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Freude über neues Bein ist getrübt

Prothese für Flüchtling Freude über neues Bein ist getrübt

Mohamed Alnajem erlebt schon wieder ein Gefühlschaos. Der 36-jährige Flüchtling mit Wohnsitz in Eckernförde freut sich über seine neue Prothese. Und er ist sehr dankbar über die vielen Spenden, die dies ermöglicht haben. Doch ihn quält die Angst: Seine Frau und seine Kinder wurden in Syrien verhaftet.

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Der syrische Flüchtling Mohamed Alnajem (35) freut sich über seine neue Beinprothese.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Endlich, fast ein Jahr, nachdem eine Fliegerbombe ihm in Syrien das linke Bein zerfetzte (wir berichteten), steht er jetzt wieder auf zwei Beinen. Aber: Seit drei Tagen hat er kein Lebenszeichen von seiner Familie, seiner Frau und den drei kleinen Kindern. Warum seine Familie nun in einem Gefängnis in Damaskus sitzen muss, weiß Alnajem nicht. „Von den Polizisten gab es keine Begründung, die haben nur den Haftbefehl gezeigt“, berichtet er auf Arabisch. Kontakt zu seiner Frau habe er seither nicht mehr. Sie befand sich mit den drei Söhnen im Alter von elf, sechs und fünf Jahren in einem Bus auf dem Weg in den Libanon. „Sie konnte nur noch schnell einen Mitreisenden bitten, ihre Eltern in Syrien zu informieren, dann wurden sie abgeführt.“

War er im falschen Krankenhaus?

Jetzt sucht der Mann, der in Syrien als Fotograf gearbeitet hat, nach einer Erklärung, warum seine Ehefrau, eine 30-jährige Hausfrau, in den Fokus der Polizei geraten konnte. Die einzig mögliche hängt mit seiner Verletzung zusammen. Als er im Februar 2015 bei einem Bombenangriff schwer verletzt wurde, brachten ihn Freunde in ein Krankenhaus nach Israel, denn eine medizinische Versorgung im Inland gab es für ihn nicht. Doch Israel ist Feindesland. Die Unterbringung in dem Krankenhaus war daher geheim, nur via Whatsapp hatte er Kontakt zu seiner Frau: „Vielleicht ist diese Internetverbindung das Problem“, befürchtet er. Seine Sorge sei groß, denn aus dem Gefängnis, in dem seine Familie sitze, kämen die wenigsten lebend heraus.

Die dramatische Nachricht von der Inhaftierung erreichte Mohamed Alnajem vor fünf Tagen. In einer Zeit also, in der es für ihn nach seiner Verletzung, den vielen Schmerzen und der beschwerlichen Flucht auf einem Bein nun endlich bergauf zu gehen schien. Nach dem Spendenaufruf der Kieler Nachrichten Anfang Dezember gingen bei dem Verein Umwelt Technik Soziales, der sich in Eckernförde um Flüchtlinge kümmert, Spenden in Höhe von 4000 Euro ein. Innerhalb von 14 Tagen bauten die Orthopädiemechaniker der Firma OT Kiel eine Prothese aus gebrauchten Passteilen. Dies sei laut Aussage der Experten recht kompliziert gewesen, da der Oberschenkelstumpf nur fünf Zentimeter kurz und völlig vernarbt und zerklüftet sei. Schon kurz vor Weihnachten hatte Alnajem dennoch ein neues linkes Bein. Schon wenige Tage darauf war er gut unterwegs und inzwischen läuft er sogar schon ohne Gehstützen. „Es ist erstaunlich, was er in zwei Wochen geschafft hat, das erreichen andere Amputierte oft erst nach einem halben Jahr“, sagt Orthopädietechniker Carsten Heider. „Aber Mohamed ist sehr motiviert, hat trotz der Sprachbarriere alles umgesetzt und ist mutig genug, allein zu gehen.“ Außerdem sei sein Muskelstatus sehr gut, „aber das ist ja kein Wunder, er ist doch auf der Flucht Hunderte Kilometer auf einem Bein gelaufen.“

60 Prozent mehr Kraftaufwand nötig

Alnajem ist auch froh: „Nun kann ich selbstständig kochen, einkaufen, sauber machen, ohne immer meinen Mitbewohner fragen zu müssen.“ Aber zufrieden mit sich ist er noch nicht: „Ich will noch mehr können und werde weiter üben.“ Die Prothese trägt er daher sechs bis acht Stunden am Tag, und diese ungewohnte Bewegung sorgt für heftige Schmerzen. „Ich hatte Blasen am Stumpf, und mein rechtes Bein tut mir weh“, sagt er. Seine Betreuer bei der Kieler Firma OT wundert das nicht: „Das ist völlig normal am Anfang“, beruhigen sie ihn und geben Massage- und Pflegetipps. Aber Heider weist auch darauf hin, welche Anstrengung mit dem Handicap verbunden bleibt: „Ein Amputierter mit Prothese muss 60 Prozent mehr Kraft aufwenden als andere.“

Für Mohamed Alnajem ist das alles aber im Moment nicht so wichtig. Er nimmt seinen Kopf in beide Hände und versucht sich zu konzentrieren. Nein, eine Lösung für das Problem mit seiner Frau und den kleinen Söhnen falle ihm nicht ein. Er warte schon fünf Monate darauf, dass sein Asylantrag bearbeitet wird. Erst wenn der Aufenthaltsstatus geregelt sei, könne er überhaupt irgendetwas unternehmen. Jetzt bleibe ihm nur zu beten.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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