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Kämpfer: „Vorlauf von ein, zwei Stunden“

Flüchtlingskrise Kämpfer: „Vorlauf von ein, zwei Stunden“

Mit täglich Hunderten Transitflüchtlingen steht Kiel vor einem neuen Problem. In der Nacht zu Sonntag erlebte die Stadt den bisher größten Ansturm. 460 wurden in der Markthalle untergebracht. Als diese belegt war, rief Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer über Facebook die Bürger auf, privat Flüchtlinge aufzunehmen. Er selbst nahm mit seinen Nachbarn bis Montag Abend eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan auf. Ist die Stadt überfordert? Im Interview erklärt Ulf Kämpfer die Lage.

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Vor dem Stena Teminal drängen sich frisch angekommene Flüchtlinge und hoffen auf Tickets für die Überfahrt nach Göteborg.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Herr Kämpfer, Ihr persönlicher Aufruf auf Facebook, Flüchtlinge in privaten Quartieren unterzubringen, ist eine bisher außergewöhnliche Maßnahme, die aus anderen Städten so nicht bekannt ist. Haben Sie die Situation im Griff?

Es ist nicht so, dass Kiel nicht schafft, was andere Städte wie Flensburg, Rostock, Sassnitz oder Lübeck schaffen. Im Gegenteil: Wir sind der einzige Ostseehafen mit Fährtransfer nach Skandinavien, der so eine professionelle Struktur hat und 300 Menschen auf der Durchreise aufnehmen kann – direkt am Terminal, mit warmer Mahlzeit, Duschcontainer und sicherer Unterkunft. Das ist eine logistische Meisterleistung. Ich habe am Freitag um 14.45 Uhr den Mietvertrag für die Markthalle unterschrieben. Um 19 Uhr gingen die Türen auf. 300 Flüchtlinge konnten dort duschen, auf Klo gehen und schlafen. Und ein Caterer kam.

In der vergangenen Woche haben aber Transitflüchtlinge im Bahnhof übernachtet.

Es gibt ja schon seit Wochen Flüchtlinge, die von Kiel nach Schweden reisen, um dort Asyl zu beantragen – aber in so geringer Anzahl, dass die Stadt kaum etwas mitbekommen hat. Beim ersten größeren Ansturm vor acht Tagen kamen etwa 100 Menschen auf private Initiative in der alten Muthesius-Schule unter. Wir haben daraufhin zwar den Ostseeterminal für die Aufnahme vorbereitet, der Ansturm blieb aber zunächst aus. Spät nachts kamen doch noch mehr als 100 mit dem Zug. Die mussten dann doch auf dem Bahnhof übernachten. Am Folgetag haben wir den Ostseekai zur Verfügung gestellt.

Kann die Stadt denn nicht einschätzen, wie viele Flüchtlinge kommen?

Wir wissen nicht einmal einen halben Tag vorher, wenn neue Flüchtlinge nach Kiel kommen. Wir haben einen Vorlauf von maximal ein, zwei Stunden. Aber die Prognosen treffen nicht immer zu. Eigentlich wissen wir erst mit Ankunft des letzten Zuges, also teilweise erst nachts um drei, wie viele Leute noch ein Bett brauchen. Das ist eine echte Herausforderung. Und nur in dieser einen Nacht hat es nicht geklappt.

Welches Problem hatten Sie am Sonnabend?

Die Markthalle mit 300 Plätzen war voll. Und wir waren etwas nervös, weil wir eben nicht abschätzen können, wie viele noch kommen. Auf den Ostseekai hatten wir wegen der Kreuzfahrer nicht sofort den Zugriff. Der Facebook-Aufruf klang dann dramatischer, als die Situation war. Es kamen auch einige Bürger und haben Flüchtlinge aufgenommen. Aber am Ende hätten wir genügend unterbringen können, nur 18 Personen mussten im Ostseekai schlafen.

Gibt es genügend Feldbetten und Verpflegung?

Ja, da hat die Stadt keine Engpässe. Für das, was wir anbieten wollen, haben wir genügend Ressourcen.

Sie selbst haben aber auch eine Flüchtlingsfamilie am Sonntag aufgenommen?

Es war eine gemeinsame Idee meiner Frau und unserer Nachbarn. Wir haben zusammen eine Familie mit Mutter, Vater und vier Kindern im Alter von zwei bis 16 aufgenommen. Bei uns waren zwei Jugendliche untergebracht. Mehr möchte ich darüber nicht erzählen. Das ist Privatsache.

Sie setzten aber schon darauf, dass Bürger Quartiere zur Verfügung stellen?

Ich freue mich darüber. Letztendlich geht es aber nicht darum, Flüchtlingen, die sich abends schon in der Markthalle einquartiert haben, dort herauszuholen. Sondern schon tagsüber zu schauen, welche Menschen besonders hilfsbedürftig sind. Klar entlastet das auch praktisch unsere Notunterkünfte. Unser Konzept ist klar: 300 Plätze in der Markthalle. Wenn die voll ist, wird im Ostseekai untergebracht. Das bedeutet zwar Matten, Decken, Stühle, aber ist immer noch besser als auf dem Bahnhof bei Minustemperaturen.

Sie sind Jurist. Welche rechtlichen Probleme können sich ergeben, wenn ich Flüchtlinge aufnehme? Mache ich mich der Fluchthilfe schuldig? Kann ich haftbar gemacht werden für Schäden? Was ist bei gesundheitlichen Notfällen?

Wer einem Menschen Obdach gibt und eine Nacht beherbergt, macht sich nach meinem Verständnis auf gar keinen Fall strafbar. Ich würde mich genau so verhalten wie bei jedem anderen Gast auch. Wenn es einen Notfall gibt, rufe ich 112 an. Aber eine genaue juristische Antwort ist schwierig, solange noch nicht einmal die Staatsanwaltschaft sagen kann, ob man sich der Schleuserei schuldig macht, wenn man das Fährticket für einen Flüchtling bezahlt. Auch für die Stadt ist die Unterbringung der Transitflüchtlinge eine juristische Grauzone. Hier gibt es keine gesetzlichen Regelungen.

Können Sie sich erklären, warum so viele Menschen nach Kiel kommen und der Ansturm auf die anderen Ostseehäfen ausbleibt?

Es fahren auch viele über Rostock oder Lübeck. Entspannter ist es meines Wissens in Sassnitz. Von dort aus können sie zu einem deutlich günstigeren Preis häufig viel schneller und ohne Wartezeiten nach Schweden gelangen.

Interview: Karen Schwenke

Neues Infotelefon für Flüchtlingshilfe

Die Stadt Kiel sei laut Oberbürgermeister Ulf Kämpfer nicht in der Lage, die vielen Hilfsangebote von Bürgern für Flüchtlinge zu koordinieren. Allerdings will die Stadt mit mehreren Maßnahmen einen Beitrag leisten. Unter der Nummer 0431/901-3333 richtet sie ein Bürgertelefon ein. Hier können sich Interessierte vom heutigen Dienstag an montags bis freitags jeweils von 10 bis 16 Uhr über Hilfsmöglichkeiten und die Abgabe von Sachspenden informieren. Weitere Informationen gibt es auch unter www.kiel.de/fluechtlinge und demnächst über Facebook. Daneben ist ein runder Tisch zum Informationsaustausch mit ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen geplant.

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