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Armut ist kein Kinderspiel

Gastbeitrag von Anne Lütkes Armut ist kein Kinderspiel

Zu Weihnachten gehören Geschenke genauso dazu wie gutes Essen und ein schöner Baum. Aber nicht alle Menschen können sich all das leisten. Vor allem Kinder leiden besonders unter Armut. Ihnen muss endlich auch von der Politik geholfen werden.

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Die frühe Beteiligung von Kindern durchbricht den Kreislauf der Vererbung von Armut, meint Anne Lütkes, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks.

Quelle: dpa-Zentralbild

Düsseldorf. Wenn Kinder, die in Armut leben, von ihrem Alltag erzählen, gleichen sich die Geschichten immer wieder aufs Neue. Sie erzählen von einem oft schwierigen Alltag, der von Verzicht geprägt ist, davon, dass meistens kein Geld da ist, um mal ins Kino oder Schwimmbad gehen zu können, davon, dass sie in der Schule gemobbt werden, weil sie abgetragene Sachen anhaben, davon, dass sie nicht auf Kindergeburtstage eingeladen werden, weil sie selbst nicht einladen dürfen oder können. Sie erzählen, dass sie, wenn sie zu einem Kindergeburtstag eingeladen werden, nicht hingehen, weil kein Geld für ein Geschenk da ist. Oder sie erzählen, dass sie generell keine Kinder zu sich nach Hause einladen, weil sie sich für ihr Zuhause schämen.

Diese Beispiele könnte man fast endlos fortsetzen. Sie werfen ein deutliches Schlaglicht auf die Situation von armen Kindern in Deutschland. Etwa jedes fünfte Kind hierzulande ist von Armut betroffen, ihre Zahl hat sich im Zuge der Hartz-IV-Gesetze mehr als verdoppelt. Dabei gibt es eine Reihe von Armutsdefinitionen, wobei meistens die Definition der EU herangezogen wird: Demnach ist jemand arm, wenn ihm weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung stehen. In diese Definition fallen zum großen Teil auch die Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen.

Unter der ständigen Angst, nicht genug Geld zu haben, leiden die Kinder besonders stark. Sie müssen, weil ihre Eltern ihnen wegen Geldsorgen oder Überforderung im Alltag oft weniger Aufmerksamkeit als erforderlich schenken, vielfach Verantwortung übernehmen, die sie eigentlich nicht übernehmen sollten.

Wirkliche gesellschaftliche Teilhabe ist nicht möglich

Und obwohl das alles landauf, landab bekannt ist, herrscht bei der Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland weitgehend Stillstand. Dies liegt nicht nur daran, dass eine übergreifende Strategie fehlt, sondern auch am fehlenden politischen Willen, endlich Geld für arme Familien in die Hand zu nehmen. Die finanziellen Spielräume angesichts sprudelnder Steuereinnahmen werden nicht konsequent zugunsten armer Kinder und Jugendlicher genutzt. Die wenigen Lichtblicke reichen nicht aus für wirkliche gesellschaftliche Teilhabe, so wie sie das Bundesverfassungsgericht in seinem Hartz-IV-Urteil im Jahre 2010 gefordert hat.

Kinderarmut wirkt sich auf viele Bereiche des täglichen Lebens aus. In Politik und Verwaltung sind damit verschiedenste Ressorts betraut. Deshalb brauchen wir ein bundesweites Programm zur Bekämpfung der Kinderarmut, das ressortübergreifend an verschiedenen Stellen ansetzt. Das fängt an bei der Beschäftigungspolitik. Eltern müssen in der Lage sein, durch eigene Erwerbstätigkeit sich und ihren Kindern eine ausreichende finanzielle Lebensgrundlage zu bieten.

Wo das nicht klappt, brauchen wir armutsfeste Regelsätze im Hartz-IV-Bezug. Kommunen sollten Maßnahmenpläne gegen Kinderarmut entwickeln, in denen sie passgenaue Hilfen anbieten und lokale Akteure vernetzen. Mit Bildung und Beteiligung stärken wir die Kinder als Subjekte und ermöglichen es ihnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht in Resignation zu versinken. Dabei müssen wir so früh wie möglich ansetzen. Denn die frühe Beteiligung von Kindern durchbricht den Kreislauf der Vererbung von Armut.

Schulfrühstück, Mentorenprogramme, Kulturpatenschaften

Aber auch jede und jeder Einzelne kann etwas für arme Kinder in Deutschland tun. Jeder, der sich schon ehrenamtlich engagiert, sollte immer einen besonderen Blick auf die Situation armer Kinder haben und schauen, ob auch deren Bedürfnisse berücksichtigt werden. Möglich ist natürlich auch die finanzielle Unterstützung der Arbeit von Kinderhilfsorganisationen oder Hilfe ganz konkret vor Ort. Viele Kitas freuen sich über Lesepatinnen und -paten, bei denen ein besonderer Fokus auf Kinder aus finanziell schwierigen Verhältnissen gelegt werden kann.

Da viele Kinder gerade aus armen Verhältnissen ohne Frühstück in die Schule kommen, kann die Organisation eines gesunden Schulfrühstücks viel zum Lernerfolg dieser Kinder beitragen. Verschiedene Wohlfahrtsorganisationen bieten Mentorenprogramme an, um Jugendliche in Schule und Ausbildung zu unterstützen. Eine gute Möglichkeit ist beispielsweise eine Kulturpatenschaft für Theater-, Konzert- oder auch Kinobesuche, damit auch arme Kinder am kulturellen und sozialen Leben teilhaben können, wie das für Kinder aus gut situierten Haushalten eine Selbstverständlichkeit ist.

Und natürlich sollten auch in der anstehenden Weihnachtszeit Kinder aus armen Familien nicht vergessen werden: Vielleicht gibt es in der Nähe eine Initiative, die diesen Kindern Weihnachtswünsche erfüllt. Dort freut man sich bestimmt über tatkräftige Unterstützung. Aber trotz des vielfältigen privaten Engagements brauchen wir für die Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland insbesondere eine umfassende Veränderung politischer Rahmenbedingungen. Das wird eine der Aufgaben sein, der sich die nächste Bundesregierung mit Nachdruck widmen muss.

Zur Person: Anne Lütkes ist seit 2009 Vizepräsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks. Die 69-jährige Grünen-Politikern hatte verschiedene Ämter inne. So amtierte sie als Bürgermeisterin der Stadt Köln und als stellvertretende Minsterpräsidentin von Schleswig-Holstein. Zuletzt war sie Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Düsseldorf.

Von Anne Lütkes

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