Behörden zugute kommen.“ Viel wäre schon erreicht, wenn die Schreiben einfacher verständlich und auch in Englisch und Arabisch verfasst wären. „Es gibt sicher Migranten, die das übernehmen könnten.“

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