17 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Flüchtlinge ohne Ehrenamtler nicht mehr zu betreuen

Schleswig-Holstein Flüchtlinge ohne Ehrenamtler nicht mehr zu betreuen

Sie holen Flüchtlinge vom Bahnhof ab, gehen mit ihnen zu Behörden, geben Deutschunterricht oder betreiben „Willkommen-Cafés“ - ehrenamtliche Helfer sind das Rückgrat für die Integration von Flüchtlingen, wie eine dpa-Umfrage bei den Kreisen im Norden ergab.

Voriger Artikel
Für Flüchtlinge wird einiges getan
Nächster Artikel
Land plant Unterkünfte für Kinder

Für die Betreuung und Integration der vielen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein ist das Engagement ehrenamtlicher Helfer inzwischen unverzichtbar.

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa (Symbolfoto)

Kiel. Für die Betreuung und Integration der vielen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein ist das Engagement ehrenamtlicher Helfer inzwischen unverzichtbar. Angesichts der gestiegenen Flüchtlingszahlen sei die Arbeit hauptamtlich gar nicht mehr zu leisten, lautete der Tenor einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den elf Kreisen und vier kreisfreien Städten im Norden.

„Zwingend erforderlich“ sei die Hilfe der Bürger, es gehe nur mit ehrenamtlichen Engagement, sagte Rainer Stiemcke vom Kreis Schleswig-Flensburg — wie ein roter Faden zog sich diese Einschätzung durch die Antworten. Die Hilfsbereitschaft wachse seit Monaten, immer mehr Bürger wollten sich engagieren, hieß es beim Kreis Ostholstein. Und in der Landeshauptstadt Kiel melden sich täglich fünf bis zehn Menschen, die ehrenamtlich tätig werden wollen.

„Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, zieht sich durch alle Generationen, alle Berufssparten und gesellschaftlichen Gruppierungen“, sagte Arne Ivers von der Stadt Kiel. Sprecher mehrerer Kreise und Städte betonten das Engagement insbesondere von Studenten und Rentnern, pensionierten Lehrern und religiösen Menschen.

Unterricht und Behördengänge

Geholfen wird mit Deutschunterricht, bei Behördengängen, Arztbesuchen oder mit Sport- und Kulturangeboten. Auch „Willkommen-Cafés“ wie in Boostedt (Kreis Segeberg) oder Fahrradwerkstätten wie in Lübeck sind typisch. Geballtes Fachwissen bietet das „Lübecker Migranten Netzwerk - Lumine“: Mehr als 40 Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer und Therapeuten beraten Flüchtlinge kostenlos. Etwa 20 Helfer der Gemeindediakonie betreiben eine Kleiderkammer in der Hansestadt an der Trave.

In Reinbek (Kreis Stormarn) bei Hamburg haben sich rund 20 teils pensionierte Lehrer zusammengetan, um Flüchtlingen vom ersten Tag an ehrenamtlich Deutschunterricht zu geben — in kleinen Fünfer-Gruppen oder sogar per Einzelunterricht. „Ein Unternehmen hat für diese fast professionelle Sprachschule die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, das ist ehrenamtliches Engagement vom Feinsten“, sagte Torsten Christ, Leiter des Amtes für Bürgerangelegenheiten in Reinbek.

Als hilfreich loben die meisten Kreise die zum 1. Juli eingeführte Integrationspauschale. Das Land gibt jeder Kommune pro ankommendem Flüchtling einmalig 900 Euro. „Das Geld kann für hauptamtliche, aber auch ehrenamtliche Tätigkeiten verwendet werden“, sagte Thomas Giebeler, Sprecher des Innenministeriums. Der Erlass, der die Details regele, werde im September veröffentlicht. Dann würden die Mittel rückwirkend ausgezahlt.

Pauschale reicht nicht aus

Beim Kreis Rendsburg-Eckernförde wurde moniert, vielen Kommunalverwaltungen sei nicht klar, welche Leistungen mit der Pauschale bezahlt werden dürften. Zudem bräuchten die Kommunalverwaltungen zusätzliches Geld, um zumindest hauptamtliche Ansprechpartner und Koordinatoren für die ehrenamtlichen Helfer beschäftigen zu können. Die Pauschale reiche hierfür nicht aus.

Mit einer Spendenaktion für die Flüchtlingshilfe hat die Gemeindediakonie in Lübeck auch einen Etat für Ehrenamtsarbeit finanziert. Ein Riesenbedarf an Informationen und Fortbildungen bei Ehrenamtlern wird in vielen Kreise gesehen. Dies sei auch wichtig, um vor Enttäuschungen zu bewahren, sagte Stiemcke. „Manche drohen auszubrennen.“

Ehrenamtlern sollten kleinere Auslagen — etwa für Schulhefte, Bücher oder Fahrrad-Flickzeug — erstattet werden dürfen, regte Björn Demmin vom Kreis Plön an. Auch eine Kostenerstattung für Fahrten mit dem eigenen Auto wären ein Ausdruck der Anerkennung. Hilfreich wären klare Vorgaben, dass kleine Budgets für Ehrenamtler verwendet werden dürfen. Auch der Versicherungsschutz und Haftungsfragen müssten im Sinne von Ehreamtlern weiter verbessert werden. Dies sei insbesondere für Vereine ein großes Problem, sagte Ivers.

Ein Internetportal des Landes mit leicht verständlichen Informationen für ehrenamtliche Helfer sollte nach Ansicht von Rhilo Rols vom Kreis Rendsburg-Ekcernförde bereitgestellt werden. Als der Flüchtlingspakt von der Landesregierung und einem breiten gesellschaftlichen Bündnis im Mai vorgestellt wurde, kündigte die Landesregierung ein solches Portal an. Es solle in Kürze fertig sein, hieß es im Innenministerium. Bisher gibt es das Portal „engagiert-in-sh“, das übergreifend Informationen über Möglichkeiten und Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements bietet.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Foto: Ein paar Taschen und nicht viel mehr: Flüchtlinge haben in Kiel das Containerdorf auf dem Nordmarksportfeld bezogen. Sie haben nur wenige Habseligkeiten und brauchen Unterstützung. Das gilt gerade auch für die Jüngsten.

Wohin kann man sich wenden, wenn man Flüchtlingen in Not helfen möchte? An dieser Stelle finden Sie Adressen und Ansprechpartner aus Kiel und Neumünster sowie den Kreisen Segeberg, Rendsburg-Eckernförde und Plön sowie unser Willkommens-Plakat als Download. mehr

Fotostrecke: Willkommen in Kiel

Am Freitag startete die Plakataktion „Refugees welcome – Ihr seid willkommen!“ der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung. Leser können uns Ihre Fotos mit dem Plakat an willkommen@kieler-nachrichten.de schicken.

Mehr zum Artikel
Hauptbahnhof Kiel
Foto: Carsten Ballach (links) und Hauke Petersen von der Bundespolizei kontrollieren einen Flüchtling am Kieler Hauptbahnhof. Der Mann ist illegal eingereist.

In den vergangenen zehn Tagen sind über 180 Flüchtlinge am Hauptbahnhof in Kiel angekommen. Viele von ihnen wollen gar nicht weiter nach Skandinavien. Ihr Ziel ist Schleswig-Holstein.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Refugees welcome 2/3