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Gastkommentar Ausländerin über Nacht
Sonntag Gastkommentar
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20:01 01.07.2016
Angst statt "common sense", Fremdenhass statt Toleranz: Korrespondentin Katrin Pribyl erlebt ihre Wahlheimat England nach dem Brexit-Votum als ein verändertes, verstörtes Land. Quelle: Janson Woodall / CC BY-NC-ND 2.0
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Manchmal habe ich mich dabei ertappt, wie ich dachte: Dann geht doch! Ihr werdet schon sehen! Das geschah immer dann, wenn mir auf Reisen durchs Land dieses schreiende Desinteresse begegnete, diese völlige Unkenntnis und Arroganz. Dieses Luftgespinst, dass die Abkehr von Europa das British Empire wiederauferstehen lassen würde. Nun sind sie gegangen, und ich bin bestürzt.

Es ist nicht Großbritannien, das mich zur überzeugten Europäerin gemacht hat. Aber es ist Großbritannien, das mich zur Verfechterin der Europäischen Union werden ließ. Nicht weil ich alles gut finde, was in Brüssel passiert, aber es ist eben auch nicht alles schlecht. Ja, es gibt diskussionswürdige Gründe für einen Brexit. Nur sind sie leider untergegangen im lauten Getöse um Immigration, um die Fremden. Was für eine Wut!

Als plötzlich das Leave-Lager in giftig-garstigem Ton und mit Lügen gegen Einwanderer schoss, als Hitler-Vergleiche aufgestellt und rechtspopulistische Plakate aufgehängt wurden, war ich erst überrascht von den Briten, dann schockiert. Demagogen und Karrieristen behaupteten Dinge, die zwar regelmäßig von unabhängigen Experten auseinandergenommen wurden. Doch diese Informationen kamen in vielen Teilen des Landes gar nicht an.

Gelähmtes Königreich

Und nun? Fassungslosigkeit lähmt seit Tagen das Königreich, das politische System. Die Menschen auf der Straße, im Pub, im Taxi kennen kein anderes Thema. Noch immer kann kaum jemand glauben, was geschehen ist. Selbst viele EU-Gegner hatten trotz der Umfragen, die ein knappes Rennen prophezeit hatten, nicht damit gerechnet.

Zum Arbeiten zog ich vor zweieinhalb Jahren auf die Insel, die ich von vielen Besuchen gut kannte. Immer hatte mir dieses Volk imponiert, das sich so cool und selbstironisch präsentierte. Die Briten folgten ganz rational dem "common sense", dem gesunden Menschenverstand, und traten mit einem Selbstbewusstsein auf, das sich vor allem aus ihrer Geschichte speist. Und nicht nur London, das ganze Königreich zeichnete sich stets durch Liberalität, Offenheit, Toleranz aus.

Der einzigartige Mix von Religionen, Nationalitäten und Kulturen fehlt mir, wann immer ich die Weltstadt für eine Weile verlasse. In der Nacht zum 24. Juni 2016 hat sich das verändert. "In shock", schrieb mir um 5.50 Uhr eine deutsche Freundin, die in Cambridge lebt: "Will man in so einem Land leben?" Ich wusste es nicht. Konnte nicht antworten. Brexit. Brexit? Ja, Brexit. Ich war traurig. Enttäuscht. Wütend. "Und du bist nicht einmal britisch", hielt mir ein Freund entgegen. "Ich aber habe nur noch dieses eine Land."

Die Jüngeren fühlen sich betrogen

Es war herzzerreißend. Ein älterer Mann erzählt, er habe seine Ersparnisse abgehoben und unter dem Bett versteckt. Meine Freundin Alex Pett hat geweint. "Was bedeutet das für meine Kinder, für mich, für mein Unternehmen?" Fragen, die Alex begleiten, seit sie am 24. Juni um halb sieben aufwachte. Sie betreibt eine Website, über die Briten Designermode vom Kontinent bestellen können.

