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Gastkommentar Bio, fair – und möglichst billig
Sonntag Gastkommentar Bio, fair – und möglichst billig
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20:01 29.07.2016
Mehr bezahlen für artgerechte Tierhaltung und nachhaltig angebautes Obst und Gemüse? Das wollen die wenigsten Verbraucher. Wie sollen Landwirte mit dieser Doppelmoral umgehen? Quelle: Fotolia
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Ich bin Bauer. Der Bauer, der Ihre Lebensmittel macht. Und ich habe ein Problem mit Ihnen. In unserer Beziehung von Erzeuger und Verbraucher stimmt was nicht mehr. Und vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt. Dass Sie die Lebensmittel möglichst billig einkaufen wollen, weiß ich ja. Daran hat sich nicht allzu viel geändert, auch wenn Sie das Gegenteil behaupten. Denn wenn Ihnen Lebensmittel etwas wert wären, würden Sie nicht so viel wegwerfen.

Und dass Sie immer auf Qualität achten? Im Zweifelsfall entscheiden Sie sich dann doch für das billigere Produkt. Gut, die Discounter verkaufen jetzt auch Markenprodukte. Dafür gehen die Supermärkte mit ihren Eigenmarken in Richtung Billigware, um ihre Marktanteile nicht zu verlieren. Alles nichts Neues. Alle drücken den Preis beim Erzeuger – so weit, wie es geht. Bauern, die da nicht mitkommen, müssen halt aufhören. Selbst schuld.

Die Doppelmoral der Verbraucher

Auch wenn es sich etwas zynisch anhört: Das ist für mich als Bauer nicht das ganz große Problem. Womit ich nicht mehr zurechtkomme, sind die Ansprüche, die Sie, liebe Verbraucher, an mich stellen. Sie wollen doch auch keine Massentierhaltung, oder? Das Supermarkthähnchen kostet 2,79 Euro und wiegt 1200 Gramm. Und das Würstchen, das Sie auf Ihren 800 Euro teuren Grill legen, soll nicht mehr als 79 Cent kosten.

Was glauben Sie denn, wie das anders gehen soll als mit großen Einheiten? Wenn 100 Gockel auf der Wiese hinter dem Haus laufen, sieht das zwar schön aus und erregt Wohlgefallen – aber so ein Bio-Huhn kostet eben auch gut und gern 24 Euro. Das ist es Ihnen dann auch nicht wert. Na gut, vielleicht mal alle paar Monate. Um das Gewissen zu beruhigen.

Sie, liebe Verbraucher, sind schizophren. Klingt hart, ist aber so. Natürlich nicht im klinischen Sinn. Doppelte Moral würde es wohl besser treffen. Sie werfen uns Bauern Massentierhaltung vor, ziehen aber den Schwanz ein, wenn Sie für eine andere Form der Tierhaltung mehr bezahlen sollen.

Nur ein Prozent kauft nur noch Biofleisch

In Umfragen wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Wenn es stimmen würde, was da so von Ihnen ins Mikrofon gesagt wird, würde mindestens jeder Vierte nur noch Biofleisch kaufen. In der Realität ist es kaum mehr als ein Prozent. Und der Anteil steigt nicht nennenswert, obwohl die Kritik an der Tierhaltung immer weiter zunimmt.

Das ist es, was mich ärgert: dass ich mich mit Ihren Vorwürfen ständig auseinandersetzen muss – und ich mich auch noch entschuldigen soll. Wofür eigentlich? Dafür, dass Sie alles nur billig haben wollen? Dafür, dass Sie eigentlich wissen sollten, wie Ihre Lebensmittel produziert wurden? Ja, ich weiß, bei bestimmten Textil- und Schuhketten kauft ja angeblich auch niemand ein, genauso wie niemand die "Bild"-Zeitung liest. Doch diese Läden haben sehr viele Kunden, obwohl die meisten von ihnen wissen, dass die dort feilgebotenen Klamotten in Bangladesch produziert wurden.

