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Gibt es eine „Digitale Demenz“?

Expertendiskussion Gibt es eine „Digitale Demenz“?

Wann war noch der Geburtstag der Arbeitskollegin? Wie war lautet die eigene Handynummer? Und wie kommt man am schnellsten mit dem Auto zum Ziel? All diese Fragen beantwortet uns inzwischen unser Smartphone. Bewaffnet mit diesem Mini-Computer hat vor allem eines Pause: unser Gedächtnis.

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Tatort Smartphone: Der treue elektronische Wegbegleiter hat auf jede, aber wirklich auch jede Frage eine Antwort parat.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist", so lautet eine These von Manfred Spitzer, Doktor der Philosophie und Medizin, der 2012 den Begriff der „Digitalen Demenz“ mit seinem gleichnamigen Bestseller populär machte.

 „Ich habe das Gefühl, dass die negative Assoziation von Demenz genutzt wird, um auf die Gefahren des übermäßigen Konsums von digitalen Medien hinzuweisen“, kritisiert Rita Erlemann von der Awo-Beratungsstelle Demenz und Pflege. Die Alzheimergesellschaft Kiel arbeitet schon länger an der Entstigmatisierung der Krankheit, die in der Gesellschaft immer noch als großes Übel angesehen wird.

 Der Oberbegriff Demenz beschreibt Krankheiten, die mit einem Verlust geistiger Funktionen wie Denken, Erinnern oder auch der Orientierung einhergehen, bis alltägliche Aktivitäten nicht mehr eigenständig durchgeführt werden können. „,Digitale Demenz’ ist ein Marketingbegriff“, findet auch Hirnforscher Professor Michael Madeja.

 „Eine geringere Merkfähigkeit, die daraus resultiert, dass man weiß, wo man Dinge googeln kann, muss nicht pauschal zur Krankheit Demenz führen“, so Diplom-Psychologe Hans-Jürgen Rumpf vom UKSH Lübeck. Die Anpassung an neue Medien muss laut Rumpf über Jahrzehnte untersucht werden. Einige Trends lassen sich schon heute ablesen. „Das soziale Miteinander hat sich verändert. Interaktionen innerhalb der Gruppe und außerhalb des Internets nehmen ab“, stellte Rumpf fest, der zum Thema Internetabhängigkeit forscht. Realität wird anders erlebt, weil sie ständig mit Fotos festgehalten werden: Vom Urlaub über Konzerte bis hin zum Mittagessen wird alles in den sozialen Netzwerken geteilt. Es konnte außerdem festgestellt werden, dass das Areal im Gehirn, das für die Daumentätigkeit zuständig ist, sich bei Jugendlichen vergrößert hat. „Aber das muss per se nichts Schlechtes sein“, findet Rumpf. „Nicht nur die übermäßige Nutzung digitaler Medien, sondern auch übermäßiges Lesen, Musizieren oder Fernsehen haben denselben Effekt“, erklärt Madeja. Denn das Gehirn optimiert sich ständig.

 Bereiche, die sehr oft beansprucht werden, entwickelt sich stärker, andere Kompetenzen lassen nach. Diese Veränderungen seien bereits nach wenigen Wochen durch die Kernspintomographie sichtbar zu machen, mit einer Demenzerkrankung allerdings nicht vergleichbar. Smartphone, Internet und Co. sind schlichtweg reizvoller, als zum Beispiel das Geschichtsbuch. „Dass es bei Jugendlichen zu einer ,Hausaufgaben-Demenz’ kommt, ist natürlich unwahrscheinlich“, so der Hirnforscher. „Die starke Reaktion auf diese neuen Geräte hängt aber auch mit dem Zustand zusammen, dass sie neu und dadurch spannend sind“, erklärte Rumpf weiter. In der Zukunft wären eine Gewöhnung ebenso wie ein Gegentrend denkbar.

 „Digitale Medien sind nicht primär schlecht“, findet Madeja. Viel wichtiger, als die Kinder von ihnen fernzuhalten, wäre es, ihnen den verantwortungsbewussten Umgang mit ihnen zu erklären. Auch den Irrglauben, dass die neuen Medien uns überfordern, kann Madeja aufklären: „Digitale und analoge Reize werden vom Gehirn gleich aufgenommen und verarbeitet.“ Untersuchungen der Spiegelneuronen zeigen, dass es in der Informationsverarbeitung keinen Unterschied macht, ob man eine Handlung real oder virtuell beobachtet. Das Gehirn sei also keinen neuen Anforderungen und somit auch keiner Überforderung ausgesetzt.

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