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Zusammenstehen, auch wenn wir teilen müssen

Gerwin Stöcken Zusammenstehen, auch wenn wir teilen müssen

Die Flüchtlinge werden Kiel und die Gesellschaft verändern: Stadtrat Gerwin Stöcken fordert im Interview mit den Kieler Nachrichten deshalb eine breitangelegte Debatte.

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Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken fordert schnelles Handeln, pragmatische Lösungen und eine gerechte Verteilung.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Als Wohnungsdezernent sind Sie auch zuständig für die Unterbringung der Flüchtlinge. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Aktuell ist die Lage so, dass wir die Flüchtlinge nicht mehr auf dem Wohnungsmarkt unterbringen können, sondern nur noch in Gemeinschaftsunterkünften. Wir versuchen, Wohnungen zu finden, aber der Nachfragedruck ist groß.

Menschen, die sich nur günstige Mieten leisten können, haben bereits jetzt große Probleme, Wohnungen zu finden. Entsteht durch die Flüchtlinge keine Konkurrenz?

Eine solche Konkurrenz wollen wir vermeiden. Flüchtlinge müssen ebenso Wohnungen finden wie auch Ältere, die vom vierten Stock ins Erdgeschoss ziehen wollen oder Studierende. Deshalb sind wir mit der Wohnungswirtschaft im intensiven Gespräch, auch einfachere Unterkünfte oder WG-Wohnungen zu bauen, keine Luxuswohnungen. Derzeit überlegt die Stadt, das eine oder andere Mietshaus mit Hilfe von Wohnungsbauförderung auf städtischen Grundstücken selber zu bauen. Das ist aber noch nicht entschieden.

Könnte das einen Wiedereinstieg in eine städtische Wohnungsbaugesellschaft bedeuten?

Ganz klar nein. Eine neue Gesellschaft aufzubauen, dauert viel zu lange und würde momentan nicht helfen. Wir müssen schnell auf die derzeitigen Erfordernisse am Wohnungsmarkt reagieren. Wir wollen die Stadt ja nicht mit Containern zupflastern oder einen neuen Stadtteil nur für Flüchtlinge entstehen lassen. Wenn wir selber Häuser mit Mietwohnungen bauen, dann für alle.

Bisher leben knapp 2000 Flüchtlinge in Kiel. Nach allen Prognosen werden die Zahlen weiter ansteigen. Gibt es aus Sicht der Stadt ein Limit, an dem Sie sagen, wir können keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen?

Ich will keine Debatte führen nach dem Motto „Das Boot ist voll“. Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, Menschen, die in Not sind, zu versorgen. In der jetzigen Situation, die niemand so erwarten konnte, gibt es kein Patentrezept. Was wir brauchen, sind flexible und pragmatische Lösungen, schnelles Handeln, um die Mittel, die wir haben, effektiv einzusetzen und unsere Ideen umzusetzen. Dann können wir auch noch mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Sollte die Lage auf dem Wohnungsmarkt nicht auch ein Kriterium für die Verteilung sein?

Wir haben demnächst wieder einen landesweiten Flüchtlingsgipfel, wo auch dieses Thema mit Blick auf eine gerechtere Verteilung eine Rolle spielt. Für ländliche Regionen wäre eine solche Zuwanderung vielleicht eine Chance, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir wollen aber nicht als größte Stadt des Landes den Kreisen eine solche Diskussion aufzwingen.

Noch ist die Aufnahmebereitschaft in Kiel sehr groß. Wann fürchten Sie, könnte die Stimmung kippen?

Die große Herausforderung wird es sein, auch dann zusammenzustehen, wenn wir teilen müssen. Zum Beispiel in der Schule, wenn die eigenen Kinder mit Flüchtlingskindern, die erst einmal kaum Deutsch sprechen, gemeinsam unterrichtet werden. Kita-Plätze müssen geschaffen werden. Bei Raummangel könnten auch Außengruppen helfen – mit Erkundungen durch die Natur und die Stadt –, den Rechtsanspruch zu sichern. Wird das auch dann noch akzeptiert? Sind die Menschen gut versorgt, sollten wir eine breit angelegte Debatte beginnen, wie sich unsere Gesellschaft durch die neuen Kieler verändert. Was können wir ihnen bieten? Was können wir von ihnen verlangen? Wer erbringt welche Integrationsleistung zur Teilhabe: Deutsch lernen dürfen, aber auch wollen, Ausbildungen ermöglichen, aber auch anstreben, vor allem aber die Regeln, die unsere Gesellschaft funktionieren lassen, zu lernen und zu beherzigen. Vielleicht lernt die deutsche Gesellschaft umgekehrt durch die Zuwanderer mehr Gelassenheit.

Welche Botschaften wollen Sie den Kielern vermitteln, die sich darauf einstellen müssen, dass am Ende des Jahres deutlich mehr Flüchtlinge hier leben als bisher?

Die erste Botschaft ist ein herzliches Dankeschön für die tolle Atmosphäre, die in dieser Stadt herrscht. Die zweite ist, wenn wir die jetzigen Probleme und ihre möglichen Folgen aufrichtig diskutieren, könnten wir gemeinsam auch gute Lösungen finden. Die dritte Botschaft ist, dass Neid, zugespitzte Diskussionen und Angst vor Absturz uns nicht weiter bringen. Das, was wir in dieser Stadt seit vielen, vielen Jahren machen, nämlich das Sozialsystem weiter so auszugestalten, dass alle teilhaben können, wird auch künftig funktionieren.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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