Klar, Atomkraft wollen Sie auch nicht. Windkraft durchaus, aber nicht vor Ihrer Tür. Gleiches gilt für Autobahnen und Strommasten. Und wenn organischer Dünger aus Biogasanlagen ausgebracht wird, stinkt Ihnen das.

Landwirtschaft vs. Landleben-Klischee

Womöglich schimpfen Sie gerade über das jüngste EU-Hilfspaket für Milchbauern. Schon wieder Geld vom Staat! Das verstehen Sie nicht? Sie werden es kaum glauben: Das wiederum verstehe ich, und ich stimme Ihnen zu. Wenn zu viel produziert wird, fällt der Preis. Punkt. Das ist bei Schweinen so, bei Getreide, Raps und Kartoffeln. Doch da schreit niemand nach dem Staat, sondern sagt sich: Das ist halt die Marktwirtschaft, da gibt es nun mal Höhen und Tiefen.

Sympathisch ist Ihnen der Bauer erst wieder, wenn Sie billiges Bauland bei ihm kaufen können. Aber wenn Sie dann aus der Stadt in Ihr neues Häuschen im Grünen umgezogen sind, stört er wieder nur: Die großen Trecker verdrecken die Wirtschaftswege, spät am Abend laufen noch die Mähdrescher und machen Krach und Staub, während Sie auf der Terrasse sitzen.

Schnell mal das Ordnungsamt anrufen, damit das endlich aufhört. Oder doch besser gleich die Polizei. Sollen die sich doch darum kümmern. Sie haben ja schließlich Feierabend und wollen Ihr Leben auf dem Land genießen.

Informieren statt mitschimpfen

Ob es die diversen Umwelt- oder Naturschützer, Tierschützer oder die Grünen sind: Alle erklären uns Bauern, was wir angeblich falsch machen. Haben wir eine Anforderung erfüllt, wird auch schon die nächste an uns gestellt. Teilweise sind diese Forderungen auch noch widersprüchlich: Ein Verbot der Anbindehaltung bei Rindern führt zwangsläufig zu größeren Ställen – und dann betreiben wir wieder Massentierhaltung. Fast alle neuen Verbote, Vorschriften und Regelungen führen in der Konsequenz dazu, dass der bäuerliche Familienbetrieb ausstirbt.

Ob es schlimm ist, wenn es statt Bauernhöfen nur noch Agrarfabriken gibt? Das müssen Sie entscheiden. Wenn Sie statt Managern Menschen haben wollen, denen die Natur noch etwas wert ist, sollten Sie das zum Ausdruck bringen. Nicht, indem Sie mitschimpfen, wenn alle schimpfen. Sie sollten sich selbst informieren, anstatt Vorgekautes einfach so zu glauben. Vielleicht sollten Sie einfach mal rausfahren aufs Land und in einem Hofladen einkaufen. Da bekommen Sie Lebensmittel "mit Erklärung". Aus erster Hand.

Vielleicht sind wir Landwirte auch nicht ganz unschuldig an der Misere. Wir haben Ihnen lange Zeit nichts von unseren Produktionsweisen erzählt und gezeigt. Das wollen wir ändern. Am
1. Oktober soll es in Deutschland, Österreich und Südtirol den ersten Regio Day geben, also den Tag der heimischen Lebensmittel. Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Erzeuger und Konsumenten dann begegnen würden. Sie und ich.

Zur Person

Quelle: privat

Dr. Willi Kremer-Schillings, Landwirt aus dem Rheinland, wurde durch sein Internetportal www.bauerwilli.com und die Kolumne "Lieber Verbraucher" bekannt. In seinen bissigen Texten wendet sich Kremer-Schillings gegen falsche Erwartungen an seinen Berufsstand. Kürzlich erschien bei Piper Kremer-Schillings' Buch "Sauerei! Bauer Willi über billiges Essen und unsere Macht als Verbraucher" (336 Seiten, 12,99 Euro).

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