Für die Auswahl der Kleider reist sie etliche Male im Jahr von London nach Italien, Frankreich, Spanien. "Europa war vor meiner Haustür, jetzt habe ich das Gefühl, es ist nicht mehr da." Ihr Start-up hat erst in den vergangenen sechs Monaten Schwung aufgenommen. Sie fragt sich, wie es weitergehen soll. Ohne Zugang zu EU-Fördermitteln, dafür mit höheren Lieferkosten, die die kleine Gewinnmarge ins Minus führen könnten. "Ich schäme mich für mein Land."

Viele Jüngere fühlen sich von der älteren Generation um ihre Zukunft betrogen. Verraten. Verkauft. Die Zahlen geben ihnen recht. 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen votierten für den EU-Verbleib. Dagegen stimmten 58 Prozent der über 65-Jährigen für den Brexit.

Lügen der Rechtspopulisten

Doch es ist mehr als ein Generationenkonflikt, es ist ein Kulturkampf. Die Offenheit Europas gegen Isolationismus. Befürworter von Vielfalt gegen Einwanderungsgegner. Diejenigen, die am lautesten gebrüllt haben, feiern den Triumph. Doch so viele Menschen haben auf der Grundlage von Lügen entschieden. Nun wachen sie verkatert auf.

Nachdem die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet worden war und das Land vor Entsetzen zum Stillstand kam, fand ich es überraschend, dass die tödliche Attacke kaum mit dem vergifteten politischen Klima verbunden wurde. Dabei hätten Brandstifter wie der rechtspopulistische Ukip-Chef Nigel Farage oder der konservative Leave-Wortführer Boris Johnson viel deutlicher zur Verantwortung gezogen werden müssen. Als Farage nach der Verkündung des Brexit mit breitem Grinsen meinte, man habe gewonnen, "ohne eine einzige Kugel abgefeuert zu haben", drehte sich mir der Magen um.

Auch Worte können zerstören. Die Anti-Immigrations-Rhetorik kam an, der Sündenbock für alles, was im Land schiefläuft, ist gefunden: der Einwanderer. Jeder Einwanderer. Er hat das Referendum entschieden. Dass Vorurteile, Propaganda, pure Fremdenfeindlichkeit und kaltschnäuzige Angstmacherei gesiegt haben, bleibt nicht ohne Folgen.

Europa hat hier nie stattgefunden

Schon jetzt fühlen sich viele Deutsche, Polen, Franzosen, Spanier nicht mehr willkommen. In den Medien wimmelt es von Berichten über Migranten, die in den After-Brexit-Tagen wegen ihrer Herkunft zum Gehen aufgefordert wurden. Brechen jetzt alle Dämme? Alles, was ich weiß, ist: Ich fühle mich plötzlich als Ausländerin. Das Land hat sich verändert.

Ich fahre nach Bexleyheath am östlichen Rande Londons. Nur eine halbe Stunde ist es mit dem Zug, aber die Welt könnte eine andere sein. Weißes England, viele ausgeträumte Träume und noch mehr auswechselbare Reihenhaussiedlungen. Europa hat hier nie stattgefunden. 80 886 Menschen stimmten für den Brexit, nur 47 603 wollten in der EU bleiben.

Wer wissen will, welche Stimmung in der Kommune herrscht, geht zum Friseur. Seit 1953 werden bei "Lee's" die Haare von Männern gestutzt. Im Schaufenster hängt eine britische Flagge. Lee hat nicht gewählt, "ich wusste nicht, was". Aber das mache keinen Unterschied. "Die in Europa wollen uns doch immer noch", sagt Lee. "Oder?" Ich sage nichts.

Zur Person

Katrin Pribyl, 33, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf und hat längere Zeit in Syrien und Israel gelebt. Seit Anfang 2014 arbeitet sie als Korrespondentin in London.

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