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Sonderzug in die Sicherheit

400 Flüchtlinge Sonderzug in die Sicherheit

Erschöpft und übernächtigt, aber glücklich waren die 400 Menschen, die am Montagmorgen nach einer tagelangen Odyssee auf dem Bahnsteig 3 in Neumünster erstmals schleswig-holsteinischen Boden betraten. Bevor das aber so weit war, mussten Helfer wie Flüchtlinge sich in Geduld üben.

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Erschöpft und erleichtert, kamen die Flüchtlinge in Neumünster an: Der Zug mit 400 Passagieren erreichte die Stadt um 6.30 Uhr.

Quelle: Frank Behling

Neumünster. Erschöpft und übernächtigt, aber glücklich sind die 400 Menschen, die am Morgen nach einer tagelangen Odyssee auf dem Bahnsteig 3 in Neumünster erstmals schleswig-holsteinischen Boden betreten. Bevor das aber so weit ist, mussten sich Helfer wie Flüchtlinge in Geduld üben. Eigentlich war der Sonderzug aus München für 23 Uhr in Neumünster angekündigt. Doch die Ankunft des Zugs verschiebt sich Stunde um Stunde. Noch um 5.30 Uhr muss in Hamburg-Harburg ein Stopp eingelegt werden: Der Lokführer hat seine Höchstarbeitszeit erreicht.

So unkalkulierbar wie der Fahrplan war, so ist auch die Zahl der Flüchtlinge eine Überraschung. 250 Menschen waren den Behörden angekündigt. Schließlich sind 400 im Zug. In Bremen haben bei einem nächtlichen Stopp etwa 80 Flüchtlinge den Zug verlassen. Weitere Züge sollen bereits von München aus unterwegs sein.

In Neumünster harren die ganze Nacht die Menschen am Bahnhof aus. Mitglieder des DRK, Polizisten, Aktivisten einer Facebook-Gruppe und Mitglieder der SPD aus Neumünster warten. Oberbürgermeister Olaf Tauras (SPD) ist ebenfalls vor Ort. Eine lange Nacht ist es auch für Innenminister Stefan Studt. Mit Landespolizeidirektor Joachim Gut muss er die Zeitpläne ein ums andere Mal anpassen.

Hier sehen Sie Bilder von der Ankunft in Neumünster.

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Um 6.45 Uhr ist es soweit. Der Sonderzug 292 aus München rollt ein. Als der Zug gestoppt wird, herrscht zunächst Stille. Vorsichtige, fast ängstliche Blicke aus den Zugfenstern. Erst ganz zögerlich öffnen sich die Türen. „Welcome to Neumünster“, begrüßt eine Bürgerin die Menschen, die sich so langsam aus dem Zug trauen. Zitternde Kinder, Männer in Wolldecken gehüllt und Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm gehen langsam und vorsichtig dem Ausgang entgegen. Als Dolmetscher auf Englisch und Arabisch die Lage erklären, löst sich die angespannte Stimmung. „Thank you, thank you“, sagt ein Syrer zu den Helfern, die ihm Wasser und Süßigkeiten für die Kinder reichen. Die verschwitzte Mütze mit der Aufschrift der griechischen Insel Lesbos rückt er fürs Foto zurück. Eine Mutter mit ihren zwei Kindern kämpft angesichts des Empfangs mit den Tränen.

„Wir hatten Luftballons und Transparente vorbereitet. Wir wollten einfach etwas tun, um diese Menschen willkommen zu heißen“, sagt Gerrit Köhler, der sich mit anderen Bürgern bereits in der Nacht am Bahnhof eingefunden hat. Sie packen an, verteilen Wasserflaschen und Stofftiere. „Das sind sehr, sehr emotionale Eindrücke. Es zeigt, dass Schleswig-Holstein bereitsteht um zu helfen. Ich bin stolz darauf, wie sich alle um diese Menschen bemühen“, sagt Innenminister Studt.

Auch Oberbürgermeister Tauras ist zufrieden. „Es freut mich, dass das ehrenamtliche Engagement in Neumünster so groß ist, dass so viele Menschen hier die Flüchtlinge willkommen heißen.“ Auf die Frage, wie es weitergeht, wenn auch in den nächsten Nächten weitere Züge kommen, haben auch Tauras und Studt nur eine Antwort. „Wir werden erst einmal helfen“, sagt Tauras.

Da die Erstaufnahmeeinrichtungen voll sind, werden im ganzen Land fieberhaft weitere Quartiere vorbereitet. Bundeswehrkasernen, Sporthallen und andere öffentliche Gebäude werden aktuell geprüft. Auch die Bundespolizei bereitet Notunterkünfte in ihren Kasernen in Schleswig-Holstein vor.

Wie groß die Angst der Flüchtlinge vor geschlossenen Lagern oder gar einer Inhaftierung ist, zeigen Szenen aus Dänemark. Mit einem normalen Reisezug waren 166 Flüchtlinge am Sonntag von München zur Vogelfluglinie nach Lolland gefahren. Ziel dieser Menschen ist Schweden. Als dänische Polizisten den Zug im Fährbahnhof von Rødby Havn betreten und die Flüchtlinge zum Verlassen auffordern, flüchten einige Menschen über Gleise und Straßen in umliegende Felder. Sie wollten zu Fuß weiter nach Schweden. Die dänische Polizei bringt sie in Hotels und eine Aufnahmeeinrichtung.

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Ein Artikel von
Frank Behling
Lokalredaktion Kiel/SH

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