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Schüler auf der Hallig, Lehrerin in Kiel

KN Serie Schleswig-Holstein Digital Schüler auf der Hallig, Lehrerin in Kiel

Die Verständigung ist etwas ruckelig, aber in bestem Englisch. Die Kinder der Halligschule Langeneß haben ihre Laptops aufgeklappt, sich im System angemeldet, ihre Headsets aufgesetzt, und der Unterricht kann beginnen. „Good morning everyone“ – Lehrerin Leena Brütt grüßt ihre Schüler aus dem etwa 80 Kilometer Luftlinie entfernten Kiel.

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Die Halligkinder Kaya Karau, Jan-Ole Dammann und Lasse Johansen (v.l.) tauschen zweimal pro Woche Heft und Bleistift gegen Laptops.

Quelle: Jörg Wohlfromm

Langeneß. Zwei mal pro Woche wird sie per Datenverbindung ins Wattenmeer zugeschaltet. Den Kindern auf der Hallig gefällt die digitale Abwechslung.

Dort, wo der Schulbus ein einfacher Kombi ist und 18 Schulkinder sich zwei Lehrerinnen und zwei Klassenzimmer teilen, gehen das Bildungsministerium und das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) seit einigen Jahren neue Wege. Weil es damals keine Englischlehrer auf den Halligen gab, hat sich das sogenannte E-Learning nach einer zweijährigen Pilotphase ab 2009 als fester Bestandteil des Unterrichts etabliert. Die Schulen auf den Halligen Hooge, Langeneß, Oland, Gröde und Nordstrandischmoor sind angeschlossen – vorausgesetzt, die einzelnen Schulen sind mit ausreichend Schülern besetzt und geöffnet. Dies kann sich auf den Halligen von Jahr zu Jahr ändern.

 Beim Unterricht am Computer gehe es darum, den Kindern die gleichen Chancen zu geben wie ihren Mitschülern auf dem Festland, so das IQSH. Der Zugang zu Bildung dürfe nicht geografisch eingeschränkt sein – vor allem, wenn die Schüler später auf weiterführende Schulen gehen sollen. Unterrichtet werden die Fächer Englisch und Französisch.

 Vor Beginn jeder Lektion dienstags und freitags wird auf Langeneß die Technik getestet. „Kann mich jeder verstehen? Seid ihr alle angemeldet?“, fragt Leena Brütt ihre Schützlinge aus den Klassen 5 bis 9. Diesmal sitzen Jan-Ole, Kaya und Lasse gespannt vor den Bildschirmen und antworten: „Jo.“ „Jo.“ „Jep.“ Eben haben sie noch im Schulgarten Blumen und Sträucher in die Sommersonne gepflanzt. Jetzt geht es um gefrorenen Joghurt. Lehrerin Leena Brütt verwickelt Jan-Ole in ein Verkaufsgespräch auf English. Der Zwölfjährige kommt bei der Suche nach den Vokabeln immer wieder ins Schwitzen, hält das Mikro zu und fragt seine Banknachbarin. Hilfe bekommt er aus dem Wolrd Wide Web. Die Computer sind mit dem Internet verbunden, und die Kinder wissen mittlerweile ganz gut, wo sie dort – abseits der Lernplattform – die richtigen Antworten finden.

 Der Unterricht am Computer dienst nur als Ergänzung und zum Üben. Der Großteil des Unterrichtsstoffes wird von den Halliglehrerinnen Bente Burmeister und Anne Bernhard vermittelt. Sie haben auch ein Auge darauf, dass nicht zu viel geschummelt wird. Auf den Bildschirmen vor den Kindern ist links an einer Art Tafel Platz für Übungsaufgaben, die mit Tastatur und Computermaus ausgefüllt und beantwortet werden können. Rechts sehen die Schüler ihre Lehrerin und die Mitschüler auf den Nachbarhalligen. Leena Brütt liest Sätze vor und fragt die Kinder, was sie bedeuten. Die drei Schüler müssen sich gut konzentrieren – es kann immer nur einer sprechen. Durch die Verzögerung via Satellit kann es ein paar Sekunden dauern, bis die Antworten ankommen.

 Die nonverbale Kommunikation bleibt beim E-Learning auf der Strecke – einen deutlichen Blickkontakt oder Schulterzucken gibt es nicht. Wenn die Schüler sich melden wollen, drücken sie einen Knopf. „Es ist klar. Wir haben hier als Lehrer nicht die 100-prozentige Kontrolle“, sagt Leena Brütt. „Es geht beim E-Learning vor allem darum, die Sprachpraxis zu stärken und zu prüfen.“ Die Lehrerin unterrichtet die Schüler von ihrer Kieler Schule oder von zu Hause aus. Die größte Gruppe hat elf Schüler von mehreren Halligen. Diese Gruppengröße sei gerade noch zu schaffen.

 Vor zwei Jahren hat Leena Brütt den Unterricht von ihrem Vorgänger und damaligen Projektleiter Jens Lemke übernommen. Er hatte die E-Learning-Gruppen im Norden ins Leben gerufen. Seitdem ist das Projekt ständig gewachsen. Mittlerweile gibt es eine Partnerklasse in den Vereinigten Staaten. Sie sei zwar wegen der Zeitverschiebung nicht immer ganz einfach zu erreichen, werde jedoch manchmal in den Unterricht mit eingebaut. Und so sitzen die Halligkinder immer wieder mit gleichaltrigen US-Amerikanern aus den Südstaaten in einem Klassenzimmer. „Es ist toll, wenn wir unsere Partnerschule aus Tennessee im Netz treffen“, sagt Jan-Ole freudig.

 Aber es muss nicht immer der Sprung über den großen Teich sein. Auch die junge Generation der Halligbewohner wächst durch das Projekt zusammen. „Mit den Laptops kommen wir im Unterricht auch öfter mit den Schülern von den anderen Halligen ins Gespräch“, sagt der 14-jährige Lasse. „Dadurch ist der Kontakt zu denen echt besser geworden.“

 Wie bei der Versorgung der Halligen in der realen Welt spielt das Wetter beim E-Learning eine wichtige Rolle. Wenn es sehr bedeckt ist oder gewittert, kann die Satellitenverbindung abreißen, und die Kinder müssen wieder zum Englischbuch greifen. Künftig soll es eine noch bessere Internetverbindung zwischen Halligen und Festland geben. Lehrerin Leena Brütt frohlockt: „Wir freuen uns schon auf den Ausbau, wenn die Netze schneller werden.“

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH

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